Innere Mission München

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Aus der Bahn geworfen – und vom Glauben getragen

Besuch bei Thomas Wille, dem einstigen Leiter des Friedrich-Meinzolt-Hauses in Dachau

Vom Sommer 2001 bis zum August 2015 war Thomas Wille Heimleiter im Friedrich-Meinzolt-Haus der Hilfe im Alter in Dachau. Dann riss ein schwerer Motorradunfall den heute 59-Jährigen jäh aus dem Berufsleben. „Es war, wie wenn von einer Sekunde auf die andere alles nach links gedreht wird“, erinnert er sich knapp vier Jahre danach.

Thomas Wille kam am 9. Mai 1960 zur Welt. Sein Vater, ein Pfarrer, war Ende der 50er-Jahre nach Südamerika ausgewandert. 1978 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Über einen Kollegen erfuhr der Vater, dass eine Kirchengemeinde im Rheinland einen Pfarrer suchte. Die Familie ergriff die Chance und zog dorthin.

Kurz darauf machte der damals 18-Jährige seine ersten Erfahrungen in der Altenhilfe: „Ich habe in einem Heim am Rhein gejobbt, zuerst im Garten, später als Pflegehelfer. Da habe ich die Liebe zu meinem Beruf entdeckt.“ In Koblenz absolvierte er dann die Ausbildung zum Altenpfleger. „Mit 22 war ich fertig. Ich wollte aber nicht am Rhein bleiben, sondern nach München gehen. Meine Familie war entsetzt“, berichtet er.

In einem Haus im Münchner Westend fand er seine erste Stelle. Später gründete er mit einem befreundeten Kollegen einen ambulanten Pflegedienst in Milbertshofen. Nach vier Jahren erkrankte er schwer und musste aus der Einrich-tung ausscheiden.

Nach seiner Genesung absolvierte Wille auf der Hans-Weinberger-Akademie die Weiterbildung zur Pflegedienstleitung.

Anschließend fand er rasch eine Stelle, zuerst in einem kleinen Heim im Münchner Süden, dann in einem größeren Haus in der Münchner Innenstadt. Durch Zufall lernte er dann auf einem Familientag der Andreas-Kirchengemeinde in Fürstenried Gerhard Prölß kennen, der damals Leiter des Evangelischen Alten- und Pflegeheims Ebenhausen war. Prölß erzählte ihm vom Lindenhof, einer kleinen Einrichtung der Inneren Mission in Grafenaschau bei Murnau, in der es wirtschaftlich und fachlich nicht besonders gut lief.

Auf Vermittlung von Prölß erhielt Wille die Stelle als Heimleiter und brachte das Haus wieder auf Vordermann. „Ich war sozusagen der Sanierer“, erinnert er sich.

Nach vier Jahren im Lindenhof erfuhr Wille, dass im Friedrich-Meinzolt-Haus in Dachau die Heimleiterstelle frei werden würde. „Für meine drei Kinder war es in Grafenaschau etwas schwierig mit dem Schulbesuch“, sagt er. Im Sommer 2001 fing Thomas Wille als Heimleiter im Friedrich-Meinzolt-Haus an: „Ich habe mich sofort sehr willkommen gefühlt“, betont er. 14 Jahre lang war er der Chef im Friedrich-Meinzolt-Haus: „Das habe ich als mein Zuhause empfunden – mit einem guten Team von fast 120 Mitarbeitern, die ein respektvolles Miteinander praktizieren.“

Der Tag, der alles veränderte

Dann, am 4. August 2015, passierte der Unfall: Ein Autofahrer kam ihm auf der falschen Straßenseite entgegen und rammte sein schweres Motorrad. Er selbst hat keine Erinnerung an das Unglück.

