Innere Mission München

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Große Chancen mit kleinen Problemen

Das Projekt "Interkulturelle Öffnung der Pflege in München" im Leonhard-Henninger-Haus

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen mit einem Migrationshintergrund wird in den kommenden Jahren stetig ansteigen. Bereits im Dezember 2013 hatte der Münchner Stadtrat deshalb ein Rahmenkonzept beschlossen, um die interkulturelle Öffnung in Pflegeeinrichtungen voranzubringen und zu fördern. Ziel des auf fünf Jahre angelegten Projekts war es, den soziokulturellen Hintergrund von Migranten stärker in die pflegerische Versorgung miteinzubeziehen.

Sieben stationäre Einrichtungen in München erhielten während dieser Zeit eine besondere Förderung, um die interkulturelle Öffnung umzusetzen. Die Landeshauptstadt gewährte einen Zuschuss zu den Personalkosten sowie finanzielle Mittel für etwaige Umbauten. Zusätzlich gab es Geld für Fortbildungen und Beratung. Die Hilfe im Alter nahm mit dem Leonhard-Henninger-Haus im Westend an dem Modellprojekt teil.

Jeder fünfte Bewohner mit Zuwanderungshintergrund

Dieses Stadtviertel ist geprägt durch einen besonders hohen Ausländeranteil, erläutert Daniela Weis, die die Projektleitung innehatte: "Im Bezirk Schwanthalerhöhe haben 45 Prozent der Senioren über 65 Jahren einen Migrationshintergrund." Das lässt die Prognose zu, dass der Anteil an Migrantinnen und Migranten auch im Pflegezentrum in den kommenden Jahren deutlich ansteigen wird. Zurzeit hat etwa jeder fünfte Bewohner des Hauses an der Gollierstraße einen Zuwanderungshintergrund.

"Es gibt schon jetzt einen Bedarf an kultursensibler Pflege, vor allem aber einen Bedarf an mehrsprachigen Angeboten." Im Moment stehe die Mehrsprachigkeit im Vordergrund, sagt Daniela Weis und erläutert das an einem Beispiel: Die meisten der Bewohner mit ausländischen Wurzeln leben schon seit vielen Jahren in Deutschland und beherrschen auch die deutsche Sprache recht gut. Im Alter fallen sie ihrer Beobachtung nach aber zunehmend wieder in den Gebrauch ihrer Heimatsprache zurück. "Das gilt vor allem für Demenzkranke, die ihr angelerntes Deutsch vergessen und dann meist nur noch in ihrer Muttersprache reden."

Daniela Weis wünscht sich für solche Fälle Übersetzer: "Es müsste eine Möglichkeit geben, Dolmetscher über die Pflegekasse zu finanzieren." Das sei aber derzeit nicht möglich, weshalb die Pflegekräfte darauf angewiesen seien, dass Angehörige bei der Kommunikation helfen. Doch genau das kann manchmal aber Probleme geben, wie Daniela Weis schildert: "Wir hatten einen Bewohner, der eine Pflegerin sexuell belästigt hat. Er konnte kein Deutsch und beim Personal gab es niemanden, der seine Sprache beherrschte." Dann musste die Ehefrau einspringen und übersetzen. "Das war für sie äußerst unangenehm."

Kultureller Hintergrund als der Teil der Pflegeanamnese

Die Beschäftigung mit dem kulturellen Hintergrund eines Bewohners sollte schon beim Einzug beginnen, schlägt Daniela Weis vor: "Das muss in die Pflegeanamnese einfließen, das gehört zu einer kulturadäquaten Pflege."

Um eine kultursensible Pflege leisten zu können, haben die Mitarbeitenden im Leonhard-Henninger-Haus ein besonderes Instrument zur Hand, den "Interkulturellen Erinnerungskoffer". Der Koffer wird individuell gepackt – mit Gegenständen, die den pflegebedürftigen Menschen aus ihrer Heimat vertraut sind. Für türkischstämmige Bewohner gibt es zum Beispiel einen Koffer mit einer Sammlung volkstümlicher Geschichten, die am Bosporus sehr bekannt sind, einer Gebetskette, einem Kopftuch und einer Packung Apfeltee.

70 Prozent der Mitarbeitenden stammen aus dem Ausland

Nicht nur die Zahl der Heimbewohner mit Migrationshintergrund steigt. Noch weitaus stärker ist dies bei den Pflegekräften der Fall: Im Leonhard-Henninger-Haus kommen inzwischen 70 Prozent der Mitarbeitenden aus dem Ausland. "Wir haben Stationen, auf denen es keine deutsche Pflegekraft gibt", sagt Zuhra Iljkic, die selbst aus Bosnien stammt. Sie lebt seit 1994 in Deutschland und arbeitet seit 16 Jahren im Leonhard-Henninger-Haus – inzwischen als Stations-und stellvertretende Pflegedienstleitung. Es sei nicht immer leicht, die Menschen aus den verschiedenen Kulturen zusammenzubringen, berichtet Zuhra Iljkic. Beispielsweise die Gruppe der vietnamesischen Pflegekräfte, die untereinander einen starken Zusammenhalt haben. "Als sie nach Deutschland kamen, konnten die meisten von ihnen Deutsch auf A2-Niveau; das war damals schon schwierig." Zudem seien sie es von ihrer Kultur her auch nicht gewohnt, viel über Probleme zu reden.

