Innere Mission München

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Damit auch die Seele Trost findet

Ein Fachtag der Hilfe im Alter beschäftigt sich mit dem Schmerz der letzten Lebensphase

„Keine Schmerzen haben“, sagen die meisten Pflegeheimbewohner, wenn sie gefragt werden, was sie sich wünschen, wenn es in die letzte Lebensphase geht. Meistens sind damit körperliche Schmerzen gemeint.

Doch körperliches Leid ist nur ein Aspekt. Menschen, die das Ende ihres Lebens erreichen, sind mit Schmerzen konfrontiert, die ganz unterschiedliche Ursachen haben können – körperliche, psychische – aber auch soziale oder spirituelle Ursachen: Die Verzweiflung darüber, nichts mehr korrigieren, nichts mehr gutmachen zu können. Oder die tiefe Trauer, Abschied nehmen zu müssen – vom Partner, von Freunden, von liebgewordenen Dingen. Oder die Angst, dass das eigene Leben ganz sinnlos gewesen sein könnte.

Schmerzlinderung im letzten Lebensabschnitt muss also verschiedene Dimensionen berücksichtigen. Vor dem Hintergrund der – bekanntermaßen – begrenzten Ressourcen im Pflegealltag bedeutet das für das Personal eine große Herausforderung. Auf dem Fachtag „Meine Seele will sich nicht trösten lassen – Halten und (un-)gehalten im Schmerz der letzten Lebensphase“ diskutierten Mitarbeitende der Hilfe im Alter mit Palliativ-Fachkräften über Wege und Möglichkeiten, diese Herausforderungen zu meistern.

Der Leiter des Christophorus Hospiz Vereins (CHV) München, Sepp Raischl, wies auf die spirituelle Dimension des Schmerzes hin, die oft übersehen wird: „Die Erfahrungen eines Menschen, der in ein Pflegeheim einzieht, sind vom Schmerz geprägt. Da ist der Verlust des Partners und der Freunde, der Verlust der Gesundheit, wie Inkontinenz und Gebrechlichkeit, und damit auch der Verlust des Selbstwertgefühls.“ Gerade der Verlust des Selbstwertgefühls verleiht dem Schmerz auch eine spirituelle Dimension. Der Bewohner stellt sich plötzlich Fragen wie: Wofür bin ich noch da? Hat mein Leben noch einen Sinn? Sepp Raischl erinnerte in diesem Zusammenhang an die Theologin Dorothee Sölle, die diese Situation einmal so beschrieben hat: „Für niemanden da sein und von niemandem gebraucht werden. Um niemanden Angst haben und nicht wollen, dass sich jemand Sorgen um einen macht.“

In dieser Situation empfinde der Mensch – so Sepp Raischl – einen totalen Schmerz: „Total Pain“. Das „Total-Pain-Modell“ in der Palliativversorgung geht davon aus, dass das Leiden durch mehrere Ursachen gleichzeitig ausgelöst wird. Der Mensch leidet auf verschiedenen Ebenen – einer körperlichen, einer seelischen, einer sozialen und einer spirituellen Ebene.

Ein spiritueller Schmerz kann beispielsweise entstehen, wenn jemand infolge einer schweren Erkrankung plötzlich an seinem Lebensentwurf zweifelt, keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht. „Dieser Schmerz“, meint der Hospiz-Experte, „schreit nach außen und will nicht unbedingt Betäubung“. Das heißt: Die Trauer ist angemessen. Und ein Verstehen des Leids und der kreative Umgang damit sind unter Umständen ebenso wichtig wie die Linderung. Als Pflegekraft sollte man diesen Schmerz zulassen, ihm Raum geben, und ihn nicht unterdrücken.

„Jeder Mensch hat eine spirituelle Dimension“, betont Sepp Raischl, der katholischer Theologe ist: „Die Konfrontation mit dem Tod, einer unheilbaren Erkrankung oder mit Trauer kann spirituelles Wachstum auslösen.“ Und: „Die meisten Beziehungen wachsen oder gewinnen an Tiefe in einem Umfeld von Trauer, Krankheit und Tod. Das sagen auch die meisten pflegenden Angehörigen.“

Ganz wichtige Begleiter der sterbenden Menschen seien Angehörige oder Freunde. Dazu gehören auch bereits verstorbene Angehörige. Sie geben dem Sterbenden einen Halt, der sagt: „Da wartet jemand schon auf mich.“ Sepp Raischl empfiehlt daher: „Als Pflegender sollte man dies zulassen, man sollte die Verstorbenen im Zimmer dabei sein lassen.“

Spirituelle Begleitung in der letzten Lebensphase bedeutet vor allem „da sein“. Der Betreuer müsse die Leere ertragen, die dabei entstehen kann, meint Sepp Raischl: „Die Pflegekraft oder der Angehörige muss die offenen Fragen aushalten, die im Raum stehen. Ganz wichtig ist es, dass man nicht krampfhaft versucht, Antworten zu geben, sondern sich mit leeren Händen hinstellt.“

Der Begriff „palliativ“ leitet sich von dem lateinischen Wort „pallium“ – Mantel – ab. Der katholische Theologe vergleicht das Pflegepersonal in den Einrichtungen mit einer Schutzmantelmadonna: „Die Maria, das sind Sie“, sagt Sepp Raischl zu den Pflegekräften.

