Innere Mission München

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Mitten unter Menschen

So kann Integration funktionieren: Zwei Gespräche mit jungen Geflüchteten

Ein langer Bundestagswahlkampf ist gerade erst zu Ende gegangen - ein Hauptschlagwort lautete "Flüchtlinge". Und ein weiteres Wort war da auch nicht fern: "Integration". Nur - wie dieser seltsame Prozess denn funktionieren kann, das war kaum Thema.

Dass das Zurechtfinden in einem neuen Land nicht von selbst passiert, dass ein wenig zusätzliche Unterstützung hilft, können aus erster Hand Flüchtlinge berichten. Zum Beispiel diese zwei, die in München viel mit der Inneren Mission zu tun hatten - und noch haben.

Schon einen Rückblick wagen kann Tahsildar Ahmadzai aus Afghanistan. Seit dem Sommer 2009 lebt er in Deutschland - mit 14 war Ahmadzai auf dem langen Landweg nach Deutschland gekommen. Ohne seine Eltern. Und ohne Deutsch zu können. Ob erheute gut "integriert" sei? Ahmadzailacht: "Nicht gut", sagt er. "Eher sehr gut." Mittlerweile ist er 22 Jahre alt und arbeitet als Anlagenmechaniker. Er hat seit vier Jahren eine deutsche Partnerin und viele Freunde in München.

Doch die ersten Monate in der Fremde waren nicht leicht. Zunächst allein, dann mit zwei anderen Geflüchteten, lebte er in Feldkirchen bei München im Kinderheim der Inneren Mission. Die größte Schwierigkeit war anfangs die fremde Sprache. "An dieser Hürde habe ich viel zu knabbern gehabt", erinnert er sich. Aber die Schwierigkeiten gaben sich. "Die Betreuerinnen haben sich super um mich gekümmert, die deutschen Kindern auch." Schon nach einem halben Jahr klappte es langsam mit dem Deutsch; Ahmadzai schaffte es von der Übergangsklasse in die Regelschule. Womöglich gerade, weil er sich ständig unter Einheimischen bewegte.

Heute hat Ahmadzai so gute Erinnerungen an diese Phase, dass er einen Satz sagt, der einen fast unwillkürlich stutzen lässt: "Ich hatte eine richtig schöne Zeit im Kinderheim!" Viel Spaß hatten die Kids da; nicht nur auf dem Fußballplatz. "Nicht selber kochen, nicht selber waschen - das war schon super", sagt er rückblickend.

Den Schritt in die Selbstständigkeit begleitete die Innere Mission zunächst noch. Zuerst mit einem Mitbewohner, dann alleine lebte Ahmadzai von 2012 bis 2016 im Betreuten Wohnen. Den Sprung ins Berufsleben schaffte er sogar selbst. "Nein, da hat mir keiner geholfen", sagt er. "Ich habe schon während der Schule ein paar Praktika gemacht. Und dann haben die mich gleich für die Ausbildung angenommen."

Ahmadzais vielleicht letzter großer Integrationsschritt steht bald bevor: Er will nächstes Jahr einen deutschen Pass beantragen. "Was dann kommt: mal schauen", sagt er. Große Pläne habe er eigentlich nicht. Und nennt dann doch ein paar: Den Meister machen. Sich vielleicht irgendwann sogar selbstständig machen.

Flucht vor religiösen Konflikten

Was Tahsildar Ahmadzai bereits geschafft hat, steht einem anderen noch bevor: Perooz Hamdani aus Pakistan lebt seit fast zwei Jahren in der Bayernkaserne am Nordrand Münchens. Zum Gespräch im "Family House" kommt der 13-Jährige auf dem Fahrrad angefahren. Etwas scheu reicht Perooz die Hand zur Begrüßung - und gibt dann in fließendem Deutsch Auskunft, wie es ihm in der neuen Heimat so geht.

Über China war er mit seiner Mutter und den zwei kleinen Schwestern im Flugzeug nach Deutschland gekommen. Geflohen waren sie vor allem wegen der Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten in seiner Heimat. "Es gab Kämpfe", sagt Perooz Hamdani nur. Dazu kam eine Beziehungskrise seiner Eltern. Glück hatte er immerhin aufgrund des früheren Jobs seiner Mutter: Sie arbeitete für Unicef. So war die Reise nach Deutschland zumindest bezahlbar.

Die Ankunft war dann aber "sehr, sehr schwierig", wie sich Perooz erinnert. "Wir kamen in München am Bahnhof an; wir hatten nach der Reise kein Geld mehr und nichts zu essen." Auch die ersten Wochen in der Bayernkaserne gerieten für die Vier zum Kulturschock. "Wir haben zu vielen in einem Zimmer gelebt, es hat gestunken, Kinder haben geschrien und wir konnten die Tür nicht abschließen. Ich konnte kein Wort Deutsch und hatte Angst und konnte gar nicht schlafen.

Sprache ist der Schlüssel

"Einige Probleme gaben sich dann mit der Zeit: Die Abschiebung muss die Familie vorerst nicht fürchten. Und mittlerweile gibt es auch eine neue, etwas geräumigere Unterkunft auf dem Gelände. Und vor allem: Der Teenager kann eine normale Mittelschule in München besuchen. "Seit ich in die Schule gehen kann, ist es okay", sagt er. Allerdings: Allein das würde Perooz wohl auch nicht reichen, um so richtig anzukommen, meint er.

"Mit der Schule ist es schwierig", sagt Perooz. "In der Klasse sind fast nur Ausländer, untereinander spricht man nicht Deutsch."

Auf dem Gelände der Erstaufnahme-Einrichtung machte er aber irgendwann Bekanntschaft mit den Mitarbeitenden der Inneren Mission. "Ich habe ihnen erzählt, dass ich Deutsch reden will", erinnert er sich. Und die Sozialarbeiter hatten ein paar Ideen: Eine Freizeit in Ungarn und Tschechien habe er mitgemacht - zusammen mit deutschen Jugendlichen, berichtet der Teenager. "Das war gut. Deutsch sprechen und versuchen, Freunde zu finden." So gut, dass Perooz nach weiteren Möglichkeiten fragte: Auch einen Trip nach Sachsen hat er mittlerweile unternommen. Hinzu kamen Sportkurse, Schwimmen und Kickboxen zum Beispiel.

Gleichwohl sieht Perooz weiterhin schwierige Aufgaben auf sich zukommen. Gerne würde er auf die Realschule wechseln. "Das wird nicht leicht", sagt er. "So gut ist mein Deutsch noch nicht. Aber ich will dafür arbeiten." Später möchte er vor allem studieren - Politikwissenschaft vielleicht. Unmöglich scheint das nicht, für einen Teenager, der so schnell lernt. Die größte Hilfe wäre vermutlich, wenn auch Perooz so aufgenommen wird, wie vor ein paar Jahren Tahsildar Amidzai: Mitten unter Menschen, die hier im Land leben.

Florian Naumann

Perooz Hamdani aus der Bayernkaserne
Perooz Hamdani stammt aus Pakistan. Zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebt er in der Bayernkaserne. Sein Ziel: ein Studium in Deutschland.
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