Innere Mission München

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Der einstige Liebling der Münchner Protestanten

Der „Lindenhof“, die älteste Immobilie der Inneren Mission, steht nach dem Umzug vorerst leer

Am 21. Mai ist ein Stück Geschichte der Protestanten in Oberbayern zu Ende gegangen: Nach 121 Jahren hat die Innere Mission ihr ältestes Haus verlassen. 1898 hatte der Verein den Schwaighof für 10.000 Goldmark erworben. Das aus dem 16. Jahrhundert stammende Gebäude wurde die „große Liebe der Münchner Protestanten“.

Knapp 90 Jahre diente der Lindenhof als Ferien- und Erholungsheim für Kinder aus der Stadt, die hier im Murnauer Moos die Sommerfrische genossen. Und die – weil sie meist aus ärmlichen Verhältnissen stammten, gesundheitlich angeschlagen oder auch unterernährt waren – hier wieder „aufgefüttert“ wurden, wie es in einem Bericht der damaligen Zeit heißt.

Unbeschwerte Sommerfrische

Zudem brachten die in der Nähe gesammelten Beeren und Pilze dem Verein hohe Einnahmen beim Verkauf in der Stadt. Selbst in den Wirren der beiden Weltkriege ging der sommerliche Betrieb weiter – und nach dem Einbau einer Heizung konnte der so beliebte Lindenhof endlich auch ganzjährig belegt werden. Von München aus war er mit der Bahn relativ leicht zu erreichen; die Haltestelle war nicht einmal drei Kilometer entfernt.

Doch 1985 war Schluss mit der unbeschwerten Sommerfrische: Der Verein wandelte das Haus zum Pflegeheim für dementiell erkrankte Menschen um. Der Lindenhof war eines der ersten Heime in ganz Bayern, das nach dem Modell einer beschützenden Einrichtung arbeitete. Und ein paar Jahre später wurde wieder Geschichte geschrieben. Die Einrichtung gehörte mit zu den Entwicklern des „Werdenfelser Wegs“, der in der Pflege auf einen möglichst weitgehenden Verzicht von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen setzt durch Ausschöpfung alternativer Möglichkeiten – zum bestmöglichen Schutz der Betroffenen.

Doch was im 16. Jahrhundert seinen Anfang nahm, hielt immer weniger den modernen pflegerischen und brandschutztechnischen Anforderungen stand – obwohl das Haus mit großem Finanzaufwand mehrfach umgebaut wurde. Mit der bayerischen Ausführungsverordnung zum Pflege- und Wohnqualitätsgesetz im Jahr 2011 kam dann das Aus für die traditionsreiche Einrichtung. Ein weiterer Umbau des Hauses hätte sich wirtschaftlich nicht rentiert.

Nach dem Umzug der letzten 39 Bewohner des alten Lindenhofs in das vom Zweckverband Schlehdorf-Großweil neu errichtete Haus in Schlehdorf steht nun in nur 20 Kilometer Entfernung ein modernes Gebäude zur Verfügung, das die aktuellen pflegerischen Anforderungen mehr als erfüllt.

Der mit einem Kostenaufwand von rund 8,5 Millionen Euro errichtete Neubau sei „baulich wunderschön, hell und lichtdurchflutet, mit großen Zimmern und Bädern, einem großen Garten und einem traumhaft schönen Blick auf Berge und See“, schwärmt Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Hilfe im Alter. Das Haus sei von der Ausstattung her auf neuestem gehobenen Stand: „Es lässt keine Wünsche offen für gute Pflege.“

Ungewisse Zukunft des Areals

Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission München, nennt den Umzug einen „menschlichen Kraftakt, für den es bislang noch kein Beispiel gibt“. Über die weitere Verwendung des gut 10.000 Quadratmeter großen Areals inmitten von Grafenaschau sei noch nichts entschieden, da die Gemeinde eine Veränderungssperre erlassen habe. Bauer: „Wir werden das Haus sichern, den Rasen mähen und den Winterdienst machen.“ Die Innere Mission sei nach wie vor offen für Gesprächen.

Eine Pressekonferenz am Tag vor dem Auszug war die letzte offizielle Handlung des Vereins in seinem traditionsreichen Haus. Bauer: „Nach 121 Jahren kann man nicht einfach weggehen, die Tür zusperren und sagen, das war’s jetzt.“

Klaus Honigschnabel

Foto: Archiv Innere Mission
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