Nach dem Unfall lag er knapp drei Wochen im Koma, das linke Bein musste amputiert werden. Auf die Operation folgten mehrere Aufenthalte in verschiedenen Rehakliniken: „Gerhard Prölß besuchte mich in Bad Aibling. Mit seinem wundervollen Optimismus war er der Meinung, das kriegen wir schon wieder auf die Beine.“

Doch Wille wusste, dass dies ein steiniger Weg sein wird: Ich habe durch den Unfall das große Handicap, dass mein Gehirn nicht mehr mit der normalen Taktung funktioniert.“ Das wurde zwar langsam besser. „Aber ein Jahr nach dem Unglück habe ich gesehen, dass ich immer noch große Lücken habe. Ich kann mir nichts merken, ich brauche einen Einkaufszettel für drei Teile.“

Aber wie sollte er eine Einrichtung mit 120 Mitarbeitenden führen, wenn er sich kleine Einkäufe nicht mehr merken konnte? Allmählich musste Wille sich mit der Perspektive vertraut machen, dass er nicht mehr in seinen Beruf zurück kehren kann: „Lange Zeit wollte ich diesen Gedanken nicht zulassen.

In dieser Zeit hatte er viele Diskussionen mit Gerhard Prölß. „Wir waren in ständigem Austausch. Ich habe mich von Seiten meines Arbeitgebers immer sehr wohlwollend und freundschaftlich begleitet gefühlt.“ Die Hilfe im Alter als Träger des Friedrich-Meinzolt-Hauses hat deshalb seine Stelle lange Zeit nur kommissarisch besetzt.

„Wir wollten alles tun, um Herrn Wille bestmöglich zu unterstützen und ihm alle Möglichkeiten offenhalten“, erklärt Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission.

Erst zum Jahreswechsel 2019, als offensichtlich war, dass er seine berufliche Laufbahn nicht fortsetzen kann, wurde die Heimleiter-Stelle neu besetzt. „Die Hilfe im Alter hat meinen endgültigen Rentenbescheid abgewartet, bis sie diesen Schritt gemacht hat“, erzählt er. Jetzt bezieht er eine Erwerbsminderungsrente.

Geld ist kein Trost für die Seele

„Die Rentenversicherung ist meinen Schmerzen entgegengekommen und hat mich verrentet, nur war damit meine Seele nicht getröstet“, sagt er heute. Diese Tröstung gewährte ihm erst der Abschiedsgottesdienst im Andachtsraum des Friedrich-Meinzolt-Hauses. „Dieser Gottesdienst war sehr seelenheilend, weil ich seitdem nicht mehr das Gefühl habe, ich muss zur Arbeit gehen“, sagt Wille. „Jetzt ist dieses Kapitel abgeschlossen.“

Zorn oder gar Hass gegen den Unfallverursacher empfindet er nicht: „Ich habe gar keine Gefühle ihm gegenüber, keine Verbindung zu ihm. Ich habe den Polizeibericht gelesen, wie man eine Zeitung liest.“ Gesehen oder gar gesprochen hat er mit dem jungen Mann nie.

Thomas Wille bezeichnet sich selbst als gläubigen Menschen: „Der Glaube trägt mich ein Leben lang“, betont er. Er hat daher schon vor längerer Zeit eine Ausbildung zum Prädikanten absolviert und hat früher auch Gottesdienste gestaltet in der Gnadenkirche, gleich gegenüber dem Altenheim in Dachau-Ost. „Ich möchte das in Zukunft wieder machen“, erzählt er. „Ich will meine Nachfolgerin fragen, ob das im Friedrich-Meinzolt-Haus möglich ist, vielleicht auch in meiner Kirchengemeinde.“

Thomas Wille hat vor kurzem wieder geheiratet. Seine Frau wartet sehnsüchtig darauf, dass er wieder radeln kann. Früher war er viel in den Alpen unterwegs und hat mit eigener Kraft zahlreiche Pässe bewältigt – selbst den Großglockner hat er geschafft. „Ich hatte immer meine Zeit, ich musste nicht schnell sein.“

Rainer Ulbrich

Thomas Wille freut sich auf die erste Radltour nach dem Unfall. Foto: Erol Gurian
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