Innere Mission München

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Auf Ritual-Brücken den Emotionsfluss überqueren

Betreuungsassistenten übernehmen in den Pflegeheimen der Hilfe im Alter Spirituelle Begleitung

Der Einzug ins Pflegeheim ist eine entscheidende Zäsur im Leben eines Menschen, die eine erhöhte Aufmerksamkeit erfordert“, sagt Pfarrerin Dorothea Bergmann, die bei der Hilfe im Alter die Fachstelle „Spiritualität – Palliativ Care – Ethik – Seelsorge“ leitet. „Die spirituelle Begleitung sollte bereits hier beginnen, nicht erst in der Endphase des Lebens.“ Denn die Menschen wissen, dass das Heim mit hoher Wahrscheinlichkeit die letzte Station sein wird und brauchen Begleitung in ihren existentiellen Fragen wie: Wer bin ich, was macht mich aus? Wo liegen meine Wurzeln? Was ist der Sinn meines Daseins? Was habe ich in meinem Leben geschaffen?

„Das sind alles spirituelle Fragen. Wir müssen den Bewohnern in dieser schwierigen Situation mehr bieten als nur eine körperliche Versorgung“, erklärt die Pfarrerin. Da es zu wenige hauptamtliche Seelsorger in den Heimen gibt, kamen sie Einrichtungsleiter Dirk Spohd und sie auf die Idee, Betreuungskräfte im Bereich spirituelle und seelsorgerliche Begleitung auszubilden.

Die Glaubensbindung sei dabei gar nicht so entscheidend, meint die 54-Jährige. „Die Betreuungsassistenten sollten ein Faible dafür haben, Menschen als ein Gegenüber zu begleiten. „Das ist hochspirituell, wenn ich ein Gegenüber sein kann.“ Interessenten sollten sich jedoch schon mal mit der Sinnfrage auseinandergesetzt haben: Wozu bin ich da? „Ein religiöser Hintergrund ist natürlich hilfreich, weil man dann besser verstehen kann, welche Bedeutung religiöse Rituale haben.“

Die von ihr angebotene Fortbildung „Spirituelle Begleitung und Seelsorge“ erstreckt sich über fünf volle Tage. Dabei geht es um Themen wie: Spirituelle Bedürfnisse wahrnehmen und erkennen, seelsorgerliche Begleitung von Demenzkranken, Einzugs- und Abschiedsrituale.

Maria Strasser beispielsweise hat diese Ausbildung absolviert. Die 61-Jährige arbeitet als Betreuungsassistentin im Evangelischen Pflegezentrum Eichenau. In der turnusmäßigen Gesprächsrunde wurde gefragt: Wer will die Fortbildung machen? „Und ich habe mich gleich dafür interessiert“, erzählt sie. „Und jetzt will ich das, was ich gelernt habe, an die Bewohner weitergeben.“ Das Seelsorgegespräch sei für die alten Menschen sehr wichtig: „Immer wieder kommen Fragen wie: Warum muss ich so viel leiden? Warum muss ich diese Schmerzen auf mich nehmen? Was habe ich denn verbrochen?“ Auf diese Fragen Antworten zu geben, ist oft sehr schwierig. „Da hat mir die spirituelle Ausbildung sehr geholfen.“

Maria Strasser versucht, den richtigen Draht zu jedem Bewohner zu finden: Was wünscht er sich? Was will er hören? „Ich kann ja nicht sagen, warum jemand leiden muss. Aber ich kann, wenn der Wunsch auftaucht, mit ihm beten oder religiöse Lieder singen.“

In der Fortbildung hat sie gelernt, die passenden Worte für die Gespräche zu finden. Manchmal wendet sie auch meditative Verfahren an, Atemtechniken zum Beispiel. Sie atmet dann im selben Rhythmus, also „im Gleichtakt“ mit den Bewohnern. „Eine Frau, die inzwischen verstorben ist, sagte immer zu mir: 'Wenn Sie kommen, lerne ich wieder frei zu atmen. Der Atem fließt heute wieder.' Ich habe dann gemerkt, wie die Bewohnerin ruhiger geworden ist. Das ist für mich Spiritualität.“

