Innere Mission München

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Ein Anker im zweiten Leben

Martin P. arbeitet seit fast fünf Jahren im Secondhand-Laden „Wertstoff#4“ der diakonia

Wenn Martin P. von seiner Vergangenheit erzählt, redet er mit fester Stimme. Wie jemand, der nichts zu befürchten hat, weil er weiß, dass es vorbei ist, „die ganze Psychogeschichte“, wie er es nennt. Vorsichtig dreht der 39-Jährige zwischen seinen langen schmalen Fingern Tabak in ein Zigarettenpapier. Hinter ihm im „Werstoff#4“, dem Secondhand-Laden der diakonia – ein gemeinsames Unternehmen des Evangelischen Dekanatsbezirks München und der Inneren Mission – wühlen sich gerade zwei junge Frauen durch die lange Reihe Sommerjacken.

In der kurzen Arbeitspause, zwischen Kleidersortieren und Kundengesprächen, gönnt er sich eine Zigarette. Es ist das kleinste Laster, das ihm geblieben ist. Schon mit 20 hatte er so ziemlich alles geraucht, was es gab: „Ich habe nichts ausgelassen“, sagt er und wirkt trotz seiner 1,97 Körpergröße mit einem Mal etwas verletzlich.Alles war plötzlich so anstrengend gewesen. Irgendetwas hatte sich verändert, die Umwelt, er selbst. Er verlor den Kontakt zu den Freunden, hatte ständig Streit mit seinem Stiefvater, war tagelang auf Techno-Partys unterwegs. Auf der Straße wurde er auffällig, trat wütend auf ein Fahrrad ein, ging auf einen Passanten los.

Tiefer Fall

Dann der erste Klinikaufenthalt. „Dort hörte ich zum ersten Mal, dass ich krank bin.“ Psychosen, Angstzustände, Schizophrenie, befeuert durch Drogenmissbrauch. Immer wieder rutschte er ab. Kam wieder in die Klinik, beugte sich kurzfristig dem äußeren Druck, nahm die Medikamente – um danach umso tiefer zu fallen.

Zwei Ausbildungen hat Martin P. gemacht: als Landschaftsgärtner und Tontechniker. In beiden Berufen hatte er gearbeitet, „auch zwei oder drei gute Jobs gehabt“, bis die Krankheit irgendwann das Ruder übernahm. 2006 landete er dann im Bezirkskrankenhaus Haar, hinter geschlossenen Türen und vergitterten Fenstern. „Da lernt man es dann wirklich“, sagt er, lacht kurz und trocken und fährt sich über seine raspelkurzen Haare.

Die regelmäßige Medikamenteneinnahme, die Gespräche mit Therapeuten zeigten Wirkung. „Ich habe angefangen, zu überlegen“, sagt er. Ein Mitpatient erzählte ihm von der diakonia. Schwärmte von dem mit öffentlichen Geldern geförderten Münchner Sozialbetrieb, der Menschen mit schwierigem Hintergrund eine Chance gibt. Arbeit in einem schützenden Rahmen, der eine langsame Annäherung an den Alltag wieder möglich macht. Martin P. erinnert sich ganz genau: „Am 19. November 2008 habe ich die Bewerbung geschrieben.“

 

 

Im fünften Jahr arbeitet er jetzt hier. Der „Wertstoff#4“ in der Seidlstraße 4 ist zum Anker in seinem zweiten Leben geworden. Bewerbungsgespräch, drei Probetage, dann wieder ein Gespräch – „ich hab mich von Anfang an voll reingehangen“, sagt Martin P. und man hört den Stolz in seiner Stimme. Er fing mit wenigen Stunden an, stockte bald auf, weil alles so gut lief. Mittlerweile absolviert er ohne Probleme seine 40-Stunden-Woche, wurde zum Vorarbeiter.


Er bereitet die Kleidung für den Verkauf vor, arrangiert sie im Laden, berät Kunden, macht Dienst an der Kasse. „Ich mag den Kontakt zu den Menschen“, sagt er, „vor allem, weil so viele unterschiedliche zu uns kommen.“ Martin P. nimmt jeden, so wie er ist. Offen und neugierig geht er auf alle und alles zu, mit dieser Portion Gelassenheit, die nur jemand haben kann, der schon so viel erlebt hat, schon so „ganz unten war“ wie er.

