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Herausforderung Home-Schooling

Für Kinder in Flüchtlingsunterkünften ein Desaster

"Die Zeit des Lockdowns war unglaublich anstrengend", erzählt Eva Meiers, Mutter von zwei Jungen. "Unser Erstklässler hat ständig Unterstützung benötigt. Und unserem Fünftklässler konnte ich in manchen Fächern nicht mehrhelfen. Die Kinder waren kaum zu motivieren. Manchmal waren wir am Rande eines Nervenzusammenbruchs."

Damit spricht die Mutter vielen Eltern aus der Seele. Familie Meiers war allerdings gut ausgestattet. Sie hatte Computer, Internetzugang, Drucker und ruhige Arbeitsplätze. Wenn schon solche Familien den Lockdown als Belastungsprobe erfahren haben, wie mag das bei nicht so begüterten Familien sein? Etwa bei Familien, die in einer Flüchtlingsunterkunft leben müssen? Wie mag das Home-Schooling – also der Unterricht zu Hause – für eine Familie sein, die zu fünft in einem Raum lebt und keinen Laptop besitzt? Die zu wenig Deutsch spricht, um die Nachrichten der Schule zu verstehen?

Karlotta Brietzke kann viel zu den Problemen erzählen. Sie leitet die Unterstützungsangebote für begleitet geflüchtete Kinder und Jugendliche. So betreut sie mehr als 800 Minderjährige und ihre Familien in den 15 Flüchtlingsunterkünften, die die Innere Mission betreut. "Das größte Problem des Home-Schoolings war die digitale Infrastruktur", erklärt Karlotta Brietzke. "Manche Unterkünfte waren gar nicht mit WLAN ausgestattet, andere nur eingeschränkt."

Lernen auf dem Bett

Außerdem haben Laptops und Computer gefehlt. Und: Die Sozialarbeiterin kann sich an keine Familie erinnern, die je einen Drucker besessen hätte. Ebenso problematisch war das Lernumfeld. Kein Kind besitzt einen Schreibtisch. Stattdessen lernten sie auf dem Bett, auf dem Sofa, bei gutem Wetter auf der Parkbank. Manche Kinder seien sogar ins benachbarte Schnellrestaurant gegangen, um ins Internet zu kommen. Es fehlen ruhige Lernorte. Wer kann konzentriert arbeiten, wenn der Bruder im selben Zimmer spielt und die kleine Schwester weint?

Überdies verlief der Kontakt zur Schule mühsam. Zwar gab es engagierte Lehrerinnen und Lehrerwie den, der angeradelt kam und die Aufgaben über den Zaun reichte. Doch andere waren von der plötzlichen Umstellung überfordert oder ihre private Ausstattung war unzureichend. Vor allem die Kommunikation mit Familien mit geringen Deutschkenntnissen gestaltete sich schwierig. Und dann fehlten auch noch die Helferinnen und Helfer. Viele Eltern können ihre Kinder aufgrund ihrer geringen Bildung, ihrer Arbeit oder ihrer unzureichenden Sprachkenntnisse nicht bei schulischen Angelegenheiten unterstützen. Deshalb betreuen Ehrenamtliche die Hausaufgaben.

Ehrenamtliche fielen weg

"Doch da sind verständlicherweise viele weggebrochen. Aufgrund des Alters oder von Vorerkrankungen ist vielen das Risiko zu hoch", erzählt Karlotta Brietzke. Während des Lockdowns hatte ohnehin niemand Zugang zu den Kindern, nicht einmal die hauptamtlichen Mitarbeitenden der Unterstützungsangebote. Derzeit müssen die Lern-Gruppen verkleinert werden, so dass noch mehr Zeit, Räume und Ehrenamtliche nötig wären. Home-Schooling war für Kinder in Flüchtlingsunterkünften ein Desaster. Aber es hat auch Hilfsbereitschaft geweckt. So brachte zum Beispiel ein Vater, dessen Sohn mit einem Flüchtlingskind befreundet ist, alle Unterlagen aus der Schule in die Unterkunft. Ehrenamtliche boten Lesegruppen per WhatsApp an. Und eine Firma aus der Nachbarschaft überließ ihre Räume und Drucker zur Mitbenutzung.

Das private Engagement konnte nicht verhindern, dass der Start des Präsenzunterrichts für die meisten Flüchtlingskinder holprig verlief. "Bei manchen fiel er auch ganz aus", erzählt Karlotta Brietzke, "weil die komplette Unterkunft unter Quarantäne gestellt wurde." Angesichts steigender Infektionszahlen kann es gut sein, dass dies im Herbst und Winter noch häufiger passiert.

Wie weit die geflüchteten Kinder in der Schule zurückhängen, kann Karlotta Brietzke noch nicht ermessen. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften geht aber davon aus, dass "ungleiche Bildungschancen noch in unabsehbaren Ausmaß erheblich verschärft werden, da die Schule ihrer sozialen Ausgleichsfunktion noch weniger nachkommen kann."

Auch Professor Klaus Zierer, der sich in seinem Buch "Home-Schooling" mit der Thematik beschäftigt, spricht von "massiven Rückständen". Er verweist jedoch auf einen wichtigen Punkt: "Entscheidend dabei ist aus meiner Sicht nicht so sehr die Frage, ob Einwanderer oder nicht, sondern das Milieu." Das "Häusliche Anregungsniveau" und die "Elternerwartungen" sind für ihn wichtige Punkte für Bildungserfolg.

"Die Kinder haben ein Recht auf Bildung"

Trotzdem: Die meisten Kindermüssen aufholen, um wieder Anschluss zu finden. "Wir müssen kreative Lösungen finden, wie wir beim Lernen unterstützen können", erklärt Karlotta Brietzke.
Für eine gezielte Lernförderung wird die Akquise von Ehrenamtlichen besonders wichtig sein. Und von der Politik fordert die 32-Jährige eine bessere Ausstattung – an Schulen wie auch in den Flüchtlingsunterkünften. "Die Kinder haben ein Recht auf Bildung. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, gut zu lernen. Dazu muss die nötige Infrastruktur geschaffen werden, sonst besteht keine Chancengerechtigkeit."

Zum Schluss findet Karlotta Brietzke eindringliche Worte. "Wir lernen aus den vergangenen Monaten, aber wir müssen weiterlernen. Wir dürfen jetzt nicht einschlafen." Sie erzählt vom "Schrei nach einer besseren Ausstattung der Schulen", der während der Krise laut geworden sei. "Aber ich höre schon nichts mehr. Wir müssen uns endlich weiterbewegen. Jetzt."


Steffi Geihs











Hausaufgaben
Hausaufgabenbetreuung ist für geflüchtete Kinder besonders wichtig. Foto: Archiv
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