Innere Mission München

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"In kleinen Schritten gelingt Unverhofftes"

Der Theologe Daniel Kuß baut im Refugee Stairway Center Brücken zwischen alter und neuer Heimat

Das eigene Zuhause und meist schreckliche Zustände hinter sich lassen, eine gefährliche Flucht bewältigen – und dann in einer neuen Kultur Fuß fassen: Was mit der Forderung nach Integration verlangt wird, ist eine gigantische Aufgabe.

Eine, bei der geflüchtete Menschen aufgrund psychischer Erkrankungen oft eine intensivere Unterstützung brauchen, als es der übliche Personalschlüssel von 1:100 in Gemeinschaftsunterkünften ermöglicht. Seit rund zwei Jahren gibt es dieses Mehr an Hilfe im "Refugee Stairway Center" (RSC) der Inneren Mission.

Sozialpädagogin, Psychologin und Theologe arbeiten Hand in Hand

Das multiprofessionelle Team arbeitet Hand in Hand: Sozialpädagogin Annika Kunze startet mit einer lebensweltorientierten Analyse und entwickelt daraufhin individuelle Lösungsstrategien. Psychologin Elena Taurini ist für alle psychologischen und gesundheitlichen Belange zuständig. Und der evangelische Theologe Daniel Kuß kümmert sich vor allem um seelsorgerische Aspekte.

Der 29-Jährige ist von Anfang an Teil des RSC. Ganz bewusst hat die Innere Mission ihn eingestellt, wie Projektleiter Hagen Westphal betont. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) finanziert einen großen Teil des Projekts, so auch die Personalkosten von Daniel Kuß. "Wir sind für dieses Engagement der ELKB sehr dankbar", sagt Andrea Betz, Leiterin der Abteilung Hilfen für Flüchtlinge, Migration und Integration bei der Inneren Mission.

Glaube gibt Halt und Heimat

Ein Theologe als Berater für Geflüchtete – ist das nicht eine ungewöhnliche Berufswahl? Kuß wiegt den Kopf und überlegt. Für ihn jedenfalls war es eine folgerichtige: Das Thema Religion sei wichtig, meint Kuß, und werde bei anderen Angeboten bisweilen übersehen. "Glaube kann Brücken bauen und manchmal auch der Schlüssel zu Lösungen sein", ist der Theologe überzeugt. "Er gibt einzelnen Menschen viel Halt, Strukturierendes, Heimat." Dabei spiele erst mal keine Rolle, zu welchem Gott man betet, sagt er; der eigene Glaube solle bleiben, wie er ist. "Es geht um das gemeinsame Wissen, dass Glaube und Rituale Kraft geben können."

"Das Sprechen über Rituale, Feiertage und Sitten zeigt Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen auf und fördert Nähe und Vertrautheit", sagt auch Hagen Westphal.

Gesprächsräume schaffen

Das erhöhe oft die Motivation, an der Integration mitzuarbeiten. Daniel Kuß selbst versteht sich als Vermittler, als jemand, der zuhört, nachfragt und sich herausfordern lässt. In seiner Arbeit baut er täglich Brücken zwischen alter und neuer Heimat. Wenn der Glaube für die Geflüchteten eine wichtige Rolle spielt, dann unterstützt der Theologe sie zum Beispiel beim Finden einer passenden Gemeinde – ganz unabhängig von der Glaubensrichtung. Für Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Ankommen haben und mit psychischen Erkrankungen leben müssen, sei es besonders wichtig, "Gesprächsräume zu schaffen, in denen sie willkommen und akzeptiert sind", meint Kuß. Dann sei vieles möglich: "Durch dieses Angenommensein werden Ressourcen frei und in kleinen Schritten gelingt Unverhofftes."

Florian Naumann

Daniel Kuß vor einem Fenster des RSC
Theologe Daniel Kuß ist überzeugt: Glaube und Rituale können Kraft geben. Foto: Erol Gurian
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