Die Palliativversorgung angemessen in den Pflegealltag zu implementieren, fällt freilich oft schwer. Vor allem fehlt es an Zeit. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtags wünschen sich mehr Zeit, um die Bewohner in der letzten Lebensphase gut versorgen zu können. Ein Helfer aus dem Evangelischen Alten- und Pflegeheim Planegg erklärt, er habe keine Möglichkeit, mit den Angehörigen ausreichend zu sprechen: „Ich würde ihnen aber gerne den Zustand des Bewohners richtig vermitteln“, meint er.

Der Hausinterne Hospizbeauftragte des Seehofs in Kochel hätte gerne mehr Zeit zum Abschiednehmen von verstorbenen Bewohnern. Er wünscht sich auch einen Rückzugsort für die Trauerarbeit. Eine Kollegin pflichtet ihm bei: „Zum Trauern bleibt keine Zeit. Um fünf Uhr stirbt der Bewohner, und um zehn Uhr wird das Zimmer ausgeräumt.“

Einige Pflegekräfte schlagen vor, es müsste auch Rückzugsorte für die Angehörigen geben, die Bewohner in der Sterbephase begleiten. Ursula Schneider-Demmerle, die an der Evangelischen Pflegeakademie Palliativ Care Kurse leitet, weist auf den Raummangel in vielen Einrichtungen hin. Sie hält nichts davon, Angehörigengespräche im Stationszimmer zu führen. „Dort passieren ständig Störungen“, weiß sie. „Das Telefon klingelt, der Arzt kommt – man kann sich kaum auf den Angehörigen konzentrieren.“

Barbara Sauer, Pflegedienstleiterin des Evangelischen Alten- und Pflegeheims Ebenhausen, hat in dieser Hinsicht mit der Hauskapelle gute Erfahrungen gemacht: „In der Kapelle muss es nicht unbedingt ruhig sein. Man kann da schon reden. Auf jeden Fall klingelt kein Telefon.“ Da die Personalressourcen in den Einrichtungen begrenzt sind, schlägt Barbara Sauer vor, schon beim Einzug eines Bewohners im Teamgespräch zu klären, ob jemand einen besonderen Pflegebedarf hat, zum Beispiel, ob vielleicht eine Versorgung nach palliativen Maßstäben eine bessere Lebensqualität ermöglichen könnte.

Die Leiterin der Fachstelle „Spiritualität - Palliativ Care - Ethik - Seelsorge“ ( SPES ) der Hilfe im Alter, Pfarrerin Dorothea Bergmann, geht noch einen Schritt weiter. Sie meint: „Wir sollten eine Art „Seelsorge“-Diagnostik machen: Was braucht der Bewohner in der Palliativversorgung? Ein besseres Schmerzmittel? Die Information und Gespräche mit den Angehörigen? Ein "Stück" von zu Hause? Einen Seelsorger? Eine spirituelle Begleitung? “

Die Fachstelle SPES bietet schon seit einiger Zeit für die Betreuungsassistenten in den Heimen eine besondere Fortbildung an. Darin geht es um eine „Spirituelle Begleitung und Seelsorge“ für die Bewohner. Viele Betreuungskräfte der Hilfe im Alter haben diese Schulung bereits absolviert. Zum Beispiel Karin Härtling und Christiane Kleinert vom Evangelischen Pflegezentrum Eichenau. „Unsere Aufgabe ist es, spirituelle Bedürfnisse der Bewohner zu erkennen“, sagt Karin Härtling, die die Betreuung in Eichenau leitet. „Wir führen Gespräche in Krisensituationen und begleiten auch die Angehörigen. Wie versuchen, die Bewohner im Glauben zu stärken und bieten zum Beispiel auch Abschiedsrituale an.“

Unterstützung bekommen alle Mitarbeitenden sowohl von der Fachstelle SPES als auch von externen Palliativversorgungsstellen, etwa vom ambulanten Palliativ Team Fürstenfeldbruck oder von den SAPV-Teams im Umland der jeweiligen Pflegeeinrichtung sowie von den ortsansässigen ambulanten Hospizdiensten. Für die Pflegerinnen und Pfleger bedeutet das eine große Entlastung, da sie wissen, dass der Sterbende nicht allein ist.

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Pflegepersonal und Hospizhelfern ist enorm wichtig, betont Dorothea Bergmann: „Die Pfleger kennen den Bewohner. Die Gold-Botschaft der Pflegekräfte an die Hospizhelfer ist es, ihnen zu sagen, was der Bewohner benötigt, vor allem bei den Menschen, die nicht mehr sprechen können: Braucht der Bewohner eine Person, die ihm vorliest? Oder vielleicht jemanden, der ihn streichelt?“

Rainer Ulbrich

Foto: Harry Wolfsbauer
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