Innere Mission München

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25. März 2019

Königsform des Journalismus ausgezeichnet

Karl-Buchrucker-Preis für Beiträge über Gewalt und sexuelle Unterdrückung von Frauen

Der Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission geht in diesem Jahr zu gleichen Teilen an den Printbeitrag „Auf eigene Faust“ und an ein aufwändig recherchiertes Stück über „Gefallene Mädchen“ das die beiden Autorinnen sowohl beim Bayerischen Rundfunk als auch im Zeit-Magazin veröffentlicht haben.

Ausgezeichnet werden ein von Philipp Mausshardt im Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlichter Text, bei dem der Autor die Geschichte dreier Jugendlicher recherchiert, die seinen Sohn krankenhausreif geschlagen haben sowie ein bimediales Projekt von Christiane Hawranek und Nadine Ahr über junge Frauen in den 50-er bis 80-er Jahren, die ihre unehelich geborenen Kinder zur Adoption freigeben mussten. Der sonst mit 5.000 Euro dotierte Preis wurde in diesem Jahr um 2.000 Euro aufgestockt, so dass beide Preise mit je 3.500 Euro dotiert sind.

Schonungslos aus dem Inenleben reportiert

Philipp Mausshardt (60), Gründer und Leiter der Reportageschule "Zeitenspiegel" der Volkshochschule Reutlingen, beschreibt in seinem Beitrag "Auf eigene Faust", wie sich nach der Prügelattacke gegen seinen Sohn seine eigene Aggression gegen die Schläger zusehends in Empathie verwandelt. Somit gelingt es ihm nach Meinung der Jury, einen wunden Punkt der Gesellschaft zu thematisieren: "Jeder gegen jeden - der Hass wird immer größer, alles droht zu explodieren."

Der Autor schaffe es, mit seiner eigenen Haltung den Tätern gegenüber "ein eindrucksvolles Gegenbeispiel zu schildern zu dem derzeitigen gesellschaftlichen Trend. Laudatorin Johanna Haberer bezeichnete in ihrer Ansprache die Reportage als die Königsform des Journalismus: Reporter seien in besonderem Maße auch Vertrauenspersonen. Mausshardt habe nach der Attacke "schonungslos aus seinem Innenleben" reportiert.

Text lädt zum Umdenken ein

Auf der Suche nach dem Täter sei er aber keinem gewissenlosen Schurken begegnet, sondern einem "halt-, orientierungs- und vaterlosen Jungen mit türkischen Wurzeln und einem zerrissenen Herzen"; seine Wut habe sich in Weisheit verwandelt, er selber vom Verfolger zum Beschützer. "Dieser Text lädt ein zum Umdenken und ist ein wichtiger Beitrag gegen die Polarisierung in der Gesellschaft."

Die zweiten Preisträger, Christiane Hawranek (34) und Nadine Ahr (37), beide Absolventinnen der Evangelischen Journalistenschule in Berlin, recherchierten mit großem Aufwand ein Thema, das bislang weder journalistisch noch wissenschaftlich aufgearbeitet wurde: Ledige Frauen, die ein Kind bekamen und deren Schwangerschaft bis in die 80-er Jahre hinein noch als Schande für die Familie galt. Sie entbanden heimlich und wurden oft gezwungen, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Aus Scham verstecken sie sich zumeist bis heute.

Erstmals eine Stimme gegeben

Die Beiträge im Bayerischen Rundfunk und im Zeit-Magazin "geben ihnen erstmals eine Stimme", so das Urteil der Jury. Zugleich zeige die menschlich aufwühlende Geschichte "erschreckende Parallelen zu heute auf mit der Diskussion über die Strafgesetz-Paragraphen 218 und 219". Johanna Haberer sagte bei der Preisverleihung im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks, es sei kaum zu glauben, dass diese Praxis der "Einschüchterung, Geldmacherei und unverhohlener Verachtung gegenüber ledigen Müttern noch bis in die 1980-er Jahre stattgefunden" hätte.

In der ein dreiviertel Jahr dauernden Recherche seien die beiden Autorinnen "höchst verantwortungsvoll, sensibel und reflektiert" vorgegangen. Dieses Vorgehen sei zugleich auch das Geheimnis, warum Menschen mit ihnen geredet haben, die jahrelang geschwiegen hätten.

Ganzheitlicher und empathischer Blick

Den Themenpreis erhielt die 37-jährige Hörfunkreporterin Isabelle Hartmann für ihre im "Notizbuch" auf Bayern 2 ausgestrahlte "Nah dran"-Reportage "Ganzheitliche Hilfe für benachteiligte Familien - 25 Jahre Lichtblick Hasenbergl". Hartmann schildert in ihrem Feature die Arbeit des Vereins, der im Münchner Norden sozial benachteiligte Kinder unterstützt. Nach Meinung der Jury ein "sehr hörenswerter Beitrag, der deutlich macht, dass in einer reichen Stadt wie München auch Menschen Platz haben müssen, denen es nicht so gut geht".

