Innere Mission München

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Alt werden in der Fremde

Das Seminar für mehrsprachige Helferinnen und Helfer wird zehn Jahre alt

Sich hilflos fühlen und wütend, weil man sich nicht äußern kann, weil man die Landessprache nicht gut genug beherrscht – dieses Gefühl kennt Tarir Shamani gut. „Als ich 1995 aus dem Irak nach Deutschland kam, war es, als ob eine dicke Mauer zwischen mir und den Menschen hier stand“, erzählt die heute 59-Jährige. Diese Erfahrung ist einer der Gründe, warum sie sich heute im Seminar für mehrsprachige Helferinnen und Helfer der Inneren Mission engagiert. „Ich freue mich, wenn die Menschen durch mich die Hilfe bekommen, die sie brauchen.“

Seit zehn Jahren gibt es das Angebot der Inneren Mission, das sich gezielt an Migrantinnen und Migranten wendet, die älter als 60 Jahre sind. „Ausgangspunkt war die Feststellung, dass nur wenige ältere Migranten die ihnen zustehenden Hilfeangebote der Stadt München nutzen“, sagt Hannes Brücher, der das Seminar aktuell leitet. Die Sprachbarriere, fehlende oder schlechte Erfahrungen mit dem deutschen Sozial- und Hilfesystem und andere kulturelle Prägungen waren meist die Gründe dafür.

Gemeinsam mit der Stadt entwickelte die Innere Mission das Konzept: Muttersprachler begleiten ehrenamtlich ältere Migranten, gehen mit ihnen zum Arzt, kommunizieren mit Ämtern und Behörden – oder haben einfach nur zwei Stunden in der Woche ein offenes Ohr. Ganz niedrigschwellig helfen sie so, die Hürden zu Versorgungsangeboten zu überwinden. „Seit 2008 haben wir gut 200 Personen geschult“, erzählt Brücher. Besonders gefragt sind Muttersprachler in Türkisch, Italienisch, Griechisch, Serbisch, Kroatisch und Russisch – klassische Gastarbeiter- und Spätaussiedlersprachen. Brücher vermittelt dann nicht nur die ehrenamtlichen Helfer, sondern versucht auch, die Menschen an bestehende Hilfeangebote heranzuführen und mit den zuständigen Stellen zu vernetzen.

Wer den Einführungskurs aus sechs Nachmittagsterminen besucht hat, kann zu einem älteren Migranten vermittelt werden, der Hilfe benötigt. Beim Erstkontakt begleitet meist Brücher selbst die Helferinnen – ebenso wie die älteren Migrantinnen fast ausschließlich Frauen – um zu sehen, was genau die Probleme sind und ob die Chemie zwischen beiden stimmt. „Das Schönste an diesen Erstgesprächen ist der Moment, wenn die Helferin die Migrantin in ihrer Muttersprache begrüßt – da gehen dann richtig die Augen der alten Frauen auf und ihre Gesichter fangen an zu leuchten“, erzählt Brücher.

Eine Ausnahme unter den Muttersprachlerinnen ist Constanze Yfantes. Sie ist Deutsche, war aber mit einem Griechen verheiratet und hat mehrere Jahre in Griechenland gelebt, wodurch sie die Sprache fließend spricht. Auf einer Ehrenamtsmesse wurde sie auf das Angebot der Inneren Mission aufmerksam. „Durch die Arbeit mit den Migrantinnen bekomme ich so viel zurück“, erzählt die 68-Jährige. Und damit meint sie nicht nur ihr Griechisch, das sie auf diese Weise wach halten kann.

Vor allem eine Frau, Ende 80, die sie seit mehreren Jahren betreut, hat sie sehr ins Herz geschlossen. „Sie erinnert mich an meine Schwiegermutter, die auch eine taffe Frau war und aus derselben Region in Griechenland stammte.“ Anfangs ließ sie Constanze Yfantes nicht in ihre Wohnung – doch als das Eis dann gebrochen war, wollte sie sie fast nicht mehr gehen lassen. „Sie hat mir vom Bürgerkrieg in Griechenland erzählt. Für ihre Angehörigen waren diese immer gleichen Geschichten schon lange nicht mehr interessant, aber ich habe ihr gern zugehört.“

Auch die Tatsache, jemanden erst im hohen Alter kennenzulernen, empfindet Constanze Yfantes durchaus als Vorteil. Anders als die Angehörigen nimmt sie nicht als erstes den Verfall oder die Defizite des alten Menschen wahr, sondern die vorhandene Persönlichkeit. Seit einiger Zeit hat die Demenz bei der von ihr Betreuten immer mehr zugenommen. Gerade Menschen mit Demenz verlieren oft die Sprache, die sie in ihrem Leben zuletzt gelernt haben und können deshalb nur noch in ihrer Muttersprache kommunizieren.

Das Seminar der Inneren Mission bietet auch einen Aufbaukurs als Demenzhelfer an. „Gerade bei Demenz ist ein gemeinsamer kultureller Hintergrund mit den Helferinnen sehr wichtig“, erzählt Hannes Brücher. Auch Constanze Yfantes hat diesen Aufbaukurs besucht und möchte ihre alte Dame auch weiterhin begleiten. „Sie hat schon einen großen Raum in meinem Leben eingenommen“, sagt sie. Und: Jemandem eine Freude machen, nur indem man ihm Zeit schenkt – das sei doch eine wunderbare Sache.

Imke Plesch

Muttersprache ist der Schlüssel: Ob beim Einkaufen oder beim Schach – ein gemeinsamer kultureller Hintergrund erleichtert vieles. Foto: Marc Seibold
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