Innere Mission München

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„Ich musste mir immer wieder sagen: Ich bin ganz normal“

Petra Haug arbeitet und engagiert sich mit Epilepsie

Angefangen hat alles am Tag vor ihrer Konfirmation: Damals hatte Petra Haug ihren ersten epileptischen Anfall. „Keiner wusste, was das war. Ich dachte, es lag vielleicht daran, dass ich so aufgeregt war“, erzählt die heute 42-Jährige.

 

 

Nach dem Anfall wurde sie von einem Neurologen untersucht und bekam Medikamente. Danach folgte etwa zweimal im Jahr ein Anfall, immer nachts. "Ich habe meine Jugendzeit weitgehend normal gelebt, hatte keine Probleme in der Schule", erzählt Petra Haug auf dem Sofa ihres Musikzimmers.

Die Anfälle kommen wieder

Die Musik hat es ihr schon immer angetan: Als Kind lernte sie Blockflöte, später Querflöte, auch Cello und Klavier. Sie begann, in einer Lateinformation zu tanzen. Gegen Ende der Schulzeit hatte sie zwei Jahre lang gar keine Anfälle mehr. Petra Haug überlegte, Musik zu studieren. "Doch dann sind die Anfälle wiedergekommen, auch tagsüber. Es gab größere, bei denen ich umgefallen bin, und kleinere, die nur kurze Aussetzer waren."

Ihr Traum von einem Musikstudium zerschlug sich. "Man hat mir gesagt, dass mich kein Orchester nehmen wird mit meiner Epilepsie." So begann sie eine Ausbildung zur Augenoptikerin. Doch ihre Chefs wollten nicht, dass sie Kundenkontakt hat. "Ich habe mich da sehr eingesperrt gefühlt", sagt sie.
Ihre epileptischen Anfälle wurden immer mehr, kamen tags und nachts. Auch psychisch ging es ihr schlechter, sie nahm stark ab. Sie konnte nicht mehr tanzen, weil sie bei den Choreographien nicht mitkam. "Die Medikamente haben mein Gehirn langsamer gemacht", erinnert sie sich. Sie zog schließlich in eine Wohngemeinschaft der Inneren Mission für Menschen mit Epilepsie. "Es war ein Glück, dass ich dort untergekommen bin."

"Wie eine Wiedergeburt"

Trotzdem verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. Irgendwann bekam sie einen Platz in einer Spezialklinik: dem Epilepsie-Zentrum Bethel in Bielefeld.

"Das war wie eine Wiedergeburt für mich", erzählt sie. Die Ärzte stellten fest, dass sie jahrelang ein unpassendes Medikament bekommen hatte. Außerdem fanden sie heraus, dass zwei Drittel ihrer Anfälle psychosomatische Ursachen hatten. Petra Haug begann dort, die Probleme aus ihrer Vergangenheit, etwa die Scheidung ihrer Eltern, aufzuarbeiten. Sie fing wieder an zu musizieren.

Zurück in München wurde sie Mitglied in einem integrativen Musiktheaterverein und spielte dort Querflöte. Und sie suchte sich eine christliche Gemeinde. "Ich bin wieder rausgegangen und habe Halt und neue Freunde gefunden. Ich hatte endlich das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein."

Vermittlerfunktion der Epilepsie-Beratung

Mittlerweile waren ihre Medikamente so eingestellt, dass sie kaum noch Anfälle hatte und sie einen Job in einem Fahrradladen bekam. Mit Hilfe einer Betreuerin der Epilepsie- Beratung fand sie einen Platz für eine Umschulung zur Zweiradmechanikerin. Ein Berater kam in die Werkstatt, um ihren Chef aufzuklären, was es bedeutet, eine Mitarbeiterin mit Epilepsie zu haben.

"Unsere Vermittlerfunktion zwischen Betrieb und Erkranktem ist ganz wichtig", erklärt Martina Überreiter von der Epilepsie-Beratung. "Wir können Unsicherheiten durch Schulung, Aufklärung und Information abbauen und ganz konkret am jeweiligen Arbeitsplatz schauen, welche Risiken es gibt und wie sie reduziert oder abgebaut werden können."

Eine Flex oder Standbohrmaschine darf Petra Haug beispielsweise nicht benutzen, ansonsten hat die Krankheit keine Auswirkung auf ihre Arbeitsfähigkeit. "Ich habe mich richtig reingehängt in die Ausbildung", erzählt sie. Der Einstieg war schwer. "Ich habe mich lange wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt mit der Epilepsie. Ich musste mir immer wieder sagen: Ich bin ganz normal."

Job in einem Sanitätshaus

Die Arbeit macht ihr viel Spaß. Nach der Ausbildung suchte sie sich einen Job in einem Sanitätshaus, das auf Rollstühle spezialisiert ist. Weil sie es wichtig findet, dass Menschen mit Einschränkungen ausreichend Unterstützung finden – so wie sie auch.

Heute arbeitet Petra Haug nach wie vor gerne in ihrem Job. Sie ist mittlerweile auch noch Mitglied in einer Rollstuhltanzgruppe und in einem serbischen Kulturverein, wo sie Flöte spielt. "Je mehr man irgendwo mitmacht, desto besser geht es einem", ist ihre Devise.

Imke Plesch

Petra Haug spielt Querflöte
Petra Haug spielt Querflöte in einem Musiktheater. Foto: Florian Peljak
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