Innere Mission München

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Schritt für Schritt nach oben

Seit einem halben Jahr hilft das Refugee Stairway Center Menschen

Das Konzept ist einzigartig in München und wurde schon bei der Eröffnung als „großartiges Beispiel evangelischer Integrationskultur“ gelobt. Aber kann es die hohen Erwartungen auch erfüllen? Erster Schritt: Ankommen. Zweiter Schritt: Orientierung. Dann kommen Begleitung und Integration. Diese Begriffe stehen auf einer kleinen Holztreppe, die den Eingangsbereich des Refugee Stairway Centers ziert.

Das Kunstwerk veranschaulicht, was das Center schaffen möchte: eine Treppe sein und Geflüchtete auf ihrem schwierigen Weg begleiten. Schritt für Schritt. Wer alle Stufen genommen hat, ist endlich oben angekommen: im eigenen Leben.

Auch für Projektleiter Hagen Westphal ist dieses Kunstwerk wichtig, denn „diese Treppe ist unsere Grundphilosophie“, erklärt er. Denn sie zeigt die wichtigsten Integrationsschritte: „Manchmal helfen wir den Menschen nur einen Schritt weiter, manchmal heben wir sie zwei Stufen hinauf und manchmal begleiten wir sie bis ganz nach oben.“

Wer ins Refugee Stairway Center kommt, hat meist noch viele Schritte vor sich. Egal, ob es eine Einzelperson oder Familie mit vier, fünf oder mehr Kindern ist, egal ob jemand aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea stammt, egal welcher Religion jemand angehört – alle sind hier in dem großen hellen Raum in der Seidlstraße willkommen.

Und so unterschiedlich die Menschen sind, so eint es sie, dass alle traumatisiert oder psychisch belastet sind. Alle bringen eine Lebensgeschichte mit, die von Krieg, Hunger, Perspektivlosigkeit oder Gewalt erzählt. Und vor allem von einer traumatischen Flucht. Einzelheiten der Schicksale möchte Hagen Westphal nicht schildern. Dass er nicht aus dem Nähkästchen plaudert, hat mit einem Arbeitsgrundsatz zu tun: Vertrauen und Vertraulichkeit. Im Refugee Stairway Center können sich alle darauf verlassen, dass ihre Ängste, Probleme und Nöte sensibel behandelt werden.

Aber es sei auch gar nicht nötig, Einzelheiten zu nennen, sagt Hagen Westphal: „Jeder kennt die Bilder und Geschichten, jeder weiß um die Schlauchboote, die in Sturm oder Hitze auf dem Mittelmeer umherirren.“ Alle Welt wisse auch von den Machenschaften der Schlepper, von Vergewaltigungen, Misshandlungen, zerrissenen Familien, von Hunger, Angst und Entbehrungen. „Jede Flucht hinterlässt Narben, manch eine hinterlässt auch offene Wunden.“

Wenn dann noch weitere Belastungen wie chronische Erkrankungen, Analphabetismus, Verhaltensauffälligkeiten der Kinder oder psychosomatische Beschwerden hinzukommen, reichen die bestehenden Beratungsangebote nicht mehr aus. Dann vermitteln der Asylsozialdienst und die Migrationsberatung die Menschen an das Refugee Stairway Center. „Das klappt gut“, sagt Hagen Westphal. „Nicht nur die Migrationsberatung der Inneren Mission, sondern auch Beratungsstellen von anderen Verbänden vermitteln an uns; die Zusammenarbeit ist hervorragend.“

Dass es dringend nötig war, eine Einrichtung wie das Refugee Stairway Center zu etablieren, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Zwar gibt es ein breites Fundament an Basisberatung, aber der Freistaat Bayern finanziert derzeit in der Asylsozialberatung lediglich einen Schlüssel von 1:150. Zwar hat ihn die Landeshauptstadt München freiwillig auf 1:100 verbessert, aber eine tiefere Beratung ist bei 100 Klienten pro Fachkraft trotzdem nicht leistbar. Erschwerend kommt hinzu, dass es manche Menschen aufgrund von Erkrankungen, psychischen Problemen oder Sprachbarrieren nicht zu den weiterführenden Hilfeangeboten schaffen. Das Refugee Stairway Center kann genau da helfen. „Wir schließen die Lücke zwischen Basisberatung und den höherschwelligen Diensten“, erklärt Hagen Westphal.

Neben dem Projektleiter engagieren sich drei fest angestellte Vollzeitkräfte für die Belange der Geflüchteten. Im multiprofessionellen Team ist die Aufgabenverteilung klar geregelt: Sozialpädagogin Annika Kunze startet mit einer lebensweltorientierten Analyse und entwickelt daraufhin individuelle Lösungsstrategien. Psychologin Elena Taurini ist für alle psychologischen und gesundheitlichen Belange zuständig. Und Theologe Daniel Kuß kümmert sich um die seelsorgerische Arbeit: Zu ihm tragen die Menschen ihre religiösen Anliegen. Er vermittelt dann weiter in Kirchengemeinden – in evangelische genauso wie in solche jeder anderen Glaubensrichtung.

