Innere Mission München

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Seit zehn Jahren gibt es den Ethikbeirat der Hilfe im Alter

Statt Wegsehen wird genaues Hinschauen zur Pflicht

Wie verhalten sich Pflegekräfte und Angehörige, wenn eine Heimbewohnerin nicht mehr essen will? Soll eine Pflegehelferin einen hochbetagten Senioren täglich waschen, auch wenn er das gar nicht will? Solche und ähnliche Situationen gehören zum Pflegealltag in den Einrichtungen der Hilfe im Alter. Sie stellen für die Beteiligten immer wieder eine gewaltige Herausforderung dar.

Ganz besonders ist das der Fall, wenn es um existentielle Fragen geht wie: Sollen lebensverlängernde Maßnahmen auch dann noch getroffen werden, wenn der Bewohner offensichtlich etwas anderes signalisiert? Die Betroffenen – Angehörige, Pflegekräfte und Ärzte – müssen gemeinsam eine Entscheidung treffen. Das ist oft schwierig.

Die Hilfe im Alter hat deshalb vor zehn Jahren – als erster diakonischer Träger in Bayern – einen Ethikbeirat gegründet, der die Beteiligten in solchen Situationen unterstützen soll. "Wegschauen ist in diesen schwierigen Problemlagen nicht erlaubt", erklärt Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Hilfe im Alter. "Wir dürfen die Betroffenen hier nicht alleine lassen."

Interne und externe Fachleute kommen zusammen

Das Ergebnis: Seit nunmehr fast zehn Jahren unterstützt der Ethikbeirat, in dem interne und externe Fachleute zusammenkommen, im Auftrag der Geschäftsführung alle Pflegeeinrichtungen der Hilfe im Alter bei Entscheidungen, die die Lebensqualität der Bewohner, deren Autonomie oder Fragen zu einem würdevollen Tod betreffen – und bei denen eine Beratung von außen für alle Beteiligten hilfreich sein kann.

Dabei geht es zentral um die Frage, was zur Lebensqualität der Bewohnerin oder des Bewohners beiträgt. Viele Problemsituationen können die Mitarbeitenden in den Einrichtungen ohne externe Hilfe lösen – gemeinsam mit den Betroffenen, den Angehörigen und den behandelnden Ärzten. Manche Fragestellungen sind jedoch so komplex und schwierig, dass eine Beratung von außen notwendig sein kann. "Der Ethikbeirat bietet dafür ethische Fallbesprechungen an, die von geschulten Experten moderiert werden", erläutert Pfarrerin Dorothea Bergmann. Sie ist Vorstandsmitglied des Beirats und Leiterin der Fachstelle Spiritualität – Palliativ Care – Ethik – Seelsorge der Hilfe im Alter.

Viele dieser Fallbesprechungen moderiert Dorothea Bergmann selbst, ungefähr 50 sind es pro Jahr. "Wir prüfen jeden Fall individuell. Ziel ist es, den Willen des Bewohners oder der Bewohnerin zu respektieren. Und wenn keine Patientenverfügung vorhanden ist, den mutmaßlichen Willen durch Hinweise aller Beteiligten herauszufinden", betont die Pfarrerin.

Sie nennt ein Beispiel: Eine Frau will nicht mehr essen. Die Pflegekräfte und die Angehörigen beraten, wie sie sich verhalten sollen. Die Pflegerinnen wollen den Wunsch der Bewohnerin respektieren, auf diese Weise zu sterben. Die Angehörigen fordern eine künstliche Ernährung über eine Magensonde. Zwei unterschiedliche Positionen stehen sich gegenüber. "Ich komme als Moderatorin von außen in diese Situation. Ich habe keine fertigen Lösungen parat", sagt Dorothea Bergmann, "sondern wir sammeln gemeinsam Ideen für einen nächsten Schritt und haben dabei im Blick was im Sinne des Bewohners das Beste ist".

Rund 300 Fallbesprechungen

Rund 300 ethische Fallbesprechungen hat Pfarrerin Bergmann bis heute moderiert, nur in etwa einem Prozent der Fälle gab es keine Einigung. Die Mitarbeitenden der Hilfe im Alter können sich mit ihren Fragen auch direkt an den Ethikbeirat wenden. Das Gremium kann dann den vorgelegten Fall im Plenum behandeln – insbesondere, wenn es sich um einen grundlegenden oder exemplarischen ethischen Konflikt handelt.

Der Ethikbeirat besteht aus etwa 20 Mitgliedern. Es gibt zwei Gruppen: Interne Mitglieder – das sind Mitarbeitende der Hilfe im Alter. "Alle Berufsgruppen aus der Pflege sind vertreten", erläutert Dorothea Bergmann, "vom Heimleiter bis zur Helferin. Und sie sind gleichberechtigt in der Diskussion." Die externen Beiratsmitglieder stammen aus unterschiedlichen Professionen: Theologen, Mediziner und Juristen.

Unterstützung bei schwerwiegenden Entscheidungen

"Der Ethikbeirat ist mit seinen Fallbesprechungen ganz nah dran am tatsächlichen Geschehen in unseren Einrichtungen", erklärt Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Hilfe im Alter. "Das gibt den Mitarbeitenden Sicherheit." Wichtig sei die Möglichkeit, sich Ratschläge von außen zu holen, "diese Rückkopplungsmöglichkeit". Das sehen auch die externen Fachleute so, die sich im Beirat engagieren. Zum Beispiel Constanze Giese, die Vorsitzende des Ethikbeirats. Sie ist Professorin für Ethik und Anthropologie an der Katholischen Stiftungshochschule München: "Das Gremium ist ein wichtiger Beitrag zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Menschen, die in den Einrichtungen der Hilfe im Alter leben und arbeiten", erklärt sie. "Der Beirat kann in existentiellen Situationen und bei schwerwiegenden Entscheidungen Unterstützung anbieten. Wenn es ihn noch nicht gäbe, müsste er erfunden werden."

Inzwischen sind andere Träger dem Beispiel der Hilfe im Alter gefolgt und haben ebenfalls einen Ethikbeirat installiert. Constanze Giese meint dazu: "Ethikberatung ist ein Thema, an dem heute kein Träger mehr vorbei kommt." Gerade in der stationären Pflege alter Menschen, die häufig unterschiedliche, manchmal auch psychische Erkrankungen mitbringen, verbinde sich ein komplexer Versorgungsbedarf mit schwierigen ethischen Entscheidungen; das Angebot einer Ethikberatung gehört ihrer Meinung nach heute zum State of the Art, zum aktuellen Stand der Wissenschaft. "Die Hilfe im Alter hat mit ihrem sehr praxisorientierten Ethikbeirat Vorbildcharakter."

Rainer Ulbrich

Junge Hände halten alte Hände
Der Ethikbeirat ist nah dran am Pflegealltag. Foto: Michaela Handrek-Rehle
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