Innere Mission München

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02. September 2020

Ein sicherer Ort für traumatisierte Kinder und Jugendliche

Evangelische Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen eröffnet neue traumatherapeutische Wohngruppe.

NIDO auf Italienisch heißt das Nest – und das wollen die Psychologen und Pädagoginnen der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe in Feldkirchen in Parsdorf schaffen: einen sicheren Ort für sieben Kinder und Jugendliche.

Denn so unterschiedlich die Lebenswege dieser Kinder und Jugendlichen sind – sie alle verbindet, dass sie bereits traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, die zu komplexen Auffälligkeiten geführt haben. Manche wuchsen zum Beispiel in Familien auf, in denen Eltern ins Drogenmilieu geraten sind oder von schweren Persönlichkeitsstörungen betroffen sind. "Es gibt auch Fälle, in denen Kinder Zeugen wurden, wie der Vater die Mutter erschlug", sagt Diplom-Psychologe Markus Wieland, der die Arbeit des Teams unterstützt. Immer wieder haben die Kinder und Jugendlichen auf vielfältige Weise Beziehungsabbrüche erlebt.

"Wir kennen Acht- und Neunjährige, die schon in drei unterschiedlichen Jugendhilfeeinrichtungen gelebt haben", beschreibt Markus Wieland die Situation. Häufig führen die Kinder den Abbruch unbewusst selbst herbei, denn immer wieder hätten sie die Erfahrung gemacht: "Mich hält eh niemand aus." Doch mit jedem Beziehungsabbruch verstärke sich dieses Muster.

Diese Spirale will das Team durchbrechen: "Unser Ehrgeiz ist, dass die Kinder lange und gerne bei uns bleiben", so Markus Wieland. Man dürfe sich die WG keinesfalls als ein "Trauerhaus" vorstellen. Das ist ihm wichtig.

"Wir wollen Kinder- und Jugendlichen ermutigen, ihre Selbstwirksamkeit zu erleben", betont Anja Gschwender, Bereichsleiterin bei der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe. Ziel sei es, Trigger und Flashbacks zu reduzieren, um die Jungen und Mädchen vor einer erneuten Traumatisierung zu schützen. Um dies zu erreichen, arbeitet das Team unter anderem eng mit Kinder- und Jugendpsychiaterinnen zusammen.

"Die Mädchen und Jungen erhalten wöchentlich psychologische Einzelstunden und bei Bedarf eine spezielle Traumatherapie", sagt Anja Gschwender. Wenn es notwendig ist, begleiten Pädagogen sie auch in die Schule. "Damit wollen wir einen Schulbesuch und einen Alltag auch in psychisch instabilen Phasen ermöglichen", fasst die Erzieherin zusammen.

NIDO wird in einem freistehenden Einfamilienhaus eröffnet, das sich in Parsdorf (Landkreis Ebersberg) befindet und für Dritte nicht zugänglich ist. Jedem Mädchen und Jungen steht dort ein eigenes Zimmer zur Verfügung, das individuell gestaltet wird. Neben Küche, Ess- und Wohnzimmer gibt es auch einen Kreativ- und Bewegungsraum und eine kleine Werkstatt.

Das Gebäude ist von einem großen Garten umgeben. Hier haben die Kinder und Jugendlichen viel Platz zum Toben und frei sein. Auf einem Achtsamkeitspfad lernen sie, ihre Umgebung wahrzunehmen: Wie fühlt es sich an, barfuß über die kalten Steine, das nasse Gras oder die weiche Erde zu gehen? Was rieche ich? Was höre ich? Diese Fragen tragen dazu bei, eine positivere Einstellung zu entwickeln und helfen, das Hier und Jetzt bewusster zu erleben.

Natürlich mache sich niemand im Team Illusionen darüber, dass nicht auch mal die Fetzen fliegen. "Wir alle wissen, dass es auch intensiv und anstrengend werden wird, aber es herrscht eine große Aufbruchsstimmung und Vorfreude", betont Psychologe Wieland. "Es geht hier auch darum, gemeinsam Spaß zu haben, regelmäßig Schwimmen zu gehen und anderen Sport zu machen, raus zu kommen. Diese Kinder und Jugendlichen haben einfach viel nachzuholen."

Das Haus der neuen, traumatherapeutische Wohngruppe in Parsdorf.

Kontakt

  • Achim Weiss
    Gesamtleiter, Evangelische Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen

    Hohenlindner Straße 8
    85622 Feldkirchen
    Tel.: 089/99 19 20-0
    feldkirchen(at)im-muenchen.de

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