Innere Mission München

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Helfen als Herzensangelegenheit

Wie ein ehemaliger Geschäftsführer seinen Ruhestand für soziales Engagement nutzt

Wohl jeder Ruheständler verbindet mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben den Wunsch nach einem erfüllten Lebensabend. So auch Andreas Keiser, der vor 13 Jahren in seinem neuen Lebensabschnitt unbedingt eine soziale Aufgabe übernehmen wollte.

Dem ehemaligen Rundfunkjournalisten und Geschäftsführer eines Münchner Verlags war damals nur eines klar: Seine zusätzliche Freizeitbeschäftigung neben der Präsidentschaft bei der Deutsch-Bulgarischen Vereinigung - seine Frau ist Bulgarin - sollte ihn geistig fit und vital halten. Und vor allem mit dem noch vagen Bedürfnis im Einklang stehen, irgendetwas Gutes für ältere Menschen zu tun.

Als er in der Süddeutschen Zeitung zufällig eine kleine Anzeige entdeckte, mit der der Betreuungsverein der Inneren Mission Helfer suchte, meldete er sich spontan. Schließlich hatte er noch während seiner Berufstätigkeit für viereinhalb Jahre die Betreuung seines dementen Vaters übernommen. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - Keiser abschätzen konnte, worauf er sich einließ, fand er ein Betätigungsfeld, das für ihn heute immer noch "bereichernd, anregend und sinnstiftend" ist. Ehrenamtlicher Betreuer zu sein, wurde ihm regelrecht zur "Herzensangelegenheit". Spricht er etwa über die 96 Jahre alte, in einem Seniorenheim lebende Dame, um die er sich derzeit kümmert, und die bei einem Schlaganfall ihr Gedächtnis und ihr Sprachvermögen verlor, gerät der eigentlich sachlich distanziert und reflektiert berichtende Diplom- Volkswirt ins Schwärmen.

Beispielsweise, wenn er ganz nebenbei anmerkt: "Ich freue mich, wenn ich mich in den Bus setze, um ins Seniorenheim zu fahren." Die Besuchte strahle ihn jedes Mal an, wenn er kommt, und vermittle ihm so das Gefühl, "dass es jemanden gibt, der sich kümmert". Auch wenn die beiden nur über Blicke und Berührungen kommunizieren können. Und er ergänzt mit einem Lächeln, er sei eine starke Stütze für die Menschen, die er betreut: "Sie können sich auf mich verlassen." Solche Erfahrungen klingen überraschend, ja erstaunlich. Verbindet man doch mit einer vom Amtsgericht übertragenen Betreuung für einen wildfremden Menschen, der sich nicht mehr selbst um seine Angelegenheiten kümmern kann, zuerst einmal unangenehme Dinge. Beispielsweise lästigen Behördenkram und vor allem viele Pflichten, die es mit sich bringt, wenn man Verantwortung für einen Mitmenschen übernimmt.

Ärger und Belastungen sind für Keiser jedoch marginal. Sollte es Probleme geben, fühlt er sich vom Betreuungsverein, von Behörden und dem Gericht gut betreut. Zudem besucht er mehrmals im Jahr spezielle Vorträge und Fortbildungsveranstaltungen für Betreuer. Keiser sieht sein Ehrenamt positiv; steht es doch für gute Erfahrungen, Lebensfreude, Empathie. "Der Zeitaufwand ist für einen Pensionär zu vernachlässigen", beteuert er gleich mehrmals und ergänzt, "dass das in keinem Verhältnis zu dem steht, was ich lerne und erfahre". Allerdings müsse man gut organisiert sein.

Die erste Frau, für die er damals die Betreuung übernommen hatte, ebenfalls eine hochbetagte, allerdings demente Seniorin, beschreibt Keiser als rührende Person. Die Frau tat ihm leid, weil sie seit 65 Jahren ärmlich und ganz "im Geiz der Sparsamkeit erzogen" in einer kleinen Wohnung ohne Toilette und Bad wohnte und ihren Fernseher nie einschaltete, weil der ja Strom verbrauchte.

Konfrontiert mit solchen unzumutbaren Verhältnissen entwickelte er den Ehrgeiz, dies grundlegend zu verändern. Er beantragte für die Frau Sozialhilfe und wies die Frau, die die Besorgungen der Rentnerin erledigte, an, nicht mehr nur die allerbilligsten Lebensmittel einzukaufen. Schließlich gelang es ihm, seinen Schützling im Münchenstift unterzubringen und der Seniorin dort ein schönes, würdiges Lebens - ende zu ermöglichen. "Das tut immer wieder gut", lautet Keisers Resümee, schließlich erlebte er mit, wie die Frau in der neuen Umgebung im Kontakt mit Gleichaltrigen aufblühte. "Die Genugtuung und Freude, die ich in diesem Moment empfunden habe, sind manchmal nicht zu beschreiben", sagt er.

Noch in einem ganz anderen Zusammenhang ist die Beschäftigung mit Senioren für Keiser zu einer Herzensangelegenheit geworden. So trifft sich der ehemalige Journalist zweimal im Monat im Augustinum mit einem Kreis von Seniorinnen und Senioren, um über das aktuelle Geschehen in der Welt zu diskutieren. Das zwinge ihn, sich über Politik und Gesellschaft regelmäßig gut zu informieren, um mit seinen interessierten, kritischen Zuhörern mithalten zu können. Keiser weiß, wer er ist - und warum es für ihn wichtig ist, Betreuer zu sein.

Er weiß auch, dass zu einem gelungenen Leben etwas mehr gehört als nur das Lebensnotwendige: "Ich brauche Kunst um mich herum und fahre zu Kunstausstellungen", meint er. Wenn man als Besucher in seiner Altbauwohnung in Neuhausen Dutzende von großen und kleinen Bildern sieht sowie Skulpturen aus der Bauhaus-Ära mit klaren, funktionalen Formen, ist dieser Hinweis eigentlich fast überflüssig.

Gerhard Eisenkolb

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