• A
  • A
  • A

"Die gesamte nonverbale Kommunikation fällt weg"

Arbeit unter Corona-Bedingungen mit psychisch kranken Menschen

Im "intensiv betreuten Einzelwohnen" helfen ihnen Sozialpädagogen und Psychologinnen, eine Tagesstruktur zu entwickeln – also Lebenspraxis einzuüben. Die Pandemie ist für viele Menschen eine lebensverändernde Erfahrung. Doch wie stark hat die durch das Virus ausgelöste Krise psychisch kranke Menschen getroffen? Wie hat sich die Arbeit von Sören Kunz, seinen Kolleginnen und Kollegen verändert?

"Die Situation ist sehr herausfordernd", sagt der 61-Jährige. "Eigentlich steht man immer unter Spannung und muss vorausdenken, ob ein Bewohner selbst- oder fremdgefährdend werden könnte." Das gelte schon für den normalen Alltag. In den vergangenen Monaten sei jedoch die medizinische Verantwortung hinzugekommen, dass sich die Klientinnen und Klienten nicht mit dem Corona- Virus anstecken. "Außerdem gab es eine große Ungewissheit, welche Auswirkungen die Situation auf die Einzelnen haben würde", erklärt Sören Kunz.

Schichtbetrieb eingeführt

Der Einrichtungsleiter und sein Team haben die gängigen Schutzmaßnahmen so weit wie möglich umgesetzt, aber Home-Office und Social-Distancing stoßen in diesem Fall an Grenzen. "Wir konnten die Leute auf keinen Fall für einen längeren Zeitraum sich selbst überlassen", macht der Sozialpädagoge deutlich. Seine Mitarbeitenden und er hätten ebenso dringend in die Wohnung gemusst, um ihre Arbeit zu machen, wie eine Krankenschwester ins Krankenhaus.

Bis weit in den Sommer hinein haben die Betreuerinnen und Betreuer deswegen einen Schichtbetrieb eingeführt. Viele Gruppen, wie die Kreativ- oder die Kochgruppe, Bewegungs- und Entspannungseinheiten sowie die Gartenarbeit mussten ausfallen. Gemeinsame Ausflüge, die anfangs ganz gestrichen waren, wurden relativ schnell in Einzelspaziergänge mit dem Bezugsbetreuer umgewandelt. Besonders bitter: Die regelmäßigen sozialtherapeutischen Einzelgespräche konnten lange nur am Telefon stattfinden. "Das ist längst nicht dasselbe wie vis-à-vis", sagt Kunz, "Mimik, Gestik, die gesamte nonverbale Kommunikation fällt weg."

Für eine Bewohnerin mit chronischen Depressionen hatte der Verlust des persönlichen Kontaktes zu ihrer Bezugsbetreuerin besonders drastische Konsequenzen. Sie hatte sich erkältet. Die aufgrund ihrer akuten Symptome notwendige Isolation führte zu einer dramatischen Verschlechterung ihres Zustands: Die Patientin kam in die psychiatrische Klinik in Haar.

Gefühl der Genugtuung

Ganz anders als im Falle des Psychotikers, den Corona fast gar nicht tangiert habe. "Dieser Mann lebt so sehr in seiner eigenen Welt und sein Alltag ist dermaßen von Zwanghaftigkeiten strukturiert, dass er das Vorhandensein einer Pandemie kaum registriert hat." Ein Bewohner mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung hat Corona wiederum völlig anders erfahren, und zwar mit einem tiefen Gefühl der Genugtuung. "Endlich müssen alle anderen so leben, wie er selbst es sich aufgezwungen hat, nachdem er sich gekränkt von der Welt zurückgezogen hat", erklärt Kunz, "ohne Freunde, ohne menschliche Beziehungen, ohne Reisen, kurz: ohne Freude".

Sören Kunz zieht am Ende des Gesprächs ein vorsichtiges Fazit: "Jedes psychiatrische Krankheitsbild zieht einen anderen Umgang mit der Pandemie nach sich. Doch ist es sogar so, dass selbst Menschen mit derselben Diagnose völlig anders darauf reagieren können." Eine Erkenntnis, die sich auf die Gruppe der psychisch Gesunden wohl eins zu eins übertragen lässt.

Susanne Böllert

Sören Kunz im Gespräch
In der Arbeit von Sören Kunz stoßen Home-Office und Social-Distancing an ihre Genzen. Foto: Oliver Bodmer
Seite drucken