Innere Mission München

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„Diese Frauen sind ein Geschenk“

Das Pflegezentrum in Ebenhausen bildet Hospizbegleiter aus

Melitta Biermanns Stimme zittert, als sie von den letzten Monaten im Leben ihres Mannes erzählt: „Das Sterben meines Mannes war für mich dann nichts Schlimmes mehr. Die Frauen waren mit so einer Liebe um uns herum, haben mich aufgefangen und getröstet. Da konnte ich akzeptieren, dass das der Weg des Lebens ist.“ Die alte Dame mit der gepflegten Dauerwelle, die heute im Wohnbereich des Evangelischen Alten- und Pflegeheims Ebenhausen lebt, sagt, dass ihr Mann einen „liebevollen Tod“ gestorben sei.

Und ihre Mimik, ihre Gesten drücken Dankbarkeit aus. Die 90-Jährige schildert das Gefühl von Verzweiflung und Ohnmacht, das sie überkam, als sie vor vier Jahren die Nachricht von der schweren Erkrankung ihres Mannes erhielt. Wie sollte sie das nur alles schaffen? Sie bekam Hilfe von fünf Frauen eines ambulanten Hospizdienstes. „Für mich waren diese Frauen ein Geschenk.“

Hospizbegleiter unterstützen schwerstkranke und sterbende Menschen und deren Angehörige in den letzten Wochen vor dem Tod. Sie sind in ambulanten Diensten oder in stationären Einrichtungen tätig. Im Altenheim in Ebenhausen stehen vier ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen den Bewohnern am Ende des Lebens bei. Seit in den 1980er Jahren die ersten Hospizinitiativen in Deutschland entstanden sind, lebt die Bewegung vom Ehrenamt.

Doch Wilfried Bogner, Leiter des Ebenhausener Heims weiß: „Es sind zu wenige. Da bleiben Lücken in der Versorgung, das muss man ganz nüchtern sagen.“ Er beobachtet diesen Mangel nicht nur in seinem Haus. Vor wenigen Jahren waren dort statt der aktuell vier noch zehn Personen regelmäßig im Einsatz. Pfarrerin Dorothea Bergmann von der Fachstelle „Spiritualität – Palliative Care/Hospizkultur – Ethik – Seelsorge“ ist für die Organisation und Koordination der Hospizbegleitung in insgesamt zehn Alten- und Pflegeheimen der Hilfe im Alter zuständig. Über Jahre hat sie zudem den Hospizdienst in Ebenhausen geleitet, wo sie zusammen mit der langjährigen Hospizbegleiterin Christine Walz entsprechende Kurse anbietet.

Beim Informationsabend für den neuen Kurs kamen gerade einmal acht Interessenten. Bergmann: „Ich hatte mir mehr erhofft.“ Ihrer Erfahrung nach würde höchstens die Hälfte von ihnen dann auch tatsächlich die Ausbildung zu Hospizbegleitern antreten. Doch im Mai waren genügend Anmeldungen für den Kurs eingegangen und er konnte stattfinden. Zur Freude für den Heimleiter, nachdem beim letzten Kurs gar niemand gekommen war.

Christine Walz ist seit acht Jahren im Ebenhausener Pflegeheim im Einsatz. Sie hat schon viele Kollegen kommen und gehen sehen. Und auch die 59-Jährige hat selbst schon einmal eine längere Pause eingelegt. Die brauche es von Zeit zu Zeit, sagt sie. „Nur wenn es mir gut geht, kann ich Gutes geben.“ Nur wenn man sich selbst und seine Alltagssorgen aus dem Bewohnerzimmer draußen lasse, könne man wirklich da sein für den Sterbenden.

Genau darum geht es in der Sterbebegleitung: da sein. „Man muss die Bedürfnisse des Menschen herausfinden“, sagt Walz. Manchmal könne das heißen, einfach nur dazusitzen, die Hand zu halten. Manche Menschen würden anfangen zu erzählen, wieder andere, Fragen zu stellen. „Ich muss mich ganz auf den Menschen einlassen und ich muss ihm sein Los lassen.“ Dieses Los müsse man als Hospizbegleiter akzeptieren – und auch, die psychische und physische Belastung zu ertragen.

