Innere Mission München

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Im Stall mit Schnoc und Liesl

Zwei Esel helfen der Sozialarbeiterin Verena Babinger zu entspannen

Schon allein der Anblick beruhigt: Da steht eine junge Frau im strahlenden Sonnenschein vor einem Stall und krault mit jeder Hand einen Esel. "Die Esel geben mir sehr viel Energie", sagt Verena Babinger, und das nimmt man der fröhlichen jungen Frau sofort ab.

Sieben Esel leben hier am Rand der Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn; zwei davon gehören Verena Babinger. "Meine Arbeit in der Wohnungslosenhilfe kostet mich, trotz viel Freude, auch manchmal Energie. Nach Feierabend kann ich hier wieder aufladen", sagt sie.

Arbeit in der Teestube "komm"

Die 30-Jährige ist Sozialarbeiterin bei der Teestube "komm": In der Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks arbeitet sie mit Männern und Frauen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind und soziale Schwierigkeiten mitbringen. Dabei ist sie vor allem für Menschen zuständig, die den Tag in Gruppen draußen verbringen und eventuell Probleme mit Anwohnern oder Geschäftsleuten vor Ort bekommen. "Wir wollen für ein gutes Miteinander sorgen", erklärt sie. Außerdem kümmert sie sich mit ihren Klienten um deren Post oder Behördengänge und hilft ihnen bei Problemen, damit sie ihre Wohnung nicht verlieren.

Ihren ersten Kontakt zu Eseln hatte Verena Babinger vor etwa acht Jahren: Damals wollte sie den Jakobsweg mit einem Esel laufen. Sie kaufte sich ein Tier, trainierte mit ihm. Doch kaum war sie losmarschiert, musste sie schon wieder aufgeben: "Der Esel hatte Angst, mit mir alleine draußen zu übernachten. Er war die ganze Nacht unruhig und hat nicht geschlafen. Das konnte ich ihm nicht antun", sagt sie.

Esel sind sensibel

Doch die Faszination für die Tiere bleibt. Nach dem Tod ihres ers ten Esels schaffte sich die Sozialarbeiterin 2015 ein neues Langohr an: Schnoc – einen 400 Kilo schweren französischen Poitou-Esel mit einer Schulterhöhe von 1,45 Metern. 2019 folgt die kleinere Esel-Dame Liesl Karlstadt. Verena Babinger fährt jeden Tag zu den beiden in den Stall. "Wenn ich nach einem Arbeitstag in den Stall komme, spürt Schnoc sofort, wie es mir geht. Da hält er auch manchmal erst ein bisschen Abstand oder führt mir ein paar Tricks vor, die ich ihm beigebracht habe. Esel sind sehr sensibel und Schnoc reagiert auf meine Stimmung", berichtet sie.

Babinger macht eine Ausbildung für tiergestützte Pädagogik

Die junge Frau hat mittlerweile gelernt, sich in die Tiere hineinzuversetzen, ihre Reaktionen zu deuten und zu spüren, wann sie mit Spaß dabei sind oder es ihnen zu viel wird. Und sie steht kurz vor dem Abschluss einer Ausbildung zur zertifizierten Fachkraft für professionelle tiergestützte Pädagogik. In Zukunft möchte sie gerne einige ihrer Münchner Klienten zu den Eseln mitnehmen, wenn sie das Gefühl hat, dass sie davon profitieren könnten. Damit der Mensch einen anderen Zugang zu sich selbst findet, Ressourcen entdeckt und dadurch unterstützt werden kann. Im Rahmen der Ausbildung war bereits ein alkoholkranker Mann mehrmals zu Besuch im Stall. "Es hat ihm sehr gut gefallen", erinnert sich Babinger. "Es war gut, ihn mal außerhalb des klassischen Beratungskontextes zu treffen." Im Stall bei den Eseln stehen die Probleme des Klienten dann nicht so im Vordergrund. "Er hat mir gesagt, dass sich alles nicht so ernst anfühlt."

Das Tier tritt den Menschen wertfrei gegenüber

Der Mann hat ihren Poitou-Esel zunächst nur beobachtet, dann auch gestreichelt und geputzt. "So ein Tier kann einem Menschen viel Wärme und Nähe geben. Und es tritt einem komplett wertfrei gegenüber", bemerkt die Sozialpädagogin. Trotzdem geben die Tiere natürlich auch Rückmeldungen, ob ihnen etwas gefällt oder nicht. Aber das ist oft leichter anzunehmen als Rückmeldungen von Menschen. Später ist der Mann sogar einen Parcours mit dem Esel gegangen. "Es hat ihn wahnsinnig begeistert, dass er – als eher kleiner Mann – den 400-Kilo-Esel bewegen konnte. In seinem Alltag hat er das Gefühl, dass er an seiner Alkoholsucht nichts ändern kann. Aber hier hat er gemerkt, dass er doch selbst etwas schaffen kann."

Imke Plesch




Verena Babinger Esel trainiert zwei Esel
"So ein Tier kann einem Menschen viel Wärme geben": Verena Babinger mit ihren Eseln Schnoc und Liesl Karlstadt. Foto: Erol Gurian
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