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"Meine Mutter hat kaum mitbekommen, dass ich da war"

Angehöriger über Corona-Auflagen im Pflegeheim

Anton Limmer ist 68 Jahre alt und beruflich immer noch aktiv. Der alteingesessene Dachauer ist Inhaber einer Firma für Werbetechnik. Trotzdem nimmt er sich jeden Tag die Zeit, seine 99-jährige Mutter im Friedrich-Meinzolt-Haus zu besuchen: "Ich bin täglich gekommen und habe zwei bis drei Runden mit ihr im Garten gedreht", erzählt er.

Mitte März war wegen der Corona- Pandemie damit Schluss. "Zuerst gab es Einschränkungen, dann ein völliges Besuchsverbot, das war sehr schlimm", erinnert sich der Sohn. Er konnte lediglich anrufen und die Pflegekräfte fragen, wie es seiner Mutter geht.

Vom Muttertag an, das war der 10. Mai – also nach zwei Monaten – gab es die ersten Lockerungen: strenge Besuchsregeln mit Terminvergabe. "Ich habe angerufen, wollte kommen, es war aber kein Termin mehr frei, erst in der nächsten Woche. Was ich dabei empfunden habe, ist nicht druckreif", schildert Anton Limmer seine Gefühle von damals.

Die Besucher durften zunächst noch nicht ins Haus. Der Sohn konnte seine Mutter lediglich am Gartenzaun treffen: Er auf dem Gehsteig draußen, die Mutter auf der anderen Seite des Zauns im Garten – natürlich mit dem vorgeschriebenen Abstand. "Eine völlig unwürdige Situation", sagt Anton Limmer. Da es noch kalt war, wurde schließlich für die Begegnungen im Garten ein Zelt aufgebaut.

Dann folgten weitere Öffnungen: Anton Limmer durfte wieder ins Haus und seine Mutter in einem improvisierten Besucherzimmer sehen. "Es war wie im Gefängnis", meint er heute dazu. "Meine Mutter saß auf der einen Seite eines großen Tisches und ich auf der anderen. Zwischen uns war eine dicke Plexiglasscheibe." Anton Limmers 99-jährige Mutter ist sehbehindert und hört auch schlecht. "Sie hat kaum mitbekommen, dass ich da war", beschreibt der Sohn die damaligen Besuche.

Es gab im Friedrich-Meinzolt- Haus zwei Corona-Fälle, die glücklicherweise beide glimpflich verlaufen sind. "Wir hatten eine Mitarbeiterin, die positiv getestet wurde. Sie ist dann in Quarantäne gegangen", berichtet Einrichtungsleiterin Silvia Große. "Und wir hatten auch einen corona-positiven Bewohner, der mit seiner Frau hier lebt. Beide blieben in ihrem Zimmer und wurden von den übrigen Bewohnern isoliert. Alles ist gut gegangen."

Obwohl sich die Geschäftsführung der Hilfe im Alter eindeutig für eine längst überfällige Öffnung der Pflegeheime einsetzte und auch die Einrichtungsleitenden ermutigte, in dieser Frage Flagge zu zeigen, dauerte es noch bis Anfang Juni, bis Konzepte erstellt waren und Einrichtungen wieder öffneten. Auch der Ethikbeirat der Hilfe im Alter äußerte sich in einer Stellungnahme sehr eindeutig zu der Notwendigkeit der Öffnung.

"Wir teilen jetzt die Verantwortung mit den Angehörigen", erläutert Große das Konzept. "Sie müssen sich auf mögliche Symptome wie Fieber, Husten oder Schnupfen überprüfen und selbst entscheiden, ob sie kommen. Besuche sind jetzt wieder ohne Anmeldung möglich, die Angehörigen müssen sich aber am Eingang registrieren."

Inzwischen trifft Anton Limmer seine Mutter wieder wie früher – fast jeden Tag. Und er blickt optimistisch in die Zukunft: "Ich denke jetzt schon manchmal daran, ihren 100. Geburtstag im nächsten Jahr zu planen", sagt er lächelnd.

Rainer Ulbrich

Anton Limmer und seine Mutter im Garten des Friedrich-Meinzolt-Hauses
Anton Limmer plant inzwischen den 100. Geburtstag seiner Mutter. Foto: Nils Joergensen
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