Innere Mission München

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Ein Lehrer für besondere Fälle

Bernd Bräutigam unterrichtet Schulverweigerer

Es ist Donnerstag, elf Uhr, der Schulunterricht beginnt. Bernd Bräutigam betritt das Klassenzimmer: ein Whiteboard hinter dem Lehrerpult, Zettel mit den Himmelsrichtungen an der Wand, Unterrichtsmaterialien in einem Regal. Hinter Bräutigam schleicht sein Schüler Max, 14 Jahre alt. Max wählt eine Schulbank aus – es gibt nur drei – er nimmt Platz, und damit ist die Klasse vollständig.

Dies ist keine normale Schule; genau genommen ist es gar keine. Das Klassenzimmer befindet sich in einer ehemaligen Pension in Wattenham, einem winzigen Dorf in der Nähe des Klosters Seeon. Hier ist die intensivpädagogische Wohngruppe der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen untergebracht. Derzeit wohnen hier sieben Kinder und Jugendliche. Zwei von ihnen unterrichtet Bräutigam derzeit in der Wohngruppe, die anderen besuchen Schulen im Umkreis. Bernd Bräutigam ist Lehrer, aber einer für besondere Fälle.

"Für Leute wie mich gibt es in Oberfranken keine Jobs"

Es hat ein wenig gedauert, bis er das festgestellt hat. Er hat eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht, als Mediengestalter und in der Zweiradbranche gearbeitet, er hat "viel studiert, jenseits der 20 Semester", sagt er – und ist schließlich Realschullehrer geworden. "Ich habe an zwei Schulen gearbeitet, die sich Brennpunktschulen nannten", erzählt er, "ich konnte das nicht nachvollziehen. Ich kam mit den angeblich schlimmsten Schülern immer am besten zurecht." Er stammt aus Oberfranken, sein weicher Dialekt verrät das, "aber für Leute wie mich gibt es in Oberfranken keine Jobs. Ich komme in den Regelschulen selber nicht klar."

Insofern kann es als Glücksfall gelten, dass Bernd Bräutigam und die Innere Mission zusammengefunden haben. 2015 war Bräutigam auf der Suche nach einer Arbeit, die zu ihm passte und ihn erfüllte. Viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge waren ins Land gekommen, Bräutigam erkannte die große Aufgabe und bewarb sich unter anderem bei der Kinder- und Jugendhilfe. Weil er zwar kein Sozialpädagoge ist, dafür aber Pädagoge, fragte ihn Bereichsleiterin Ann-Katrin Lutschewitz, ob er nicht als Lehrer anfangen könne. 2016 trat Bräutigam die Stelle an und sagt heute: "Jetzt bin ich am richtigen Platz."

"Ich kann gut mit Underdogs"

Vier Jahre unterrichtet er jetzt schon die Kinder und Jugendlichen, die in den Wohngruppen wohnen und aus der Schule geflogen sind, weil sie Mitschüler und Lehrer ununterbrochen beleidigt, jede Mitarbeit verweigert, andere angegriffen oder ganze Klassenzimmer zerlegt haben. "Vorgänger auf dieser Stelle sind schon körperlich verletzt worden, damit muss man rechnen", sagt Bräutigam. Er hat keine Illusionen, aber er sagt: "Ich kann gut mit Underdogs."

Max soll heute ein Laufdiktat schreiben, das bedeutet: Der Zettel mit dem Text liegt ein paar Meter von ihm entfernt, Max muss aufstehen, sich einen Satz durchlesen, zu seinem Platz zurückgehen und ihn aufschreiben. Darauf hat Max keine Lust, er versucht es mit diversen Ablenkungsmanövern: Er rückt den Text nicht heraus, er beschwert sich über den Inhalt, er fragt nach dem heutigen Datum. Bernd Bräutigam lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er sitzt ruhig auf seinem Hocker, sagt höchstens einmal "Bist du schon fertig?", ansonsten herrscht Ruhe. Der Bleistift schabt über das Papier, die Uhr tickt, die Sonne leuchtet an den gelben Vorhängen vorbei ins Klassenzimmer. Eine beinahe friedliche Stimmung, aber alle wissen: Das kann jederzeit kippen.

"Du stinkst dann doch wie ein Bär"

Schon vor dem Diktat hat Bräutigam seinen Platz am Pult verlassen, er sitzt Max jetzt direkt gegenüber. Er hat bei seinem Schüler Kaubonbons mit Koffein gefunden. Koffein, Nikotin, Taurin – Max kennt sich mit allem aus. "Nikotin ist ein Nervengift", sagt Bräutigam. "Ich weiß", sagt Max, "ich habe zwei Jahre lang geraucht." – "Wieviel?" – "Am Anfang ein bis zwei Kippen, später ein bis zwei Schachteln." – "Haben das deine Eltern nicht gemerkt?" – "Wie sollen die das merken?" – "Du stinkst dann doch wie ein Bär." – "Das war meiner Mutter egal. Ich rauche eh schon mein Leben lang passiv."

Nach einer Dreiviertelstunde ist Max für heute fertig und schlappt aus dem Klassenzimmer. Bernd Bräutigam bleibt noch eine Weile und denkt nach über die Unterrichtsstunde, bei der Max "seine absolute Schokoladenseite" gezeigt habe – es hätte auch sein können, dass er das Blatt, das er nicht bearbeiten will, zerreißt oder herumschreit. Bernd Bräutigam hätte auch damit umgehen können; er ist für jeden Schüler jeden Tag genau der Lehrer, der gerade gebraucht wird.

"Hier entscheide ich mein Unterrichtsprogramm manchmal innerhalb von 30 Sekunden"

Diese Flexibilität ist eine große Herausforderung – und gleichzeitig ein Grund, warum er seinen Job so liebt. "Auf der Regelschule lege ich dem Rektor einen Jahresplan vor. Hier entscheide ich mein Unterrichtsprogramm manchmal innerhalb von 30 Sekunden. Außerdem muss ich mich an keinerlei wirtschaftliche Zwänge halten. Und: Es ist eine sinnvolle Arbeit." Denn 80 Prozent seiner Schüler gehen nach seinem Unterricht wieder auf eine öffentliche Schule.

Susanne Hagenmaier

Lehrer Bernd Bräutigam im Klassenraum
"Ich komme in den Regelschulen selber nicht klar": Bernd Bräutiam unterrichtet intensivpädagogischen Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen. Foto: Susanne Hagenmaier
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