Das Dreier-Team braucht eine gehörige Portion an professioneller Distanz, um einzelne Erfahrungen nicht mit nach Hause zu nehmen. Regelmäßige Supervision hilft da. Und: Es gibt Erfolgserlebnisse. Manchmal zeitigen schon kleine Hilfestellungen einen großen Effekt. Wie bei dem jungen Mann, der sozial stark zurückgezogen war, belastet von seinem unklaren Asylstatus, von gesundheitlichen Problemen und einer unzureichenden Wohnsituation. Während eines Beratungsgesprächs kam heraus, dass sein Glaube ihm sehr wichtig war. Daniel Kuß suchte mit ihm zusammen deshalb nach einer passenden Kirchengemeinde. Schon beim nächsten Treffen hatte sich der junge Mann verändert: Er strahlte und erzählte begeistert, wie gut ihm der Gottesdienst getan hatte. Er knüpfte neue Kontakte, wurde in eine WhatsApp-Gruppe integriert und nahm an gemeinsamen Treffen teil. Die Aufnahme in die Gemeinde gab ihm Halt.

Meist gelingen Veränderungen aber nicht so einfach. Grundsätzlich stehen im Refugee Stairway Center je nach Lebenshintergrund der Menschen zwei Beratungsarten zur Verfügung: Kurzberatung mit ein bis zwei Gesprächsterminen sowie Intensivberatung. „Das geht dann bis zu zehn Stunden pro Woche, durchaus auch mal über einen Zeitraum von einem halben Jahr“, erläutert Hagen Westphal. Nach einer sensiblen Phase des Vertrauensaufbaus geschieht die meiste Hilfe durch Vermittlung, zum Beispiel in Sprachkurse, in therapeutische Angebote, zur Rechts- oder Schuldenberatung, in medizinische Angebote, an Kinderbetreuungsstellen, in eine kirchliche Anbindung, zur beruflichen Qualifikation oder in adäquate Wohnverhältnisse.

Außerdem begleiten die Fachkräfte bei Behördengängen und helfen bei Anträgen und Formalitäten. Aber sie bieten auch seelsorgerische Unterstützung, strukturieren den Alltag und verhelfen zu mehr Selbstständigkeit. Und natürlich koordinieren sie die einzelnen Hilfeangebote und stimmen sie bestmöglich aufeinander ab.

Inzwischen blickt das Refugee Stairway Center auf ein halbes Jahr Erfahrung zurück. In dieser Zeit gab es 194 Beratungsgespräche mit 48 Personen. „Das hört sich im ersten Moment nach ziemlich wenig an“, erklärt Hagen Westphal, „aber es handelt sich um eine sehr intensive Betreuung“. Eine Betreuung mit Sprachbarrieren – und Menschen, die den Helfenden nach vielen bisher missglückten Hilfeversuchen oft skeptisch gegenüber stehen. „Da benötigt man Fingerspitzengefühl, Zeit und Geduld, um das nötige Vertrauen aufzubauen. Manche Betreuungsfälle sind sogar noch intensiver, als wir es vor der Eröffnung gedacht hätten.“

So ist Hagen Westphal mit der Aufbauphase seines Projekts zufrieden. „In Zukunft wollen wir aber noch mehr Fälle bearbeiten“, erklärt er seine Pläne. Um das zu schaffen, möchte er zehn Integrationswegbegleiter einstellen. Das Budget ist vorhanden.

Das Refugee Stairway Center ist durch die Evangelische Landeskirche und die Innere Mission vorerst nur für drei Jahre finanziert. Die Zukunft danach ist ungewiss. Hagen Westphal zeigt sich aber optimistisch: „Wir sind sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung der Evangelischen Landeskirche. Es ist unser Bestreben, eine Regeleinrichtung zu werden. Der Bedarf ist da.“

Und Grenzen der Arbeit? Gibt es die auch? Kommt irgendwann der Punkt, an dem einem Menschen nicht mehr geholfen werden kann? Einerseits ja, denn manchmal wollen Geflüchtete das Hilfeangebot nicht annehmen. Dann, wenn die Chemie nicht stimmt, sich das nötige Vertrauen nicht herstellen lässt oder die Vorbehalte zu groß sind. Dann kann es vorkommen, dass jemand die Zusammenarbeit abbricht.

Aber wenn ein Mensch gerne die Hilfe des Refugee Stairway Centers annimmt und auf der obersten Stufe, im eigenen Leben, ankommen möchte, dann ist klar: „Wir lassen niemanden alleine“, sagt Hagen Westphal. „Denn kein Fall ist hoffnungslos.“

Steffi Geihs

Das Team hilft dort, wo andere Beratungsstellen nicht mehr weiterkommen (v.l.n.r.): Theologe Daniel Kuß, Psychologin Elena Taurini, Sozialpädagogin Annika Kunze und Projektleiter Hagen Westphal. Foto: Oliver Bodmer
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