Innere Mission München

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"Ich wollte ja nicht lange bleiben"

Dragica Brasulj hat ihre Berufung in der Jugendhilfe gefunden

Sie hatte nur einen Koffer bei sich, als sie in Osijek in den Bus stieg, der sie in Sicherheit bringen sollte. Dragica Brasulj war gerade 18 Jahre alt, als sie Ende 1991 alleine ihre Heimat Kroatien verließ. "Ich bin ein Kriegsflüchtling und das wird immer ein Teil von mir bleiben", erzählt die heute 47-Jährige in ihrem Büro bei der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen. "Aber ich möchte Jugendlichen in ähnlichen Situationen zeigen, dass man so eine Flucht auch als Chance begreifen und aus Schicksalsschlägen auch Stärke entwickeln kann."

Als Dragica Brasulj nach München kommt, spricht sie nur ein paar Worte Deutsch. Ihre Eltern, ihre Schwester und ihr Bruder bleiben vorerst noch im Kriegsgebiet. Aber sie hat eine Tante in Geretsried, die sie aufnimmt. "Ich wollte ja nicht lange bleiben. Wir haben alle gedacht, dass der Krieg schnell wieder vorbei ist."

Im Gespräch mit alten Menschen lernt sie ihre ersten deutschen Sätze

Sie beginnt bei der Tante in einem Altenheim zu arbeiten. Im Gespräch mit den alten Menschen beim Essenverteilen lernt sie ihre ersten Sätze. 1992 beginnt sie eine Ausbildung in der Systemgastronomie bei McDonalds und wird bald Leiterin einer Münchner Filiale. Sie stellt viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien ein, hilft ihnen bei der Wohnungssuche, macht ihnen Mut. "Ich halte mich für freigeistig und bin dennoch sehr gläubig", erzählt die Kroatin – eine Prägung, die sie vor allem von ihrer Mutter bekommen hat.

Dragica Brasulj lebt sich immer mehr ein und möchte bald etwas von der Hilfe zurückgeben, die sie selbst bekommen hat. 1998 beginnt sie ein Studium der Pädagogik, Psychologie und Politik an der Ludwig-Maximilians- Universität (LMU). Ein Anwalt hilft ihr in dieser Zeit, in München bleiben zu können, da sie eigentlich nur eine Duldung hat und damit permanent von der Abschiebung bedroht ist. Er nimmt nicht mal ein Honorar dafür. "Er hat gesagt, es ist doch Weihnachten", erzählt Dragica Brasulj und es ist nicht der einzige Moment während des Gesprächs über ihr Leben, in dem der lebenslustigen Frau Tränen in die Augen steigen.

Wechsel aus der freien Wirtschaft

Nach dem Studium beginnt sie bei einem Großcaterer in der Personalabteilung zu arbeiten. Sie gründet eine Familie, wird selbst Mutter. Und merkt irgendwann, dass ihr die Arbeit in der freien Wirtschaft nicht mehr gefällt. In direkter Nachbarschaft ihres Hauses liegt die Jugendhilfe Feldkirchen. Sie erfährt, dass dort händeringend Pädagogen gesucht werden. Im November 2014 beginnt sie dort zu arbeiten, zunächst in einer Einrichtung für geflüchtete Jugendliche in Riemerling.

"Ich konnte sehr gut verstehen – sie konnten die deutsche Sprache nicht, das Essen war ihnen fremd, sie wussten nicht, ob ihre Eltern noch leben. All das habe ich auch selbst erlebt." Dragica Brasulj hat eine Arbeit gefunden, wo sie das Gefühl hat, jeden Tag etwas Gutes zu tun. "Ich arbeite von Herzen gern", erzählt sie. "Ich habe an das Gute geglaubt, habe Gutes erfahren und möchte das nun weitergeben."

Zusatzausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin

2016 wechselt sie als Teamleiterin des Bereichs Betreutes Wohnen ins Stammhaus nach Feldkirchen. Heute betreut sie dort vor allem deutsche Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren. Viele von ihnen haben seelische Belastungen. Um sie besser zu verstehen, hat sie noch eine Zusatzausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin an der LMU begonnen. "Ich möchte auch in Zukunft benachteiligten jungen Menschen helfen", sagt die Pädagogin. "Ich möchte ihnen zeigen, dass man trotzdem etwas Tolles erreichen kann. Diese Arbeit ist meine Berufung."

Imke Plesch

Dragica Brasulj steht vor einer Weltkarte
Dragica Brasulj kam als Kriegsfrüchtling nach München. Foto: Oliver Bodmer
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