Jurymitglied Burkhard Hartmann würdigte in seiner Ansprache die "direkte, offene, ehrliche und zugleich sehr behutsame Form", in der die Autorin die Arbeit des mehrfach ausgezeichneten Vereins schildert. "Es tut gut, die Arbeit eines kirchlichen Trägers so einfühlsam geschildert zu bekommen, gerade in Zeiten, in denen die Rolle der Konfessionen bis in die Politik hinein hinterfragt wird." Der "ganzheitliche und empathische Blick" der Reporterin gebe so "ein lebendiges Zeugnis von sozialer Arbeit".

Vertrauen aller Beteiligten gewonnen

Der Nachwuchspreis ging an die 28-jährige Journalistin Theresa Hein für ihren im SZ-Magazin erschienenen Text "Was nicht passieren darf", über einen pädophilen Jugendlichen und seine Familie. Der Text beschreibe "die Not des Jungen und die seiner Familie mit viel Empathie, ohne in Betroffenheitsgeschwafel abzudriften", so die Jury.

Die Autorin habe es verstanden, das Vertrauen aller Beteiligten zu gewinnen, lobte Laudator Jürgen Schleifer. Herausgekommen sei die "ungeschminkte Geschichte einer Familie"; die Autorin habe das Leben des 15-Jährigen sehr feinfühlig beobachtet und beschrieben "ohne zu moralisieren und den Zeigefinger zu erheben". Themenpreis und Nachwuchspreis sind mit jeweils 3.000 Euro dotiert.

Beiträge lassen nicht kalt

Stefan Maier, Programmbereichsleiter Stefan Maier vom Bayerischen Rundfunk sagte, die prämierten Stücke machten Hörer und Leser "zornig, nachdenklich, hoffnungsvoll - nur eines tun sie nicht: Sie lassen uns nicht kalt". Nicht reißerisch und anbiedern werde berichtet, sondern unaufgeregt und sachlich: "Da wird nichts ausgeschmückt, da wird nichts ausgeschmückt, da wird nichts erfunden, da werden niemandem Zitate in den Mund gelegt - sondern als erstes wird sauber recherchiert."

In Zeiten, in denen journalistische Redlichkeit keine Selbstverständlichkeit mehr sei und aufgeheizte Debatten über Lügenpresse geführt würden, tue ein wohlüberlegter und nach strengen Maßstäben vergebener Preis wie der Karl-Buchrucker-Preis gut, so Maier.

"Nächstenliebe 4.0" ist Thema für nächstes Jahr

Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission, wies in seiner Begrüßung auf die hohe Qualität der Bewerbungen hin: "Die nachwachsende Generation ist politischer, als manche Politiker gerne hätten." Der Themenpreis für das nächste Jahr sei so gewählt, dass er sich an die aktuellen Preise anschließt: Die Unterscheidung zwischen Person und Taten werde auch in der Nächstenliebe deutlich. Das Thema für 2019 laute somit "Nächstenliebe 4.0".

Für den Aufsichtsrat warnte Peter Gleue vor weltweit grundlegenden Veränderungen, die 30 Jahre nach dem Mauerfall den Zusammenhalt schwächen. "Nationale Sonderwege, separatistische Tendenzen verbunden mit populistischen Parteien und aggressiven Strategien schwächen den Zusammenhalt auf allen Ebenen und gefährden die wirtschaftliche Prosperität." Arm und Reich drifteten in unserem Land und weltweit auseinander, die Armutsmigration werde weiter zunehmen und Verteilungskämpfe sich verschärfen. Gleue wörtlich: "Wir müssen uns auf härtere Zeiten einstellen."

Stellenwert diakonischer Arbeit fördern

Insgesamt gingen bei der Inneren Mission dieses Jahr 51 Bewerbungen aus den Bereichen Hörfunk, Fernsehen, Print und neue Medien ein. Das Preisgeld in Höhe von 13.000 Euro stiften auch in diesem Jahr wieder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon, die Bruderhilfe - Pax - Familienfürsorge, der Versicherer im Raum der Kirchen, sowie die Evangelische Bank.

Der Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission erinnert an den Gründer des kirchlichen Sozialunternehmens und wurde in diesem Jahr zum neunzehnten Mal vergeben. Ziel des Preises ist es, durch die Auszeichnung von Beiträgen, die sich in herausragender Weise mit diakonischen oder sozialen Themen befassen, den Stellenwert diakonischer Arbeit in der Öffentlichkeit zu fördern. Schirmherr des Preises war bis zu seinem Tod Bundespräsident a.D. Prof. Dr. Roman Herzog.

Ausgezeichnet für hervorragende Arbeit (v.l.n.r.): Theresa Hein, Isabelle Hartmann, Philipp Mausshardt, Nadine Ahr und Christiane Hawranek. Foto: Oliver Bodmer

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