Innere Mission München

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10. September 2020

Die Corona Pandemie lässt Obdachlosenzahlen steigen

Das Evangelische Hilfswerk fordert mehr Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau.

Anlässlich des morgigen „Tags der Wohnungslosen“ fordert das Evangelische Hilfswerk mehr Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau. Immer mehr Frauen und Familien sind obdachlos oder werden akut von Obdachlosigkeit bedroht. Aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Corona Pandemie gehen Fachleute davon aus, dass die Zahlen in den nächsten Monaten drastisch steigen.

Thorsten Nolting, Vorstand der Inneren Mission, sagte bei einer Pressekonferenz, dass die Wohnungslosigkeit bundesweit in allen großen Städten steige, nicht nur in München. Gleichwohl zeigten die Stadt München und die Träger der Wohnungslosenhilfe großes Engagement, um das Problem zu lösen, lobte der Pfarrer. "Mit Ruhe und fachlich sehr guten Ergebnissen wurden bisher enorm viele Möglichkeiten geschaffen." Doch die im Koalitionsvertrag festgesetzten Ziele im Wohnungsbau seien seiner Einschätzung nach "nicht ausreichend" und in der vorgegebenen Zeit auch schwer umsetzbar. In der Folge stehe trotz aller Bemühungen zu wenig Wohnraum zur Verfügung. Deshalb sei der Dialog mit der Stadtplanung entscheidend: "Da müssen wir ins Gespräch; nur dort lassen sich die Probleme lösen." Positiv erwähnte er den respektvollen Umgang mit Wohnungslosen durch die Stadt; dies wirke der Stigmatisierung im öffentlichen Raum entgegen.

Isabel Schmidhuber, langjährige Leiterin des Frauenobdachs Karla 51, berichtete, dass in ihre Anlaufstelle immer mehr Frauen mit Kindern kämen. Waren vor 20 Jahren etwa fünf bis sechs Kinder pro Jahr im Haus, seien es in den ersten acht Monaten des Jahres 2020 schon 37 gewesen. Auch nähmen die Anfragen auf eine Unterbringung zu; im vergangenen Jahr seien es mehr als 2.000 gewesen. "Aber nur etwa zehn Prozent der Frauen können wir aufnehmen."

Der Aufenthalt in der Erstanlaufstelle Karla 51 sollte auf acht Wochen beschränkt sein, in der Realität blieben die Frauen aber durchschnittlich vier bis fünf Monate, da nicht ausreichend Plätze in Nachfolgeeinrichtungen zur Verfügung stehen. Gerade für alleinerziehende Frauen mit Kindern sei es schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden, weshalb diese oft bis zu einem Jahr im Haus verblieben. In den vergangenen Jahren habe sich die Situation zusehends verschärft: "Die am stärksten von Armut betroffenen Gruppen sind Schwangere, Alleinerziehende und ältere Frauen." Seit der Einführung von Hartz IV werden vor allem Frauen schneller wohnungslos, da die Grundsicherung nicht mehr für die Miete ausreiche. Zudem würden immer mehr Frauen aufgrund von Mietschulden aus ihren Wohnungen geklagt oder wegen Eigenbedarfs gekündigt.

Mario Frombeck, Leiter des Frauenbereichs des Evangelischen Hilfswerkes, sagte, dass diese Zahlen aufgrund der Corona Pandemie noch weiter steigen könnten. Das Evangelische Hilfswerk habe auf die Entwicklung reagiert und zur Jahresmitte sein bereits bestehendes Angebot um zwei neue Beratungsstellen erweitert. Die "Integrationshilfen für Familien" des Evangelischen Beratungsdienstes für Frauen, unterstützen Familien nach der Wohnungslosigkeit, sich wieder im Alltag zurechtzufinden, die Beratungsstelle "Wohnen und Existenzsicherung für Familien" wendet sich an Familien in prekären Verhältnissen und will so drohende Obdachlosigkeit vermeiden. "Da gibt es oft ein ganzes Bündel an Problemen in der Erziehung, Schulden, Wohnungsnot und ausländerrechtliche Fragen." Frombeck wies darauf hin, dass alleine im Juni 2020 bei der Stadt München 5.500 Anträge auf Wohngeld eingegangen seien. Das sei eine Steigerung um 140 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Thorsten Nolting ruft die Stadt in die Pflicht, angesichts der Prognosen, die Wohnungsnot weiter zu bekämpfen. Dies könne nur durch verstärkten Sozialwohnungsbau geschehen, zudem dürfte auch künftig nicht bei einer gezielten Förderung von sozialen Einrichtungen und Projekten gespart werden.

Das Frauenobdach Karla 51 ist oft die erste Anlaufstelle für wohnungslose Frauen.

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