Innere Mission München

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„Ein großes und mutiges Projekt“

Neues Seniorenwohn- und Pflegeheim in Schlehdorf eröffnet – Kritik an der Politik

Es ist vollbracht: Sieben Jahre, nachdem die ersten Pläne vorgestellt wurden, bekam das neu eröffnete Seniorenwohn- und Pflegeheim in Schlehdorf Anfang Juni den kirchlichen Segen.

Die Festreden bei der Einweihungsfeier waren geprägt von Stolz über das Erreichte – aber auch von Frust über die – unbefriedigenden – bundespolitischen Weichenstellungen.

Vor rund zehn Jahren steckten sowohl das Pflegeheim im Schlehdorf als auch in Grafenaschau in einer verzwickten Lage. Das im Jahr 1863 errichtete Gebäude in Schlehdorf war arg in die Jahre gekommen. Schnell war klar, dass sich ein Neubau nicht vermeiden lässt. Und dem Lindenhof in Grafenaschau setzte das 2008 erlassene Gesetz zur Pflege- und Wohnqualität im Alter schwer zu: „Das Gesetz hat gravierende Auswirkungen“, sagte Einrichtungsleiter Jörg Kahl in seiner Festrede.

„Wir hatten damals eine Begehung und haben mit einem Zollstock die Abstandsflächen und Gangbreiten gemessen.“ In den Gesprächen danach wurde dann schnell klar, dass das ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert stammende, mehrfach umgebaute und sanierte Haus die aktuellen baulichen Anforderungen nicht erfüllen kann. „Mit dem Lindenhof in Grafenaschau konnte es so nicht mehr weitergehen.“

Ein Drama mit gutem Ende

Was folgte, waren laut Kahl schlaflose Nächte: „Wir haben so tolle Mitarbeiter, und dann machen gesetzliche Anforderungen alles zunichte.“ Auch Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission, empfand es als „traurig, dass eine Vorzeige-Einrichtung wie der Lindenhof durch die Grausamkeiten des Gesetzes ihr Ende gefunden hat.“ Umso glücklicher sind die beiden, dass das Drama durch den Umzug der Einrichtung nach Schlehdorf jetzt ein gutes Ende gefunden hat.

Auch Landrat Josef Niedermaier steht dem Gesetz mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber. Auf der einen Seite sei es nicht ohne Grund erlassen worden, „denn es hat Auswüchse gegeben, die bekämpft werden müssen“. Auf der anderen Seite sei es nicht so einfach festzulegen, was in der Pflege richtig und gut ist. Alles werde über einen Kamm geschert, „und plötzlich heißt es, ihr müsst ein neues Pflegeheim bauen“.

Auch die Festrede von Gerhard Prölß war geprägt von kritischen Tönen gegenüber der Politik auf Bundes- und Landesebene: „Damit kann man nicht zufrieden sein, sie bereitet uns große Sorgen“, sagte der Geschäftsführer der „Hilfe im Alter gGmbH“. Ein Beispiel für das Dilemma sei das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz, das die Schaffung von 13.000 neuen Pflegestellen vorsieht. „Und dabei haben wir schon 40.000 nicht besetzte Stellen in Deutschland“, kritisierte Prölß. In Zukunft seien nun 53.000 Stellen nicht besetzt. „Das packt das Problem nicht bei der Wurzel an.“ Auch die von der Politik gewollte generalistische Pflege entpuppe sich zusehends als „bürokratisches  Monster“. Politische Floskeln würden der Pflege nicht weiterhelfen: „Die politischen Entscheider denken offenbar nicht an die Menschen.“

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen wagte die Gemeinde Schlehdorf gemeinsam mit dem Nachbarort Großweil den Bau des neuen Pflegeheims. Der Grund sei „soziales und historisches Verantwortungsbewusstsein“, wie Schlehdorfs Bürgermeister Stefan Jocher erläuterte. Das Gebäude werde schließlich schon seit mehr als 150 Jahren für soziale Zwecke genutzt. Das Murnauer Architekturbüro Kottermair & Rebholz habe sich dabei als „absoluter Glücksfall“ für die Gemeinde erwiesen: „Der Einsatz von Frau Rebholz war unermüdlich und ist weit über das hinausgegangen, was im Architektenvertrag festgelegt ist.“

Dankbarkeit und „Freude pur“

Als ebenso richtig habe sich die Auswahl des Betreibers erwiesen – bei den vier Interessenten setzte sich die Innere Mission München durch:„Ein hoch kompetenter Partner“, urteilte Jocher, der nicht vergaß, sich bei der Europäischen Zentralbank und deren Präsidenten Mario Draghi zu bedanken. Schmunzelnd sagte Jocher: „Die Niedrigzinsphase ist für uns genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.“

Dass das Gebäude nun errichtet ist, erfüllt Günther Bauer voller Dankbarkeit „mit Freude pur“: „Es ist, wie wenn man nach einer langen Bergtour endlich den Gipfel erreicht.“ Er kündigte an, dass es künftig zwischen dem Pater-Rupert-Mayer-Haus in Kochel und dem Schlehdorfer Heim eine „ganz enge Beziehung über den See hinweg“ geben werde, da beide Einrichtungen von der Hilfe im Alter betrieben werden und mit Jörg Kahl auch denselben Leiter haben.

