Innere Mission München

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Individuelle Hilfe statt Einheitsbrei

Die Hilfe im Alter wird zehn Jahre alt - oder eigentlich dreizehn

Wenn die Hilfe im Alter (HiA) heuer ihr zehnjähriges Bestehen feiert, dann würde eine genaue Altersfeststellung – wie sie etwa bei jungen Flüchtlingen gemacht wird – ergeben, dass die Tochtergesellschaft der Inneren Mission eigentlich schon ein paar Jahre älter ist: Gegründet wurde die gemeinnützige Gesellschaft nämlich schon Anfang 2005.

Die erste Einrichtung, die die HiA in Eigenregie betrieb, war dann im August 2005 das neuerrichtete Ebersberger Pflegeheim im „Reischlhof“. Im März 2006 kam dann mit Eichenau ein weiteres Pflegezentrum dazu; zum 1. Januar 2008 ging dann die bisherige Abteilung Altenhilfe mit allen ihren stationären und ambulanten Angeboten komplett in die Tochtergesellschaft über.

Günther Bauer, Vorstand Innere Mission und zugleich einer der beiden Geschäftsführer der Hilfe im Alter, ist stolz auf die Entwicklung der „Tochter“: „Es ist genau das geschehen, was die ursprüngliche Absicht war: Die Komplexität bei der Mutter wurde reduziert, die Spezialisierung der Tochter hat wunderschöne Früchte getragen.“ Das Ziel, durch die Trennung von operativen Aufgaben flexibler agieren zu können, sei vollumfänglich erfüllt. Bauer: „Wir hatten uns vorgenommen, angesichts zunehmend schwieriger werdender Rahmenbedingungen eine sinnvolle und nachhaltige Umstrukturierung vorzunehmen, dennoch bleibt in der Altenhilfe viel zu tun, weil die Politik ihre Hausaufgaben nicht macht.“

Aus der kleinen Tochter mit anfangs rund 210 Mitarbeitenden in Ebersberg und Eichenau ist mittlerweile eine stattliche Frau geworden: Aktuell beschäftigt die HiA fast 1.000 Mitarbeitende in zehn stationären Pflegeeinrichtungen. Und Aus den ursprünglich 50 Heimplätzen in Ebersberg sind heute ziemlich genau 1.400 Plätze geworden. Das Geschäftsvolumen aus dem Jahr 2008 mit 31 Millionen Euro hat sich zwischenzeitlich verdoppelt. Wohin man auch blickt: „Die Hilfe im Alter wächst und wächst und wächst – und es ist ein gutes, ein organisches Wachstum“, sagt Geschäftsführer Gerhard Prölß.

Man kann das auch festmachen etwa an der Entwicklung der Evangelischen PflegeAkademie: Jedes Jahr besuchen etwa 200 Schüler die acht Klassen, die Zahl der Anfragen ist aber kontinuierlich gestiegen. Und das im Jahr 2007 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Pflegezentrum neu bezogene Gebäude in Sendling wurde schnell wieder zu klein; der Aus- und Fortbildungsbereich musste notgedrungen schon nach wenigen Jahren ausgelagert werden. Andere Ausbildungsstätten kämpfen mehr oder weniger ums Überleben; die PflegeAkademie boomt (siehe auch Seite ??). Gerhard Prölß sieht als Geheimnis für diesen Erfolg vor allem die guten und motivierten Mitarbeitenden: „Wenn denen ihr Job Freude macht, dann springt der Funke auch über auf die Schüler; und genau das wollen wir ja, dass die brennen für ihren künftigen Beruf.“

Auch in anderen Bereichen ist die Hilfe im Alter vorne dran. So war der Ethikbeirat, der 2009 einberufen worden war, bayernweit die erste Institution dieser Art, die sich ausschließlich mit ethischen, moralischen und theologischen Problemen von Menschen am Ende ihres Lebens befasste. Ein Angebot, dass übrigens die Pflegekassen oder sonstige Kostenträger nicht mitfinanzieren. Mittlerweile sind andere Träger nachgezogen; bei der Hilfe im Alter ist der Ethikbeirat mittlerweile in der Fachstelle „Spiritualität – Palliative Care – Ethik – Seelsorge" angesiedelt, die Pfarrerin Dorothea Bergmann leitet (siehe auch Seite ??). Jüngst wurde sie aufgrund ihrer umfassenden Kenntnis in diesem Bereich zur Vorsitzenden des neuen diakonischen Fachverbandes für Hospizarbeit und Palliativversorgung „End-of-Life-Care“ gewählt.

