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Fachkräfte sollen gehen, obwohl sie gebraucht werden

Pflege light: Wenn Betreuungskräfte aus Osteuropa eine Aufgabe übernehmen, die sie nicht bewältigen

„24-Stunden-Betreuung zuhause.“ Das versprechen zahllose Kleinanzeigen in Stadtteilzeitungen und im Internet. Seriöse, aber auch zweifelhafte Personalagenturen vermitteln günstige Pflegehelferinnen vor allem aus Polen, Rumänien und Tschechien in deutsche Haushalte.

Die Stiftung Warentest, die die Agenturen im vergangenen Jahr unter die Lupe genommen hat, schätzt, dass etwa 300.000 Frauen aus Osteuropa in deutschen Familien leben und Pflegebedürftige versorgen. Wahrscheinlich sind es aber sehr viel mehr. Dazu kommt: Viele von ihnen arbeiten schwarz. Die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch.

Und meistens läuft das nach demselben Schema ab: Die Angehörigen engagieren die Helferin aus Osteuropa erst dann, wenn ein ambulanter Dienst die Pflege schon organisiert hat und alles gut läuft. Barbara Wurzer, Leiterin der Ökumenischen Sozialstation Giesing- Harlaching der Hilfe im Alter, erläutert das an einem Beispiel aus ihrem Alltag. Ein Patient wird mit akutem Pflegebedarf aus der Klinik nach Hause entlassen: „Wir machen in so einem Fall einen Erstbesuch in der Wohnung des Klienten, um die Pflege zu regeln.“

Da geht es dann darum, wie oft am Tag jemand vom ambulanten Dienst kommt. „Wir beraten aber auch, welche Hilfsmittel notwendig sind, zum Beispiel ein Badewannenlifter oder ein Pflegebett; und wir vermitteln Adressen von Fußpflegerinnen und Friseuren, die ins Haus kommen.“

Wenn dann alles funktioniert, holen die Angehörigen eine Betreuungskraft aus Osteuropa – und dünnen den Vertrag mit dem Pflegedienst aus. „Zuerst sollen wir drei, vier oder sogar fünf Besuche am Tag machen; wenn die Helferin dann da ist, sind es nur noch zwei: meist morgens und abends“, berichtet Barbara Wurzer. „Betriebswirtschaftlich gesehen ist das für uns natürlich ein Verlust“. Aber nicht nur das: „Manchmal denke ich dann: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann gehen.“

Doch was ist, wenn die Betreuungskraft aus Osteuropa aufgrund mangelnder Qualifikation überfordert ist oder ausfällt? Dann muss die Sozialstation wieder einspringen. Barbara Wurzer hat erst kürzlich so einen Fall erlebt: Ein 90-jähriger Patient, der einen Schlaganfall erlitten hatte, wurde aus der Rehaklinik entlassen. Die Sozialstation organisierte die Pflege und kam wie vereinbart mehrmals am Tag in die Wohnung. Dann beschafften sich die Angehörigen eine Betreuungskraft aus Tschechien. Der Pflegedienst sollte ab sofort nur noch zweimal vorbeischauen.

Der Patient musste jedoch über eine Magensonde ernährt werden. Und es stellte sich heraus, dass die tschechische Helferin damit nicht umgehen konnte. Der Pflegedienst musste kommen und es ihr zeigen. „Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Betreuungskräfte einzuweisen.“ Man habe es aber trotzdem getan: „Das abzulehnen würde unserem Pflegeverständnis widersprechen“, sagt Barbara Wurzer.

Doch die Geschichte ging weiter. Mehrere Betreuungskräfte aus Tschechien wechselten sich ab: Nach ein paar Monaten kam turnusmäßig eine andere Helferin und löste ihre Kollegin ab. Das funktionierte aber nicht immer, berichtet Barbara Wurzer: „Dann sollen wir wieder einspringen und die Lücke schließen.“ Das ist vor kurzem passiert. Die Ablöse aus Tschechien traf nicht rechtzeitig ein. Die Familie rief verzweifelt bei der Sozialstation an und bat darum, wieder vier- oder fünfmal am Tag eine Pflegekraft zu bekommen. Organisatorisch ist so etwas eigentlich gar nicht zu schaffen. „Das war von einem Tag auf den anderen; aber wir haben es irgendwie hingekriegt“, sagt Barbara Wurzer.

Zum Glück sei das ein Einzelfall gewesen. „Sollte so etwas häufiger vorkommen, kann das für uns als Sozialstation betriebswirtschaftlich und organisatorisch zu einem ganz großen Problem werden.“ Mal ganz abgesehen davon, auf welchem Qualitätsniveau die Pflege der sogenannten Betreuungskräfte erfolgt. Zuhause kontrolliert nämlich niemand, ob die Pflege sachgerecht und richtig erfolgt.

Rainer Ulbrich

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