Innere Mission München

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09. November 2018

Save the date - Noch bis 11.11.: Ausstellung „Far from home“

Fotograf Erol Gurian über das Leben von inhaftierten Frauen mit Kindern in Stadelheim

Frauen, die mit ihren Kindern im Knast weggesperrt sind. Nicht im Nirgendwo einer fremden Diktatur, sondern mitten in München, in Stadelheim. Allein die Vorstellung, dass es so etwas hier gibt, verstört. So ging es auch dem DiakonieReport-Fotografen Erol Gurian, als ihm ein Psychologe davon berichtete. Dass bei uns Kinder im Gefängnis leben müssen, also mit bestraft werden, empfand er zuerst als schrecklich. Doch der Widerspruch reizte ihn.

Da wusste der Fotojournalist noch nicht, dass der Strafvollzug einer solchen Abteilung eigene Regeln hat. Dass die Kinder, die nicht älter als drei Jahre alt sein dürfen, sonst im Heim oder beim Vormund leben müssten. Dass es den Frauen hilft, wenn sie die Extremsituation Knast gemeinsam mit ihrem Kind verbringen und die Beziehung pflegen können. Was vielen von ihnen sonst nicht in einer solchen Intensität möglich wäre, da sie aus prekären Verhältnissen stammen. Diese Zweisamkeit macht das Leben im Gefängnis erträglich, gibt ihm einen Sinn, lernte der Münchner. Weshalb er begeistert lobt, was in Stadelheim geleistet wird.

Seine Gefängnisfotos, die in der Seidlvilla zu sehen sind, leben von der Spannung zwischen der bedrückenden Umgebung und der Normalität, wie Mutter und Kind aufeinander bezogen sind. Beispielhaft zeigen das zwei Bilder mit einem vergitterten Fenster. Eines mit einer Frau von hinten mit ihrem Sprößling auf dem Arm am Fenster, was Sehnsucht nach Freiheit assoziiert. Im zweiten ist ein gleiches vergittertes Fenster Hintergrund für einen Winnie Puuh. Die Zelle mutiert zum Kinderzimmer, verliert durch die Phantasie anregende Bärenfigur den Schrecken.

Gurian gelingt mehr, als nur zu dokumentieren, wie zwei gegensätzliche Welten aufeinandertreffen: Je mehr man sich auf die Schwarzweißfotos einlässt, umso mehr rückt das Aufrüttelnde, also der Ort, an dem die Mütter gezwungen sind zu leben, in den Hintergrund. Das liegt an der Wertschätzung des Fotografen für die Gefangenen und an seinem Einfühlungsvermögen. Das bestätigt ein Eintrag der entlassenen Michaela im Gästebuch der Ausstellung „Far from home“: „Ich bin absolut begeistert, was Du aus dem traurig-tristen Alltag gezaubert hast“, fasst sie ihren Eindruck zusammen.

Um im Gefängnis zu arbeiten, musste sich Erol Gurian erst mal das Vertrauen verdienen. Das der Frauen und das der Abteilungsleiterin. Als es hieß, dass er keine Gesichter ablichten dürfe, wollte er fast schon aufgeben. Doch dann nahm er die Herausforderung an, ohne ausdrucksstarke Porträts die passende Bildsprache zu suchen. Die Lösung, nah herangehen und den Kontext durch Perspektive und Körpersprache zeigen. So entstanden Fotos wie das der Hände eines Kindes in den Händen der Mutter. Ein Moment der Ruhe und des Glücks, wie ihn alle Eltern kennen.

Als Künstler widmet sich Gurian intensiv Themen, die ihn faszinieren. Das sind oft Menschen in Not oder extremen Situationen, schließlich hat er eine soziale Ader, wie er schmunzelnd anmerkt. Deshalb ist es ihm nicht egal, wie die Frauen nach der Entlassung weiterleben. Er weiß um deren Schwierigkeiten und wünscht sich mehr Hilfe bei der Integration in die Gesellschaft.

Georg Eisenkolb

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