Oftmals sei es aber auch für Angehörige schwierig, die Hilfe eines Hospizdienstes anzunehmen, beobachtet Bergmann. Der Tod eines geliebten Menschen fühle sich dann plötzlich „unumkehrbar“ an. Die Hilfe durch Hospizbegleiter mache deutlich, dass das Leben jetzt tatsächlich zu Ende geht.

In Ebenhausen bestimmen die Hospizbegleiter selbst, in welchem Umfang sie ihrem Ehrenamt nachgehen. Darauf legt Einrichtungsleiter Bogner großen Wert. Warum die Zahl der Menschen, die sich diesem Ehrenamt widmen, kleiner wird, darüber können Bogner und Bergmann nur spekulieren. Bergmann führt den Rückgang darauf zurück, dass immer weniger Menschen neben einer durchgetakteten Arbeitswoche Zeit für ein Ehrenamt fänden.

Auch hätten sich in den vergangenen Jahren viele für die Flüchtlingsarbeit engagiert. „Die fehlen uns jetzt natürlich“, sagt Bergmann. Bogner beklagt zudem, dass es schlecht um die Finanzierung der Hospizarbeit bestellt sei. Auch wenn die Aufwandsentschädigung für die Ehrenamtlichen keinen großen Posten darstelle, kostet sie etwas: „Wir finanzieren das im Haus irgendwie quer“, sagt Bogner. Mit der Pflegekasse könnten diese Dienste nicht abgerechnet werden. Das Heim ist deshalb auf Spenden angewiesen; oft geben die Angehörigen ehemaliger Bewohner hier etwas.

Doch auch für das Ehrenamt brauche es Strukturen, damit es funktioniert, ist Bogner überzeugt. Hier sei die Politik gefragt. „Politisch wurde viel Schönes diskutiert, aber es kam wenig Greifbares heraus.“ Zwar sei mit dem Hospiz- und Palliativgesetz von 2015 eine „Signalwirkung von gesetzgeberischer Seite“ ausgesendet worden, so Bogner. Der erhöhte Aufwand, den eine Palliativversorgung erfordere, sei jedoch „in keiner Weise im Gesetz abgebildet“, sagt Bergmann.

Sie fordert vor allem mehr Hospize. Weil der Platz dort nicht ausreiche, würden Menschen oft in Altersheime gegeben. Dabei sei hier das Pflegepersonal schon im Alltag überlastet, sagt Bogner. Zusätzliche Hospizarbeit zu übernehmen, sei deshalb kaum möglich. Dabei würden viele Pfleger die Bewohner in der letzten Phase ihres Lebens nur ungern alleine lassen. Für sie sei es umso wichtiger zu wissen, dass mit den Hospizbegleitern jemand für die Bewohner da sei.

Nicht nur für Pfleger und Angehörige ist der Hospizdienst eine Erleichterung. Sie selbst als Hospizbegleiterin nehme viel Positives aus dem Ehrenamt mit, sagt etwa Christine Walz. Sie sei gelassener geworden, sagt sie, habe gemerkt, „was wirklich wichtig ist im Leben“. Und gesehen, „was der Mensch alles aushalten kann und wie er trotzdem nicht verzweifelt“. Und, dass auch in den letzten Wochen vor dem Tod oft noch viel Lebensfreude da sei. Dass Hospizhelfer meist fremde Menschen seien, sieht sie als Vorteil. In einer Beziehung „ohne Vorbelastungen“ gebe es viel Gesprächsstoff.

Melitta Biermann bestätigt das. Sie habe das an ihrem Mann beobachten können: „Es tat ihm gut, dass Menschen von außen kamen.“

Katharina Schmid

Manchmal braucht es einen langen Atem, um über die letzten Dinge zu reden. Hospizbegleiterinnen haben ihn. Fotos: Harry Wolfsbauer
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