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Mit Herzblut und Überzeugung

Von einem Tag auf den anderen verändert sich die Arbeit des Schiller-25-Teams

Anfang März eröffnete das Team des "Schiller 25 – Migrationsberatung Wohnungsloser" zusätzliche Beratungsräume in der Schwabinger Destouchesstraße. Hell und licht ist es hier. Das mehrsprachige Team freute sich über den Platz, um wohnungslose Menschen umfassend und vertraulich beraten zu können. Die Räume in der Schiller-straße 25 waren hierfür zu eng. Dann kam Corona und von einem Tag auf den anderen änderte sich die Arbeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter von Grund auf.

"Wir haben 2013 als kleines Projekt angefangen", erklärt Einrichtungsleiterin Andreea Garlonta. "Damals ging es nur um den Kälteschutz, der Hilfesuchenden von November bis Mai zur Verfügungstand. Also um ein Angebot für Menschen, die auch im Winterdraußen schlafen, um Schutz in der Nacht. Nichts weiter."

24 Stunden: Übernachtungsschutz ausgeweitet

Vieles hat sich seitdem getan: Das Schiller 25 wuchs stetig und mit ihm sein Angebot. Aus anfangs vierwurden 23 hauptamtliche Mitarbeitende, aus 20 Ehrenamtlichen etwa 60. Vor zwei Jahren weitete der Stadtrat den Kälte- auf einen Übernachtungsschutz aus. Seitdem können Hilfesuchende auch im Sommer in der Bayernkaserne übernachten. Im vergangenen Winter startete zudem der "Wärmebus": Streetworker*innen suchen abends obdachlose Menschen auf, und fahren sie, wenn sie möchten, in die Bayernkaserne. Nur wenige Monate nach Beginn des Projekts erreichte die Covid-19-Pandemie München und der Stadtrat beschloss, den Übernachtungsschutz auszuweiten. Nun konnten sich obdachlose Menschen 24 Stunden in den Räumen der Bayernkaserne aufhalten.

"Unser Projekt ist eigentlich nicht auf eine 24-Stunden-Unterbringung ausgelegt", betont Andreea Garlonta. Die Schicksale der Menschen, die hier Hilfe finden, seien extrem vielschichtig, ergänzt Garlontas Leitungskollegin Milka Musovic. Viele der wohnungslosen Menschen haben einen regulären Job im Niedriglohnsektor – zum Beispiel in der Gastronomie, auf dem Bau oder im Reinigungssektor. Daneben kommen Tagelöhner oder Menschen, die schwarz arbeiten, in die Beratungsstelle, aber auch Bettler sowie alkohol- und psychisch-kranke Menschen. Sie alle eint, dass sie kein Obdach haben. „In der Beratung geht es darum, gemeinsam mit ihnen eine Perspektive zu erarbeiten, und oft auch darum, aus dem System der Arbeitsausbeutung oder der Schwarzarbeit herauszukommen“, sagt Andreea Garlonta.

Quarantänemöglichkeit eingerichtet

Dieser Fokus hat sich mit dem Ausbruch der Pandemie verschoben. "Am 21. März kamen die Ausgangsbeschränkungen. Am gleichen Taghatten wir eine Besprechung mit dem Sozialreferat in der Bayernkaserne", berichtet Milka Musovic. "Es war klar: Morgen muss allesstehen." Neben der Möglichkeit, sich 24 Stunden auf dem Geländeaufzuhalten, konnten die Klientinnen und Klienten hier nun auch drei Mal täglich etwas essen oder ihre Wäsche waschen lassen. Außerdem wurde eine Quarantänemöglichkeit eingerichtet.

Die beiden Frauen blicken ein wenig atemlos auf die vergangenen Monate zurück: Alles ist im Frühjahr so schnell gegangen. Dabei sind sie dankbar für den Zusammenhalt im Team: "Natürlich hatten wir alle auch Angst um die Familie und um die Gesundheit", sagt Milka Musovic. Dennoch habe niemand im Teamgefragt: Warum machen wir nicht zu? Die Theologin nimmt die Gewissheit aus dieser Zeit mit, "dass bei uns Menschen arbeiten, die ihren Beruf mit Herzblut und austiefster Überzeugung machen – auch in der Krise".

Mit der Politik ins Gespräch kommen

Zum erhöhten Arbeitspensum gehörte, Informationen zur Pandemie aufzubereiten und in acht Sprachen zu übersetzen. Einige Klientinnen und Klienten seien auch lieber weiter auf der Straße geblieben. Die Streetworker des Schiller 25 haben auch sie mit Informationen versorgt: "Wascht Euch die Hände, haltet Abstand."

Der Alltag des Schiller-Teams hat sich von einem Tag auf den nächsten massiv verändert. Was wünschen sich die Einrichtungsleiterinnen da mit Blick auf den weiteren Verlauf der Pandemie? "Es ist wichtig, mit der Politik ins Gespräch zu kommen", meint Andreea Garlonta. "Wir haben eine langjährige Erfahrung aus der Arbeit mit wohnungslosen Menschen. Bevor über eine so vielfältige Zielgruppe entschieden wird, sollten wir deshalb unsere Sichtdarstellen können." Ansonsten könnten falsche Entscheidungen den Menschen mehr schaden als helfen. "Ich habe mich in den vergangenen Monaten gefragt, was Systemrelevanz bedeutet", fügt Milka Musovic hinzu. "Es wäre wünschenswert, wenn sich diese enorme gesellschaftliche Relevanz auch in konkreten Veränderungen zeigen würde und eine dementsprechende Würdigung tatsächlich bemerkbar würde, für den Träger und für die Mitarbeitenden."

Christine Richter

Mann sitzt auf einem Stockbett in der ehemaligen Bayernkaserne
Etwa 400 Menschen schlafen pro Nacht in der ehemaligen Bayernkaserne. Foto: Oliver Bodmer
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