Innere Mission München

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Herr Szabo und der Traum von der Südsee

Sozialarbeiterin Katalin Toth berichtet aus ihrem Alltag

Eigentlich ist Katalin Toth promovierte Historikerin. Inzwischen arbeitet sie in der Beratungsstelle Schiller 25 als Sozialarbeiterin. Das mehrsprachige Team kümmert sich vor allem um wohnungslose Migranten. So auch Katalin Toth, die aus Ungarn stammt. Hier schildert sie das bewegende Schicksal von Herrn Szabo.

Einen Ausweg gibt es auch in der hoffnungslosesten Lebenslage. In unserer Einrichtung gibt es dafür täglich Beispiele. Mir hat das die Geschichte von Herrn Szabo (Name von der Redaktion geändert) gezeigt. Ich hatte gerade neu bei Schiller 25 angefangen, als ein Schwabinger Polizist uns um Hilfe bat. Er sagte, auf einem Platz in Schwabing leben zwei Wohnungslose aus Ungarn. Es gebe viel Müll um die Bank herum. Dies störe die Anwohner. Aufgrund von sprachlichen Barrieren sei es schwierig, den beiden mitzuteilen, dass ihre Anwesenheit so nicht länger toleriert werde.

Tuberkuloseverdacht bestätigt

Mit meiner ungarischen Kollegin besuchte ich die beiden Männer und erfuhr, dass einer von ihnen, Herr Szabo, an Tuberkulose erkrankt sei. Bei unserem zweiten Besuch war der gesundheitliche Zustand von Herrn Szabo mehr als alarmierend. Er hatte eine lebensbedrohliche offene Wunde. "Ich will nicht mehr leben", sagte er uns. Wir haben ihn trotzdem überreden können, für eine Untersuchung in den Rettungswagen zu steigen. Im Krankenhaus bestätigten die Ärzte den Tuberkuloseverdacht. Langsam gewann Herr Szabo Vertrauen zu uns, zu den Sozialarbeiterinnen, mit denen er in seiner Muttersprache reden konnte. Als er das erste Mal auf eigenen Füßen zu uns ins Büro kam, kam es uns vor wie ein Wunder.

Mit Spendengeldern konnten wir ihm einen Aufenthalt im Haus an der Pilgersheimer Straße ermöglichen, das vom Katholischen Männerfürsorgeverein betrieben wird. Dort wurde Herr Szabo bis zu seiner Genesung medizinisch versorgt. Neben dem langsamen körperlichen Heilungsprozess war auch sichtbar, dass er sich von den Jahren auf der Straße erholte und er wieder Lebenslust bekam.
Er erzählte uns von seinem früheren Leben. Er kam aus einer wohlhabenden Bauernfamilie, doch nachdem alle aus dem engeren Familienkreis gestorben waren, bekam er Suchtprobleme. 1989 verließ Szabo Ungarn und arbeitete im Ausland. Er hatte nicht vor, wieder in sein Heimatland zurück - zukehren.

Der Weg zurück zur Trauminsel

Herr Szabo behauptete, er habe lange auf einer "Südseeinsel" gelebt, wo er auch ein Grundstück besitze. Dorthin wolle er zurück. Das klang etwas märchenhaft, bis wir in einem telefonischen Gespräch mit einem Krankenhaus auf dieser Insel weitere Informationen erhielten. Es stellte sich heraus, dass es sich bei der "Südseeinsel" um eine französische Mittelmeerinsel handelte.

Der Weg zurück zu seiner Trauminsel gestaltete sich für Herrn Szabo schwierig: Er hatte keine gültigen Reisedokumente. Zuerst organisierte meine Kollegin durch eine ungarische Stiftung eine Geburtsurkunde für ihn. Danach beantragten wir beim ungarischen Konsulat einen neuen Personalausweis. Ich besorgte ihm schließlich aus unseren Spendengeldern eine günstige Fahrkarte.
Am Busbahnhof nahmen wir Abschied voneinander. Das war Anfang Februar 2018. Einige Wochen später erhielten wir von ihm Grußkarten von seiner "Südseeinsel". Er schrieb uns, es gehe ihm gut, und dass er nach seiner OP noch immer an uns denkt. Herr Szabo hat es geschafft – von der Bank in Schwabing zu seiner Trauminsel.


Katalin Toth
Post von Herrn Szabo: Katalin Toth hat ihm geholfen, auf seine Trauminsel zurückzukehren. Foto: Erol Gurian
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