Ein Gerüst fürs Leben

Gleichzeitig arbeitet er so engagiert, dass sein Chef voll des Lobes ist. „Grundehrlich, zuverlässig und solidarisch“ erlebt er ihn. Immer zur Stelle, um zu helfen, wenn „jemand mal nicht so breite Schultern hat“. Gerade wurde der 39-Jährige von Kollegen für den Betriebsrat vorgeschlagen, eine Anerkennung, die Martin P. besonders freut.


Der stabile Arbeitsalltag hat seinem Leben insgesamt ein Gerüst gegeben. Zuverlässig nimmt Markus P. jetzt seine Medikamente. Seit acht Jahren hat ihn keine Psychose mehr gequält. Er besucht regelmäßig seine Mutter, die über all die Jahre des Kummers trotzdem zu ihrem einzigen Sohn gehalten hat. Und auch mit dem Stiefvater kommt er jetzt gut aus. Sie sitzen zusammen im Wohnzimmer, unterhalten sich – früher war so etwas undenkbar.

Neue Freunde gefunden

Martin P. freut es, das Vertrauen der Menschen, die ihm wichtig sind, zurückgewonnen zu haben. Und er schätzt die Sicherheit, die ihm sein neues Leben gibt. Ist glücklich über die Erkenntnis, dass man „mit 39 noch keine Schrankwand haben muss und trotzdem ein cooles Leben führen kann“. Er muss keine Pille mehr einwerfen für ein paar Stunden Glück. „Was ich jetzt erreiche, ist viel größer“, sagt er und lächelt.
Seine freundliche Art und sein umgängliches Wesen kommen an. Längst hat er neue Freunde gefunden.

Viele kennen seine Geschichte nicht. Mit ihnen schlendert er am Wochenende über Flohmärkte, auf der Suche nach alten Sonnenbrillen für seine Sammlung. Oder er gönnt es sich mal, mit ihnen gemütlich Essen zu gehen, zu reden. „Ich habe immer öfter das Gefühl, endlich daheim zu sein“, beschreibt Martin P. sein neues Lebensgefühl – und seine Augen leuchten dabei noch ein wenig blauer.

Beruflicher Ehrgeiz

Pläne schmiedet er nicht, er lässt das Leben auf sich zukommen. Träume, die hat er aber. Sein größter: eine Wohnung für sich. „Ich würde sie im 50er- und 60er-Jahre-Stil gestalten“, sagt er und wedelt mit den Händen durch die imaginären Räume. Bisher lebt er in einer Wohngemeinschaft. Kein Vermieter gab ihm bisher eine Chance. „Ich komme immer bis zu Schufa-Auskunft und daran scheitert es dann.“ Mieter mit Schulden – auch ein Relikt seines früheren Lebens – nimmt keiner. „Mit 45 will ich sie los sein“, sagt Martin P. bestimmt. Und wie er das sagt, besteht kein Zweifel daran, dass er das auch schafft.

Auch beruflich hat er seinen Ehrgeiz. „Ich will noch viel lernen, mich weiterentwickeln.“ Ob er es auch außerhalb der diakonia schafft, weiß er noch nicht. Er ist sich der schützenden Umstände seines gemeinnützigen Arbeitgebers bewusst, „dass es auch mal mitgetragen wird, wenn es gerade nicht so läuft“.
Und er schätzt es, nicht unter so großen Druck zu geraten wie in der „normalen“ Arbeitswelt. „Er identifiziert sich in hohem Maße mit der diakonia“, lobt sein Chef.

„Diese ganze Psychokram-Geschichte“ möchte Martin P. aber endlich einmal hinter sich lassen. Dann lacht er wieder sein ansteckendes Lachen. Wie einer, der weiß, wie unglaublich weit er es trotz seiner Krankheit schon geschafft hat. Und der es bestimmt noch weiter schaffen wird.

Doris Richter

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