Innere Mission München

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06. Oktober 2020

Der Karl-Buchrucker-Preis wurde verliehen

Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung ging an Anna Tillack

Katrin Blum wurde für die Reportage "Aus den Augen" im SZ-Magazin mit dem Themenpreis ausgezeichnet. Nachwuchs-Preisträgerin Franziska Grillmeier schildert den Kampf einer Mutter um ihren in Griechenland inhaftierten Sohn. "Der verlorene Sohn" erschien in der Süddeutschen Zeitung.

Mit einer Corona-bedingten Verspätung von sechs Monaten hat die Innere Mission München den diesjährigen Karl-Buchrucker-Preis verliehen. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung ging an Anna Tillack für ihre im BR Fernsehen ausgestrahlte Dokumentation "Die Bettler aus der Walachei – Bedürftige oder organisierte Bande?" In der 43 Minuten langen Sendung porträtiert die Journalistin Bettler aus Rumänien, die in München ihr Glück versuchen. Zudem schildert sie eindrücklich die Situation in deren Heimatland, wo Roma-Familien in unvorstellbarer Armut leben – ohne Strom, Wasseranschluss und Kanalisation.
Laudator Till Krause bezeichnete das Werk der 34-Jährigen als ein "Meisterstück", das mit erschreckenden Bildern aus einem zur EU gehörenden Land die Zuschauer aufrüttle: "Der Film zeigt Zwischentöne, keine Lösungen; er klagt nicht an, sondern tut das, was gutes, öffentlich-rechtliches Fernsehen eben tut: dokumentieren." Filme wie dieser könnten dabei helfen, das gezeigte Leid zu mildern, wie die überwältigenden Reaktionen gezeigt hätten. So keime die Hoffnung auf, dass sich die Abwärts-Spirale beenden lasse und nicht auch die nächste Generation in Armut und Chancenlosigkeit gefangen bleibe, so Krause.

Mit dem Themenpreis ehrte die Jury die 42-jährige freie Journalistin Katrin Blum aus Berlin für ihre im "SZ-Magazin" veröffentlichte Reportage "Aus den Augen". Die Autorin protokolliert darin eine Hobby-Basketballmannschaft, die nach vielen Jahren einen ihrer früheren Mitspieler besuchen, der nach drei Schlaganfällen schwerstbehindert im Pflegeheim lebt. Zu dem diesjährigen Motto des Themenpreises, "Nächstenliebe 4.0", passe diese "wunderbare Geschichte der Menschlichkeit" hervorragend, lobte Laudator Uli Brenner. Die Autorin, Absolventin der Deutschen Journalistenschule, zeige exemplarisch, wie sich der Blick verändert, je dichter man den Menschen kommt. "Katrin Blum ist immer ganz nah dran – und trotzdem ist ihr Blick nicht voyeuristisch; immer schildert sie die Szenen genau und bewegend – aber nie ist ihre Sprache tränendrüsig."
Die Autorin bleibe auch in sehr intimen Momenten fast nachrichtlich "und genau das macht die Geschichte so anrührend". Gerade "nach Relotius" – einem mehrfach preisgekrönten Autor des Spiegel, der Teile seiner Geschichten frei erfunden oder gefälscht hatte – seien es Texte wie der von Katrin Blum, "die Zweifel an der Seriosität journalistischer Arbeit ausräumen und Vertrauen schaffen können", so Brenner. "Das ist Qualitätsjournalismus."

Den Nachwuchspreis erhielt die 28-jährige Journalistin Franziska Grillmeier für ihren in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Text "Der verlorene Sohn". Die freie Journalistin und Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule in Reutlingen schildert den bewegenden Kampf einer Mutter, die ihren in Griechenland inhaftierten Sohn aus dem Gefängnis holen will. Sein Vergehen: Er hatte geholfen, Flüchtlinge zu retten, deren Boot zu kentern drohte. Laudatorin Johanna Haberer sagte, die im April 2019 erschienene, einfühlsame und klug aufgebaute Reportage lasse sich rückblickend "beinahe wie ein Stück Prophetie lesen." Changierend zwischen Rückblick und Jetztzeit-Erzählung zeige sie "die ganze Krise der europäischen Flüchtlingspolitik auf". Franziska Grillmeier gehe mit ihren Texten "an die Grenze" und schildere akribisch, "wie Menschenliebe eine Straftat wird und wie Menschen eingebuchtet werden, weil sie anderen das Leben retten".

Themenpreis und Nachwuchspreis sind mit jeweils 3.000 Euro dotiert. Das Preisgeld in Höhe von 11.000 Euro stiften auch in diesem Jahr wieder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon, die Bruderhilfe – Pax – Familienfürsorge, der Versicherer im Raum der Kirchen, sowie die Evangelische Bank. Thorsten Nolting, Vorstand der Inneren Mission, teilte mit, dass es gelungen sei, als neues Jury-Mitglied die frühere BR-Chefredakteurin Hörfunk, Mercedes Riederer, zu gewinnen. Gleichzeitig dankte er Marion Glück-Levi, die dieses Amt nach 20-jähriger Tätigkeit aufgab, für ihre engagierte Mitarbeit.
Als Themenpreis für 2020 haben man das Merkel-Wort "Wir schaffen das" gewählt, um die Integrationsleistung und das soziale Engagement in der Bundesrepublik zu dokumentieren – und auch die noch bevorstehenden Aufgaben. Nolting wörtlich: "Wir merken in unserer Arbeit immer mehr, dass es sich hierbei nicht um einen Kurzstreckenlauf handelt, den man mit einem Sprint schnell schafft." Die Integrationsaufgabe gleiche vielmehr einem Marathonlauf, für den man "einen langen Atem und eine gute Kondition braucht".

Der Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission erinnert an den Gründer des kirchlichen Sozialunternehmens und wurde in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal vergeben. Ziel des Preises ist es, durch die Auszeichnung von Beiträgen, die sich in herausragender Weise mit diakonischen oder sozialen Themen befassen, den Stellenwert diakonischer Arbeit in der Öffentlichkeit zu fördern. Schirmherr des Preises war bis zu seinem Tod Bundespräsident a.D. Prof. Dr. Roman Herzog.

Klaus Honigschnabel

die Preisträgerinnen von links nach rechts: Anna Tillack, Franziska Grillmeier und Katrin Blum.

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