Innere Mission München

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Damit der Alltag nicht scheitert

Ingrid Wolf ist Ehrenamtliche bei den Soziapsychiatrischen Diensten Ebersberg

Noch wohnt die 76-jährige Dame in ihrer eigenen Wohnung, doch es wird eng. Sie muss sich den Platz mit allzu vielen Dingen teilen, die sie täglich zusammenträgt und nach Hause bringt.

Sachen, die sie umsonst bekommen kann, üben eine magische Anziehung auf sie aus. Von alten Sachen trennen kann sie sich nicht.

"Desorganisationssyndrom" heißt das in der Fachsprache; es gibt Menschen, die deshalb ihr Zuhause verlieren. So weit will es Ingrid Wolf nicht kommen lassen. Die 71-jährige Ebersbergerin unterstützt die ältere Dame, damit die nicht völlig den Überblick verliert. Seit etwa vier Jahren besucht sie sie einmal pro Woche und versucht, ein wenig Ordnung zu schaffen - mit ihrer Klientin, nicht ohne sie und schon gar nicht gegen deren Willen. Kleine Schritte sind dabei schon ein großer Erfolg. "Meist kann ich sie motivieren, eine Ecke aufzuräumen, zum Beispiel das Nachtkästchen", erzählt Wolf. "Mit gutem Zureden ist sie auch bereit, sich von Dingen zu trennen. Und hinterher ist sie selbst froh. ,Alleine schaffe ich es nicht', sagt sie zu mir. Aber dass sie es mit meiner Hilfe geschafft hat, gibt ihr Selbstbewusstsein."

Das Ehrenamt, dem sich Ingrid Wolf verschrieben hat, ist ein Angebot der Sozialpsychiatrischen Dienste Ebersberg. Die Stelle bietet ihren Klientinnen und Klienten sogenannte "Unterstützungsangebote im Haushalt": Ehrenamtliche besuchen sie zu Hause, leisten ihnen Gesellschaft oder gehen mit ihnen spazieren. Die "haushaltsnahen Dienstleistungen", die noch weiter qualifizierte Ehrenamtliche wie Ingrid Wolf anbieten, gehen darüber hinaus: Hier bekommen die Klienten Hilfe beim Kochen, Aufräumen, Putzen, Wäsche waschen oder bei der Lebensmittelhygiene. "Es geht darum, dass die Helfer mit den Betroffenen Aufgaben im Haushalt üben", erklärt Martina Kasper, Ehrenamtskoordinatorin bei den Sozialpsychiatrischen Diensten. Dabei sollen die Helfer den psychisch Kranken die Arbeit nicht abnehmen: "Sie sollen ihnen vielmehr den Anstoß geben, die Aufgaben selbst in die Hand zu nehmen, soweit das möglich ist."

In ausführlichen Schulungen werden die Ehrenamtlichen für ihre Aufgaben qualifiziert. Neben der Basisschulung mit Themen wie psychiatrische Krankheitsbilder, Umgang mit psychisch Kranken und gesetzliche Grundlagen bekommen sie spezielles Wissen über Hygiene im Haushalt, Textilpflege oder Ernährung im Alter. Ingrid Wolf hat vor vielen Jahren die allererste Helferkreisschulung besucht und dann ehrenamtlich Demenzkranke zu Hause betreut. Die schmale, ruhige Frau erinnert sich an ihre Anfänge: "Das Ehrenamt ist mir einfach vor die Füße gefallen", sagt sie mit leiser Stimme und schmunzelt.

"Es hat mich schon immer begeistert, etwas Soziales zu machen. Meine Eltern waren selbstständig, aber hier habe ich auch andere Welten kennengelernt." Wolf kann akzeptieren, dass sie ihre Klientin nicht "heilen" kann: "Die älteren Menschen haben manchmal Angewohnheiten, die sie übers Leben eingearbeitet haben, die kann und will ich nicht brechen." Und falls es ihr doch einmal zu viel wird, kann sie sich Unterstützung von Fachkräften des Sozialpsychiatrischen Dienstes holen. Der bietet auch regelmäßige Helferkreistreffen, "Inseltage", um sich selbst etwas Gutes zu tun, Filmabende und Vorträge.

Ingrid Wolf macht kein großes Aufheben um ihr Engagement; sie ist gelassen und freut sich über die leisen Töne. Zum Beispiel über das Vertrauen, das die Dame, die sie unterstützt, inzwischen zu ihr hat. "Sie hängt an mir, und ich habe das Gefühl, ein bisschen für sie verantwortlich zu sein. Ich mag sie, und sie freut sich, dass ich komme." So gibt Ingrid Wolf nicht nur, sondern bekommt auch etwas zurück. "Denn Aufräumen", sagt sie und lacht, "Aufräumen tue ich nicht lieber als jeder andere."

Susanne Hagenmaier

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