Doch so gut wie sich die Hilfe im Alter seit zehn – oder eben 13 – Jahren entwickelt hat, so wenig haben sich die politischen Rahmenbedingungen verändert, wie Gerhard Prölß enttäuscht feststellt. „Ich sage seit 25 Jahren, dass die Pflege bei weitem nicht die gesellschaftliche Aufmerksamkeit hat, die ihr eigentlich zukommen müsste; ich bin es eigentlich fast schon leid, immer wieder darauf hinweisen zu müssen.“

Die Einführung der Pflegeversicherung 1995 sei zwar ein Meilenstein gewesen, der aber zugleich auch einen „Geburtsfehler“ hatte: „Die Leistungen der Pflegeversicherung werden der allgemeinen Preissteigerung leider nicht angepasst werden; die 100 Prozent von einst sind aufgrund der fehlenden Dynamisierung aktuell nur noch 70 Prozent wert.“ Und alle Versprechen der Politiker, das zu ändern, seien bisher „nichts als Kosmetik“ gewesen, so Prölß.

Generell „eiere die Politik bei der Pflege nur rum“; so seien einerseits die neuen Pflegegrade und der endlich eingeführte Pflegebedürftigkeitsbegriff positiv zu sehen – „aber ohne zusätzliche Personalbemessung geht der Schuss eben wieder nach hinten los.“ Auch den Ankündigungen des neuen Gesundheitsministers, mehr Personal in die Pflege zu schicken, gibt er wenig Chancen. „Gut ist nur, dass jetzt wenigstens mal intensiver über das Thema geredet wird.“

Was es aber viel dringender bräuchte, wäre die Bereitschaft der Krankenkassen, in den Heimen auch die Kosten für die Behandlungspflege zu übernehmen. „Das ist eine totale Schieflage, da die Kassen diese Leistungen bei den zuhause ambulant versorgten Menschen selbstverständlich bezahlt.“ Das Vorhaben der Großen Koalition, 8.000 zusätzliche Pflegekräfte einzustellen, bringe bei bundesweit 13.000 Heimen gerade einmal zwei Minuten mehr pro Bewohner und Tag. Prölß: „Laut unserer Pflegedokumentation brauchen wir aber im Schnitt mindestens acht bis zehn Minuten dafür.“ Ergo: Es bräuchte 30.000 Fachkräfte mehr. „Aber die gibt es derzeit ja gar nicht, der Markt für gutes Personal ist leergefegt.“

Auch wenn die Hilfe im Alter sich in den zurückliegenden Jahren wirtschaftlich und organisatorisch gut entwickelt hat, ist das Geschäft für Prölß jedoch „jeden Tag ein Ritt auf der Rasierklinge“. Mit dem Ziel, eine Pflege in hoher Qualität anzubieten, habe man seit vielen Jahren schon ein ausgeklügeltes Qualitätsmanagement implementiert. Dies bedeutet jedoch auch, dass man an die Fachlichkeit der Mitarbeitenden hohe Anforderungen stellen muss. „Und solche Mitarbeitende zu finden, wird immer schwieriger.“ Nicht zuletzt deshalb investiere die Hilfe im Alter auch stark in die Ausbildung neuer Fachkräfte; derzeit sind in den Häusern 75 Personen in Ausbildend.

Wichtigster Aspekt für den Erfolg der vergangenen Jahre ist jedoch, dass die Hilfe im Alter nicht bloß Pflegeplätze anbietet, sondern ein umfassendes Rundum-Programm: von der Beratung über niederschwellige Angebote bis zur ambulanten und stationären Pflege – und das „alles aus einer Hand“. Prölß: „Die Hilfe im Alter läuft deshalb so gut, weil wir gut vernetzt sind und alle Bereiche permanent von allen anderen lernen.“

Das Credo, das Prölß und seine Mitarbeitenden leitet, leitet sich aus dieser täglich gelebten Vernetzung aller Angebote – von der Offenen Altenarbeit über ambulante Dienste bis zur stationären Pflege – ab. Und bewusst anders als von der Politik gefordert, gibt es bei der Hilfe im Alter eben nicht die Priorisierung „ambulant vor stationär“, sondern den Gleichklang „ambulant und stationär“. Jeder Mensch soll genau das passende Angebot bekommen, das er braucht: „Keinen Einheitsbrei, sondern individuelle Betreuung bis zuletzt.“

Klaus Honigschnabel

Die Hilfe im Alter kämpft nicht mit harten Bandagen, sondern punktet von Anfang an vor allem mit Qualität in der Pflege. Foto: Michaela Handrek-Rehle
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