Innere Mission München

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Mit dem Aufzug in ein neues Leben

Das Evangelische Hilfswerk betreut ein neues Wohnprojekt: Das Sozial Betreute Wohnhaus in Pasing

Im Haus riecht es noch nach Farbe. Pappkartons decken die Innenwände im Aufzug ab, damit sie beim Möbeltransport nicht verkratzt werden. Eigentümer des fünfstöckigen Neubaus unmittelbar neben dem Einkaufszentrum „Pasinger Arkaden“ ist die städtische Münchner Wohnungsgesellschaft GWG.

Anfang September sind die ersten Bewohner hier eingezogen. Es handelt sich um Mieter mit einer speziellen Vorgeschichte: Die meisten von ihnen haben seit vielen Jahren keine eigene Bleibe mehr gehabt. Ihre letzten Adressen waren Notunterkünfte, Pensionen und Beherbergungsbetriebe.

Die Mehrzahl der neuen Bewohner ist schon um die 60 Jahre alt oder noch älter. Viele von ihnen sind körperlich und psychisch stark belastet und benötigen eine soziale Betreuung. Das Evangelische Hilfswerk – eine Tochtergesellschaft der Inneren Mission – hat im Auftrag der Stadt München diese Aufgabe übernommen: „Wir haben hier im Haus ein Büro und von Montag bis Donnerstag vormittags feste Sprechzeiten. Außerdem machen wir zusätzlich noch Wohnungsbesuche“, erläutert Katja Werner. Die 35jährige Sozialpädagogin betreut zusammen mit ihrer Kollegin Monika Fürmetz die 42 Mieter im Haus.

Die Wohnanlage ist ein Kooperations-Projekt der Stadt München, der GWG und des Evangelischen Hilfswerks. Eine gemeinschaftliche Kommission hat die Bewohner ausgewählt. Ein paar Personen haben die beiden Sozialpädagoginnen dabei selbst vorgeschlagen: Vorwiegend Leute, die sie aus den Notquartieren kannten; ausschlaggebend war ihr Betreuungsbedarf. „Zielgruppe des Projekts sind Menschen über 50“, sagt Monika Fürmetz. „Die meisten Mieter sind Rentner. Ihre Rente reicht aber in der Regel nicht aus und sie müssen sie durch Grundsicherung aufstocken.“

Viele Menschen, die aus der Wohnungslosen-Szene kommen, sind keinen geregelten Tagesablauf gewöhnt. „Wir unterstützen sie dabei, wieder eine Struktur in ihren Tag zu bekommen“, erklärt Monika Fürmetz. So begleiten sie die Mieter bei Bedarf etwa zum Arzt oder helfen bei Behördengängen und Anträgen. „Außerdem vermitteln wir Kontakte zum Umfeld im Stadtviertel: zur Nachbarschaftshilfe, zum Alten- und Servicezentrum und zum Sozialbürgerhaus.“

Viele Bewohner müssten lernen, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. „Wir machen Angebote, die wenig kosten“, sagt Katja Werner. Es gibt offene Treffen bei Kaffee und Kuchen. „Und wir fragen die Menschen, was sie interessiert und organisieren schon auch mal einen Besuch im Theater.“

Die Sozialpädagoginnen kennen einige der Mieter schon lange: „In der Notunterkunft hatten viele bereits resigniert. Seit sie hier sind, haben sie sich stark verändert: Sie sind plötzlich ausgeglichen und fröhlich.“

Die 56jährige Laila ist so ein Beispiel. Sie hatte sieben Jahre mit einem Mann zusammengelebt. Dann traf ihr Partner seine Ex-Frau wieder und warf Laila aus der Wohnung. Sie landete zunächst im Frauenhaus und später in der Obdachlosen-Szene. Bevor sie nach Pasing kam, war sie in einem Notquartier untergebracht.

„Hier, in meiner eigenen Wohnung, bin ich jetzt ein freier Mensch. Ich kann duschen, wann ich will. Ich kann aufstehen, wann ich will. Und ich muss es nicht melden, wenn ich das Haus verlasse, damit ich meinen Bettplatz nicht verliere.“

Laila durfte nie eine Schule besuchen. Sie kann daher weder lesen noch schreiben. „Wenn etwas zu erledigen ist, kann ich beim Sozialdienst anrufen oder vorbeischauen. Sie sind immer für mich da“, erzählt sie. Ihre Ein-Zimmer-Wohnung hat sie selbst eingerichtet – mit einem Zuschuss vom Jobcenter. 500 Euro hat sie für ein neues Bett ausgegeben: „Ich wollte keine gebrauchten Sachen“, meint sie. „Ich bin stolz auf meine Einrichtung. Das ist mein Eigentum, und alles bei mir ist ganz sauber.“

Im ersten Stock – gleich neben dem Büro der Sozialpädagoginnen – gibt es einen großen Raum für Veranstaltungen. „Ich werde kochen“, erklärt Laila. „Ich mache das gerne. Ich habe immer für andere gekocht. 'Mama Laila' haben sie mich genannt“.

Zwei Etagen darüber hat Herbert Maier sein Appartement. Er hat es komplett mit Möbeln aus dem diakonia-Gebrauchtwarenkaufhaus eingerichtet. Der 63-Jährige war früher in der Versandbranche beschäftigt. Jetzt sitzt er im Rollstuhl. Nach einem Schlaganfall musste sein rechtes Bein amputiert werden. Herbert Maier hatte eine Wohnung, „bis mir der Vermieter wegen Eigenbedarfs kündigte“. Bevor er hierher kam, hat er ein gutes Jahr in einer Notunterkunft gelebt, in einer ehemaligen Kaserne: „Dort war nichts behindertengerecht; ich hatte 300 Meter bis zur Toilette und zur Dusche. Mein Zimmer lag im ersten Stock – ohne Lift.“

Hier bewohnt er ein schönes, helles Ein-Zimmer-Appartement. „Es hat 48 Quadratmeter und kostet warm 480 Euro im Monat. Da kommen dann noch 40 Euro Strom dazu“, erzählt er. Er bezieht Arbeitslosengeld II – 416 Euro im Monat. Die Miete wird vom Jobcenter bezahlt. Und einen Aufzug gibt es hier natürlich auch.

Die Unterstützung der beiden Sozialpädagoginnen im Haus hat er schon mehrfach in Anspruch genommen: „Sie haben mir beim Ummelden meines Wohnsitzes geholfen. Und sie kommen zweimal in der Woche vorbei und schauen, ob es mir gut geht.“

Rainer Ulbrich

Sozialpädagogin Katja Werner beim Beratungsgespräch in Pasing.
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