Innere Mission München

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Als Muttersprachlerin baut Adriana Beldean Brücken

Sozialarbeit für Menschen in der Prostitution

Als Adriana Beldean die Stellenanzeige von Mimikry und Marikas entdeckte, hatte sie sofort das Gefühl: Das ist das, was ich machen möchte. In den Beratungsstellen des Evangelischen Hilfswerks finden Menschen in der Prostitution Unterstützung: Frauen bei Mimikry, junge Männer bei Marikas.

Schon als Studentin hat sie während eines Praktikums mit Kolleginnen zusammengearbeitet, die Sexarbeiterinnen beraten haben. Für sie hat Adriana Beldean oft übersetzt. Die Sozialarbeiterin stammt aus Rumänien, wo sie eine deutschsprachige Schule besucht hat. Nach dem Abitur hat sie sich entschieden, nach Deutschland auszuwandern. Da war sie 19. Sie hat in Münster Erziehungswissenschaften studiert und sich danach beruflich in der Flüchtlingshilfe und Schulsozialarbeit engagiert.

Rund 95 Prozent der Sexarbeiterinnen haben einen Migrationshintergrund

Ihre Bewerbung landete im Postfach von Mimikry und Marikas. Leiterin Michaela Fröhlich fiel unter anderem Adriana Beldeans Sprach- und interkulturelle Kompetenz ins Auge. Nahezu 95 Prozent der Sexarbeiterinnen in München haben einen Migrationshintergrund, schätzt Michaela Fröhlich. Ein Großteil von ihnen stammt aus Osteuropa.

Michaela Fröhlich lud Adriana Beldean zum Vorstellungsgespräch und zu einer Hospitanz ein. Es passte. Seit September 2019 arbeitet die 35-Jährige nun im Mimikry- Marikas-Team. Zu ihrem neuen Job gehört neben der Einzelberatung, dass sie als Streetworkerin in die Bordelle im Umkreis von München fährt. Dann hat sie die große grüne Mimikry-Tasche dabei – gefüllt mit Informationsmaterial, Kondomen und Gleitgel.
Als Muttersprachlerin kann Adriana Beldean dabei leichter Brücken zu Frauen aus Rumänien bauen, die zahlenmäßig stark unter den Sexarbeiterinnen vertreten sind.

Manche Prostituierte begegnen ihr aber gerade mit Skepsis, weil Adriana Beldean wie sie aus Rumänien stammt. "Viele haben ihren Familien und Freunden nicht erzählt, welcher Arbeit sie nachgehen. Wie in jeder ausländischen Community fragen sie sich: Wer kennt wen?", beschreibt die Pädagogin die Zurückhaltung. Sie erklärt in solchen Fällen, dass sie der Schweigepflicht unterliegt, dass die Beratung anonym ist. "Dann ist das Eis schnell gebrochen", sagt sie.

Vertrauen durch gemeinsamen kulturellen Hintergrund

Es ist nicht allein die Sprache, die es Adriana Beldean in der Arbeit mit rumänischen Frauen leichter macht, Kommunikationsschwierigkeiten zu überwinden. Auch der gemeinsame kulturelle Hintergrund trägt dazu bei, dass schneller Vertrauen entsteht. Die Klientinnen müssen ihr zum Beispiel nicht erst erklären, wie das Bildungssystem, das Gesundheitssystem oder Institutionen in Rumänien aufgebaut sind oder welche Regeln des Zusammenlebens herrschen.

Oft fällt der Spruch: "Du weißt schon, wie es bei uns ist". Ob es nun um die Auswanderung nach Deutschland, familiäre Probleme oder den Stellenwert der Prostitution in der rumänischen Gesellschaft geht.
In der Beratung haben die Klientinnen die unterschiedlichsten Fragen etwa zum Aufenthaltsrecht oder zur Krankenversicherung. Mimikry richtet sich explizit an Sexarbeiterinnen in der legalen Prostitution, deren Tätigkeit häufig mit einem Stigma belegt ist. Was sollen sie schon sagen, wenn sie nach dem Beruf gefragt werden? "Es ist eben schon etwas Anderes, wenn Sie erklären, dass sie beim Discounter an der Kasse arbeiten oder dass sie in der Prostitution sind", betont Michaela Fröhlich.

Humor entlastet

Die Arbeit bei Mimikry und Marikas ist kein klassischer Nine-to-five-Job. Wie geht man damit um? Eine Prise Humor ist wichtig, sagt Michaela Fröhlich: "Das entlastet." Ihre neue Mitarbeiterin, Adriana Beldean, schätzt vor allem die kollegiale Beratung: "Wenn mich auf der Arbeit etwas belastet, dann kann ich es sofort loswerden." Zuhause macht sie dann Sachen, die überhaupt nichts mit der Arbeit zu tun haben: Netflix-Serien-Schauen zum Beispiel. Zuletzt hat sie sich "Anne with an E" angeschaut. "Jede Folge hat ein Happy End und das ist doch auch mal schön."

Christine Richter

Adriana Beldean
Adriana Beldean arbeitet seit September 2019 im Team von Mimikry und Marikas. Foto: Erol Gurian
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