Der hohe Ausländeranteil unter den Pflegekräften schafft nicht nur sprachliche Herausforderungen. Immer wieder passiert es auch, dass Bewohner nicht von ausländischen Mitarbeitenden gepflegt werden wollen. "Diskriminierungen kommen vor, auch Beleidigungen", berichtet Zuhra Iljkic.

"Einmal hat ein Mann eine Pflegerin am Zopf gezogen. Sie hat daraufhin geweint." Im Haus arbeiten vier Frauen aus Kenia. "Einige Bewohner lehnen es ab, dass eine dunkelhäutige Mitarbeiterin sie versorgt", sagt Iljkic. "Und manche Angehörige schimpfen, bei uns würden nur Ausländer arbeiten."

Wie mit Diskriminierungen umgehen?

Projektleiterin Daniela Weis hat deshalb den Pflegekräften einen Antidiskriminierungs-Leitfaden an die Hand gegeben. Er enthält Tipps, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie angefeindet, beleidigt oder sogar angegriffen werden. Daniela Weis nennt ein Beispiel: "Ein Bewohner beschimpft eine ausländische Mitarbeiterin derb auf Bairisch. Die Empfehlung lautet in diesem Fall, die Pflegerin soll mit Nachdruck und Entschiedenheit sagen: 'So reden Sie bitte nicht mit mir.' Wenn er damit nicht aufhört, soll sie einfach ruhig aus dem Zimmer gehen." Und dann müsse über diesen Vorfall gesprochen werden: im Team und mit den Vorgesetzten.

Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland wäre die Versorgung in den Einrichtungen längst zusammengebrochen. Und der Anteil ausländischer Mitarbeiter wird weiter steigen, nicht nur im Leonhard-Henninger-Haus, prognostiziert Heimleiter Frank Chylek. "Der Träger einer Einrichtung ist gefordert, seine neuen Mitarbeitenden auch nachhaltig zu begleiten." Es reiche nicht, jemanden nur zu rekrutieren und einzustellen. "Man muss auch schauen, was brauchen die Menschen sonst noch." Und man müsse die Leute nach Möglichkeit selbst ausbilden und dadurch unser Verständnis von Pflege vermitteln. Das schaffe dann eine positive Bindung an das Haus und an den Träger.

Frank Chylek hat in den vergangenen Jahren viele Pflegekräfte aus Bosnien in sein Haus geholt. "Das sind vorwiegend Fachkräfte, die hier ihre Anerkennung als Fachkraft erlangen wollen", sagt er dazu. Er würde gerne noch mehr Menschen aus dem Ausland einstellen.

Hilfe im Alter will das Projekt intern weiter verfolgen

Doch das ist im Moment sehr schwierig. Das Hauptproblem für Bosnier etwa besteht derzeit darin, ein Visum für Deutschland zu erhalten. "Da wartet man ein Jahr auf einen Termin bei der deutschen Botschaft." Und das, obwohl man diese Arbeitskräfte in Deutschland dringend braucht. Frank Chylek ist darüber regelrecht sauer: "Solange der Gesetzgeber nicht dazu steht, dass Deutschland ein Einwanderungsland wird, werden wir hier nicht wirklich weiterkommen."

Das Projekt Interkulturelle Öffnung der Pflege endet im September. Ob es von Seiten der Stadt München weitergeführt wird, ist derzeit noch unklar. Doch die Hilfe im Alter will das Konzept in ihren Einrichtungen intern weiter verfolgen und an die bisherigen Ergebnisse anknüpfen. Konkrete Planungen hierzu gibt es bereits. Chylek: "Dafür sind die Erfolge, die wir damit gehabt haben, viel zu wichtig, als dass das jetzt alles wieder versanden sollte."

Rainer Ulbrich

Mitarbeiterinnen aus mehreren Nationen im Leonhard-Henninger-Haus
Interkultureller gehts kaum: Mitarbeiterinnen aus mehreren Nationen sind gemeinsam in der Kurzzeitpflege des Leonhard-Henninger-Hauses im Westend tätig. Chaido Mouka, Daniela Weis vom Pojekt Interkulturelle Öffnung, Thi My Phuong Do und Jadranka Jeleskovic (v.l.n.r.). Foto: Oliver Bodmer
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