Innere Mission München

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Erinnerungen über alle Sinne wecken

Ein interkultureller Erinnerungskoffer für die Biographiearbeit mit an demenzerkrankten Migranten

Ich packe meinen Koffer - und nehme mit? Vor dieser Frage standen Daniela Weis, Zina Boughrara, Elena Augustin und Hannes Brücher in den vergangenen Monaten häufiger. Der Grund: Ein Jahr lang haben sie gemeinsam für die Stadt München einen interkulturellen Erinnerungskoffer entwickelt, der sich speziell an demenzkranke Migrantinnen und Migranten richtet.

Denn derzeit leben nach Angaben des Sozialreferats knapp 100.000 Migrantinnen und Migranten über 60 Jahre in München - Tendenz steigend. Damit wird sich auch die Zahl demenziell Erkrankter mit Migrationsgeschichte in Zukunft deutlich erhöhen. "Durch Demenz verlieren sie häufig die Erinnerungen an ihr Leben in Deutschland und auch die deutsche Sprache", sagt Daniela Weis, die im Evangelischen Alten- und Pflegeheim "Leonhard-Henninger-Haus" das Projekt "Interkulturelle Öffnung der Pflege in München" koordiniert. Dafür werden die Eindrücke aus der Kindheit - und somit aus ihren Heimatländern - wieder stärker.

"Der Koffer soll als Türöffner dienen", erklärt Hannes Brücher vom Seminar für mehrsprachige Helferinnen und Helfer. "Er soll beiden Menschen durch Erinnerungen Emotionen wecken, sie sollen von ihrem Leben erzählen, von ihrer Kindheit, von Bräuchen und wichtigen Stationen in ihrem Leben. "Weil Demenz die kognitive Wahrnehmung beeinträchtigt, spricht der Koffer alle Sinne an: sei es über Musik, Gerüche von typischen Kräutern oder auch Stoffe.

Wichtig war dem Team beim Kofferpacken der partizipatorische Ansatz. So haben sie ein Netzwerk aus 25 Ehrenamtlichen aus 14 Nationen aufgebaut, die sie durch ihre tägliche Arbeit kennen. In einem Workshop haben diese aufgeschrieben, was sie mit ihrer Heimat verbinden: von Alltagsgegenständen und Freizeitaktivitäten über Filme, Rituale und Feste bis hin zu Politik und Zeitgeschehen.

Es war schön zu beobachten, wie lebhaft der Austausch in den Gruppen war", sagt Zina Boughrara, die im Alten- und Service-Zentrum Haidhausen schon seit längerer Zeit interkulturell arbeitet.

Überwältigt waren die Initiatoren vom Engagement der Ehrenamtlichen: Sie haben Gewürze, Filme und Musik aus dem Heimaturlaub mitgebracht, in München Geschäfte abgeklappert und Gegenstände aus ihrem Familienbesitz gespendet.

"Am Ende hätten wir gleich mehrere Koffer damit füllen können", sagt Hannes Brücher und lacht. Das haben sie dann auch gemacht: Ein Koffer geht an die Stadt München, die das Projekt auch finanziell unterstützt hat. Darin sind Erinnerungsstücke aus den Kulturen der größten Migrantengruppen in München: aus Griechenland, Italien, der Türkei, Südosteuropa, Russland und aus dem arabischen Raum. Einen zweiten Koffer können sich die Einrichtungen der Hilfe im Alter ausleihen. Hierin liegen Gegenstände aus allen Ländern, für die es Beiträge gab.

Auf einer Landkarte sind die Regionen jeweils mit einer eigenen Farbe markiert; im Koffer liegen die Gegenstände aus der Region in Kästchen in der gleichen Farbe. Dazu gibt es eine Karte, auf der ein paar Wörter in Landessprache sowie eine Liste mit den Gegenständen und Erklärungen dazu. "Der Koffer eignet sich sehr gut für die Erinnerungsarbeit in der Altenpflege, zum Beispiel für die Zehn-Minuten-Aktivierung", sagt Elena Augustin, die beim Paritätischen Wohlfahrtsverband das Projekt "Brücken bauen" koordiniert.

Im November haben die Projektinitiatoren bei einem Fachtag den Koffer der Stadt München übergeben; Interessenten können ihn bei Anke Kayser (anke.kayser@muenchen.de) oder innerhalb der Hilfe im Alter bei Daniela Weis (dweis@im-muenchen.de) ausleihen.

Isabel Hartmann

Ein interkultureller Erinnerungskoffer soll die Biographiearbeit mit an demenzerkrankten Migranten erleichtern
Ich packe meinen Koffer – und nehme mit? Vor dieser Frage standen Daniela Weis, Zina Boughrara, Elena Augustin und Hannes Brücher in den vergangenen Monaten häufiger. Der Grund: Ein Jahr lang haben sie gemeinsam für die Stadt München einen interkulturellen Erinnerungskoffer entwickelt, der sich speziell an demenzkranke Migrantinnen und Migranten richtet.
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