Innere Mission München

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„Ich könnte platzen vor Freude“

Feldkirchner Heimkinder verbringen eine Nacht im Luxus-Hotel „The Lovelace“

"Oh mein Gott", ruft Vanessa*, als sie ihr Zimmer betritt. Die 16-Jährige lässt ihren Handkoffer fallen und schmeißt sich schwungvoll auf das weiß bezogene Bett im derzeit wohl angesagtesten Münchner Pop-Up Hotel, dem Lovelace.

Von dort bewundert sie die Einrichtung: dunkelblaue Vorhänge vor unendlich hohen weißen Wänden, die schlichte schwarze Couch und das neongrüne Bad. "Megaschön!" ist ihr erster Eindruck von dem Zimmer, in dem sie heute eine Nacht verbringen wird. Ohne einen Cent zu bezahlen.

Ihre Freundin Dana (17) testet gleich die Dusche inklusive ökologischer Wellness-Produkte und ist begeistert, wie weich sich ihre Haut danach anfühlt. Und ein paar Zimmer weiter macht Adrian (16) die Musikanlage an und probiert aus, wie er per Fernbedienung die verschiedenen Lampen an- und ausschalten kann, ohne sich vom Bett wegbewegen zu müssen. Dieser Ausflug in das hippe Hotel in der Münchner Innenstadt gehört sicher zu den Highlights, die die Heimkinder der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen erleben dürfen.

Raus aus der Alltagsroutine

Dass sie diese Nacht hier verbringen dürfen, verdanken sie Münchens Szenegastronomen Michi Kern, der selber einmal fünf Jahre in Feldkirchen im Heim gelebt hat. "Die Zeit dort war sehr wichtig und schön für mich und seitdem fühle ich mich dem Haus und der Institution dahinter sehr verbunden", erklärt der 51-Jährige. Mit seiner Einladung für diese Frei-Nacht möchte er den Kindern ermöglichen, einmal aus ihrem Alltag auszubrechen: "Sie sollen mal rauskommen aus den eigenen vier Wänden mit der Alltagsroutine und woanders schlafen", sagt er.

Dass die Übernachtung auf jeden Fall ein Erlebnis wird, liegt schon an der Location selbst. Sein erst vor Kurzem eröffnetes Hotel und Kreativprojekt "The Lovelace - A Hotel Happening" kann Kern bis 2019 in dem noblen alten Gebäude der Bayerischen Staatsbank in der Kardinal-Faulhaber-Straße verwirklichen. Neben den Hotelzimmern, der Bar, dem Fitness-Raum und dem Restaurant gibt es jeden Tag auf einer Bühne wechselnde Performances und Musik.

Leben wie in der Großfamilie

Kern und seine Geschäftspartner, alle selbst mehrfache Eltern, freuen sich auf die Kinder und Jugendlichen aus Feldkirchen: "Nirgendwo ist mehr Happening als mit Kindern", sagt Michi Kern und lacht. 21 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 19 Jahren haben sich für den Ausflug heute angemeldet.

Die meisten sind 14 Jahre oder älter und kommen aus den verschiedenen Wohngruppen der Feldkirchner Einrichtung. "In jeder Gruppe sind neun Kinder und etwa fünf bis sechs Mitarbeitende", erklärt Jutta Bisani, die alles organisiert hat und die sonst als Heilpädagogin und im Fachdienst zuständig ist für die Heilpädagogischen Wohngruppen.

Der 16-jährige Adrian lebt bereits seit sechs Jahren in der Feldkirchner Einrichtung. In seiner Gruppe ist er der Zweitälteste. "Die Kleinste ist fünf", erzählt er. Und seine Gruppe findet er sehr gut. "Das ist wie in einer Großfamilie", beschreibt er das Lebensgefühl, das er dort hat. Momentan besucht Adrian die Staatliche Fachoberschule für Wirtschaft und will unbedingt das Abitur machen, um danach Jura zu studieren. Das Lovelace gefällt ihm richtig gut: "Ich finde es unglaublich, dass es Leute gibt, die so etwas spenden", sagt er.

Das finden auch Wazir (18) und Saadi (15). Die Brüder kommen aus dem Irak und sind seit zwei Jahren in Deutschland - ohne ihre Eltern. Immerhin sind sie zusammen. Besonders Wazir, der gerade ein Praktikum in einem Hotel in der Umgebung von München absolviert, um später eine Ausbildung zum Hotelkaufmann zu machen, ist sehr beeindruckt. Ihm gefällt vor allem das ehrwürdige alte Gebäude.

Das Lovelace ist aber nicht nur für die Älteren interessant. Auch Nikki und Jenny, beide elf Jahre alt, wissen das schöne Ambiente zu schätzen. Sie rennen über den Flur und schauen sich das Zimmer der Jungs an - eindeutig größer. Jenny findet es nur etwas schade, "dass es keinen Fernseher im Zimmer gibt, sonst könnten wir heimlich die ganze Nacht durchschauen". Aber hinter den Vorhängen kann man immerhin gut Verstecken spielen.

Nachdem alle ihre Zimmer bezogen und erste Streifzüge durch das Hotel unternommen haben, gibt es Abendessen. Das Hotel bietet ausschließlich vegane Küche an und so hat die Küche für alle vegane Burger gezaubert. Und dazu gibt es Live-Klaviermusik.

Drinks an der „Sonder-Bar"

Den Abend haben die meisten an der eigens für sie eingerichteten "Sonder-Bar" mit ihrem Kellner Paul (der nur alkoholfreie Drinks macht) verbracht. Oder im Fitness-Raum beim Tischtennisspielen oder bei den Playstations. Begeistert waren am Ende jedenfalls alle. Von den Zimmern, dem Essen und vor allem davon, wie nett alle Mitarbeitenden waren.

Der neunjährige Leon schreibt als Dank: "Es war so schön, ich könnte vor Freude platzen!" Und Makenzie aus dem Kongo findet das Hotel so schön, dass sie ihm auf jeden Fall mindestens vier Sterne geben würde.

Doch das geht leider nicht. Da es sich beim Lovelace "nur" um ein zweijähriges Happening handelt, kommt es für solche Sterne nicht in Frage. Aber das stört die Zwölfjährige jetzt erst mal gar nicht.

Pia Jaeger

Kinder der Jugendhilfe Feldkirchen
Im Lovelace sind die Räume so hoch, dass man die Betten auch mal als Trampolin hernehmen kann.
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