Pfarrerin Dorothea Bergmann bestätigt das: „Der Atem ist ein ganz existentielles Bild“, erläutert sie. „Gott ist es ja auch, der mir das Leben einhaucht.“

Auch die Tochter der verstorbenen Bewohnerin ist überzeugt, dass die spirituelle Begleitung ihrer Mutter sehr geholfen hat: „Mama war sehr gläubig“, sagt Helene Baumeister. „Im Kinderzimmer hatte ich ein Bild von einem Geschwisterpaar, das von einem Schutzengel über eine Brücke geleitet wird. Meine Mutter besaß viele religiöse Bücher und hat sehr gerne Marienlieder gesungen.“

Maria Strasser versucht, die spirituelle Begleitung ganz individuell nach den Bedürfnissen der Bewohner zu gestalten. Für die Mutter von Helene Baumeister hatte sie ein spezielles Ritual entwickelt: „Als erstes haben wir immer den Atem fließen lassen. Ich habe mich zu ihr gesetzt und wir haben beide ein paar Mal tief durchgeatmet.“ Danach kam das Weihwasser: „Ich habe etwas Weihwasser auf ihre Hand tropfen lassen, und sie hat dann das Kreuzzeichen gemacht.“ Anschließend haben beide gemeinsam das Vaterunser gebetet. Maria Strasser hatte dafür immer ein kleines Holzkreuz mitgebracht, das die Bewohnerin während des Gebets halten konnte. „Zum Schluss haben wir noch ein Marienlied gesungen. Und wenn die Bewohnerin müde wurde, habe ich ihr noch etwas aus dem Gotteslob vorgelesen.“

„Solche Rituale sind sehr wichtig“, sagt Dorothea Bergmann. Sie helfen, die Gedanken zu sortieren und geleiten einen Menschen über kritische Situationen hinweg. Man kann Emotionen auf diese Weise besser aushalten. Rituale sind kleine Brücken, mit deren Hilfe man den Emotionsfluss überqueren kann.“

Die spirituellen Begleiter müssen herausfinden, welches Ritual zum jeweiligen Menschen passen könnte. Es muss aber nicht unbedingt ein Ritual sein. Es gibt auch andere Möglichkeiten: „Manche Betreuungsassistenten arbeiten mit meditativen Techniken und den entsprechenden Hilfsmitteln – zum Beispiel mit einer Klangschale“, berichtet Dorothea Bergmann. Wichtig ist es, für jeden Bewohner den richtigen Weg, den richtigen Zugang zu finden. „Man muss sich für den Menschen interessieren, dann kommt man den Wünschen und Bedürfnissen auf die Spur“, sagt sie.

Das geht auch bei Bewohnern, deren Kommunikationsfähigkeit stark eingeschränkt ist, zum Beispiel bei Demenzkranken oder bei Menschen im Koma oder im Wachkoma: „Gerade Demenzkranke signalisieren ihre Bedürfnisse viel direkter und unverblümter als andere“, betont die Pfarrerin. Auch Wachkoma- Patienten zeigen deutlich erkennbare Reaktionen, wenn ihnen etwas gut tut. Zum Beispiel atmen sie dann tief und ruhig. Dorothea Bergmann ist überzeugt: „Ich kann Menschen auch in komatösen Zuständen spirituell begleiten, wenn ich ein inneres Ohr habe. Das funktioniert.“

Rainer Ulbrich

Für Helene Baumeister (l), deren Mutter vor Kurzem in Eichenau verstorben ist, sind Betreuungsassistentin wie Maria Strasser so etwas wie Schutzengel – von denen es ruhig mehrere geben könnte. Fotos: Erol Gurian
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