In der neuen Pflegeeinrichtung werde nun umgesetzt, was seit vielen Jahren Tradition bei der Inneren Mission ist: „Jeder einzelne Bewohner soll die Würde und den Respekt erhalten, die er verdient hat.“

Bauer dankte zudem dem Kreistag Bad Tölz-Wolfratshausen für die finanzielle Förderung des Baus in Höhe von 600.000 Euro. Das sei keine Selbstverständlichkeit: „Das Geld kommt ausschließlich den Bewohnern des Hauses zugute.“

Das Seniorenheim mit Gesamtkosten von rund 8,5 Millionen Euro sei ein „großes und mutiges Projekt“ für zwei kleine Gemeinden aus zwei Landkreisen, sagte Architektin Onni Rebholz. Das Gebäude stehe nun „ganz selbstverständlich“ da, aber es seien viele Steine aus dem Weg zu räumen gewesen. Rebholz überreichte Jörg Kahl, den sie schmunzelnd als „Mr. Lindenhof“ titulierte, ein Vogelhaus: „Der Haussperling hat dazu beigetragen, dass es eine Bauverzögerung gegeben hat. Hoffen wir, dass er hier wieder einzieht.“ Eine mehrmonatige Bauverzögerung hatten auch archäologische Ausgrabungen verursacht: Auf dem Bauplatz waren beim Aushub die Reste des zweiten Schlehdorfer Klosters entdeckt worden. Der Bauverzug summierte sich für den Zweckverband schließlich auf Mehrkosten in Höhe von 315.000 Euro. Landrat Josef Niedermaier sagte, er könne sich noch gut daran erinnern, wie er das erste Mal in der Baugrube stand und die Archäologen bei ihrer Arbeit beobachtete. Und unter dem Gelächter der rund 100 Festgäste fügte er hinzu: „Es gibt nicht viele Pflegeheime, bei denen der Aushub mit der Zahnbürste gemacht wurde.“

Dank an alle Mitarbeitenden

Wie gut der ökumenische Zusammenhalt an der Basis funktioniert, zeigte sich in Schlehdorf nicht nur bei der kirchlichen Weihe, die Pfarrerin Elke Binder und ihr katholischer Kollege Christian Hermann vornahmen, sondern auch an anderer Stelle. So haben die Schwestern des benachbarten Klosters aus ihrer Dominikuskapelle Altar, Tabernakel und Standkreuz gespendet; Bürgermeister Jocher überreichte das Kruzifix, das sich in der Kapelle des alten Hauses befunden hatte. Und berichtete davon, dass er auf die Frage einer Großweilerin, ob das Haus denn unbedingt von Protestanten betrieben werden müsse, geantwortet habe: „Des san doch auch Christen.“

Einrichtungsleiter Jörg Kahl bedankte sich in seiner Rede vor allem bei den Mitarbeitenden, die die Mehrbelastung des Umzugs und Neuanfangs mit einer tollen Haltung und „stets mit einem Lächeln“ bewältigt hätten. Der Küchenchef etwa habe zum Umzug seine ganze Familie mobilisiert, der Hausmeister so viele Überstunden gemacht, „dass ich ihm jetzt ein halbes Jahr freigeben müsste“.

Er wünsche sich, dass der Geist des alten Lindenhofs in Schlehdorf weiterbestehe und das das neue Haus in das Gemeindeleben schnell integriert werde: „Wir wollen ein ganz selbstverständlicher Teil von Schlehdorf werden.“

Hindernisse bis zum Schluss

Dass die Mitarbeitenden Kahls Einsatz auch sehr schätzten, drückte die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung, Edeltraud Kölbl, aus. Sie überbrachte neben Brot und Salz auch eine Flasche Murnauer Moosgeist und viel Schokolade „als Nervennahrung“. Und dankte herzlich im Namen aller: „Sie waren immer für uns Mitarbeitende da.“

Gearbeitet wurde an dem Bau übrigens bis unmittelbar vor der Feier: Landschaftsgärtner richteten noch den Eingangsbereich her und entfernten den alten Holzzaun zur Kocheler Straße. Und auch die Brandschutz-Freigabe sei nur wenige Stunden vor dem Einzug der Bewohner aus dem Grafenaschauer Haus gekommen, berichtete Kahl.„Es war ein spannender Hindernislauf bis zum Schluss. Aber es ist ein tolles Haus geworden.“

Patrick Staar / ho

Zum Einzug ein Kruzifix: Schledorfs Bürgermeister Stefan Jocher übergibt das Kreuz aus dem früheren Pflegeheim an Einrichtungsleiter Jörg Kahl; links Manfred Sporer, Bürgermeister aus Großweil. Foto: Patrick Staar
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