Innere Mission München

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25. Juli 2018

Ambulant und stationär - es geht nur gemeinsam

In Eichenau gab es eine engagierte Diskussion über die Zukunft der Pflege

Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland auf voraussichtlich mehr als 3,6 Millionen ansteigen. Wie muss die Pflege der Zukunft aussehen, um dem dramatisch wachsenden Bedarf gerecht zu werden? Darüber diskutierten Ende Juli im Evangelischen Pflegezentrum Eichenau der Erste Bürgermeister, Peter Münster, Einrichtungsleiter Dirk Spohd sowie die Angehörigen-Vertreterin Brigitte Bührlen und die oberbayerische Bezirksrätin Barbara Gräfin von Baudissin-Schmidt.

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass es in Zukunft vor allem eine bessere Verknüpfung von ambulanten und stationären Pflegeangeboten geben muss. "Wir müssen Systeme entwickeln, in denen stationäre Einrichtungen, ambulante Dienste und pflegende Angehörige ineinandergreifen und besser kooperieren können", forderte Eichenaus Bürgermeister Peter Münster (FDP) und stieß damit bei Dirk Spohd, dem Leiter des Evangelischen Pflegezentrums, auf volle Unterstützung: "Der Grundsatz der Politik: 'ambulant vor stationär' regt mich schon seit Jahren auf", erklärte Spohd. "Es geht nur ambulant mit stationär, es muss gemeinsam gehen."

Der Heimleiter erläuterte das an einem Beispiel: Da es unterschiedliche Versorgungsverträge für den ambulanten und für den stationären Bereich gibt, könne er Mitarbeitende von einem Sektor nicht einfach in den anderen verschieben. "Eine stationäre Pflegekraft könnte beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit ein, zwei Pflegebedürftige zuhause mitversorgen; das geht heute aber nicht."

Auch die Angehörigen-Vertreterin Brigitte Bührlen forderte klar: "Die starren Grenzen zwischen ambulant und stationär müssen weg." Brigitte Bührlen hat sieben Jahre ihre Mutter zuhause gepflegt und sie dann bis zu ihrem Tod 13 Jahre in verschiedenen Heimen begleitet. Heute ist sie Vorsitzende der Stiftung "WIR!" für pflegende Angehörige. "Pflegende Familienmitglieder brauchen schnelle Unterstützungsmöglichkeiten", betonte sie. "Es kann sein, dass ich krank werde oder mal beruflich weg muss - dann brauche ich die Möglichkeit, dass ich mir Hilfe hole." Aus ihrer Sicht müsse es einen Rechtsanspruch auf einen Kurzzeitpflegeplatz geben sowie Tages- und Nachtbetreuung.

Die oberbayerische Bezirksrätin Barbara Gräfin von Baudissin-Schmidt verwies auf die Behindertenhilfe. Hier habe man die Trennung zwischen ambulant und stationär bereits abgebaut. "Starre Zuständigkeitsgrenzen sind kein Schlagbaum, sondern eine Betonwand für die Betroffenen", kritisierte die FDP-Politikerin.

Die Aufgabe der strikten Trennung zwischen ambulant und stationär könne die Personalsituation vielleicht etwas entschärfen. Das Problem des Fachkräftemangels sei damit aber nicht gelöst, erklärten die Diskussionsteilnehmer übereinstimmend.

"Wir können nicht beliebig Mitarbeitende aus anderen Ländern holen", meinte etwa Peter Münster. Vielmehr müsse man hierzulande das Interesse für den Pflegeberuf fördern. Und Heimleiter Dirk Spohd ergänzte: "Die Hälfte unserer Mitarbeitenden hat einen Migrationshintergrund; in anderen Einrichtungen im Münchner Raum sind es sogar 70 Prozent." Da sie aus China, aus Vietnam oder von den Philippinen kommen, sei nicht nur die Sprache ein Problem, sondern auch der andere kulturelle Hintergrund.

Die Ausbildung von Nachwuchs im eigenen Haus sei deshalb für ihn "der Knackpunkt", betonte Spohd: "Da investieren wir viel Geld." So seien etwa zehn Azubis derzeit im Pflegezentrum beschäftigt. Es sei aber ein Unding, dass die Bewohner sich an den Ausbildungskosten beteiligen müssen: "Die werden bestraft, weil sie die Ausbildung mitzahlen müssen." Um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, regte Spohd an, einen Steuerfreibetrag für Pflegekräfte einzuführen: "Das würde wirklich was bringen für unsere Leute." Auch könne man den "Soli" zum "Pflege-Soli" umwandeln, damit endlich mehr Geld in das System komme.

Rainer Ulbrich

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