Innere Mission München

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Schuhplattln für Anfänger

Jugendhilfe Feldkirchen hat Fundament zum Leben in Deutschland gelegt

Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen: Ramy K. hat gerade ein kleines Integrationsproblem. Der 21-Jährige ist vor sechs Jahren aus Ägypten nach Deutschland geflohen. Nun ist er in einen Trachtenverein im oberbayerischen Rohrdorf eingetreten.

Deshalb steht er vor scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten – das mit dem Schuhplattln klappt nämlich immer noch nicht so recht. "Das ist auch wirklich schwer", sagt Ramy K. "Aber toll zum Anschauen. Die anderen machen das ja schon seit Jahrzehnten."

Wirklich schlimm ist die leichte Schwäche in Sachen bayerischer Volkstänze natürlich nicht. Auch nicht für Ramy K. – er kennt ernstere Sorgen. Aber die Annäherung an das alte Kulturgut ist der vorläufige Endpunkt einer beeindruckenden Integrationsgeschichte, die ihren Start-, Dreh- und Angelpunkt in einer heilpädagogischen Wohngruppe der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen in Parsdorf hat.

"Ich bin unfassbar dankbar"

Rund sechs Jahre liegt ihr Beginn zurück. Ramy K. erinnert sich noch an das genaue Datum: "Am 1. Dezember 2013 bin ich dort eingezogen."

Zuvor hatte der junge Ägypter bereits einige Wochen in einer Unterkunft in Erding gelebt. Gute Erinnerungen hat er an diese Phase nicht: "Dort gab es im Keller Schule und sonst eigentlich nichts" – fehlende persönliche Betreuung und eine große Fluktuation bei den Bewohnern hätten die Zeit bestimmt, sagt Ramy K. Trotzdem sei sie immerhin eine "erste Stufe" beim Ankommen in Deutschland gewesen. Ungleich wichtiger ist ihm aber "Stufe zwei": seine Zeit in Parsdorf.

"Diese Phase kann und will ich nicht vergessen", sagt Ramy K.: "Ich bin unfassbar dankbar. In Parsdorf habe ich gelernt, was ich zum Leben in Deutschland brauche." Was die wichtigsten Lektionen waren? Er überlegt kurz, dann kommt eine ganze Reihe an Schlagworten und Fertigkeiten: Sprache. Respekt. Wie man beim Arzt anruft. Wie man sich an die Erwartungen der Deutschen anpasst. Und eben: ein Leben aufzubauen. Offenbar hat das geklappt.

Ramy K. ist mit seinem Werdegang kein Einzelfall: Mehrere hundert unbegleitete minderjährige Geflüchtete hat die Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen seit 2014/2015 in ihren Einrichtungen betreut, wie Gesamtleiter Achim Weiss berichtet. "Dem Gesetzestext nach", sagt er, "ist es die Hauptaufgabe, die Jugendlichen möglichst schnell fitzumachen für eine Rückführung oder Verselbstständigung."

Vom Hausmeister viel gelernt

Schule und Hausaufgaben gehörten zu Ramy K.s Alltag in Parsdorf. Aber auch Sport und ganz praktische Aufgaben. Den Rasen habe er gemäht, aber auch gerne Gemüsebeete angelegt, erzählt Ramy K. "Auch vom Hausmeister habe ich viel gelernt", meint er. "Heute kann ich die Dinge bei mir zu Hause selbst in Schuss bringen."

Noch wichtiger war für den jungen Mann die Unterstützung durch die Betreuerinnen: "Eigentlich waren alle super. Aber besonders wichtig waren Kathi Reuß und Lisa Kekule für mich", meint er. "Kathi hat gleichzeitig mit meiner Ankunft in Parsdorf angefangen. Sie ist wie eine große Schwester für mich – wenn etwas Gutes passiert ist, haben wir zusammen gelacht. Und wenn etwas sehr schlimm war, haben wir zusammen geweint."

So wohl sich Ramy K. in der WG fühlte, so war es doch klar, dass er irgendwann ausziehen musste. Und dann? In Ägypten hatte Ramy K. das Haareschneiden gelernt – nicht als Berufsausbildung, sondern beim Arbeiten im Friseurgeschäft der Eltern. Jetzt aber wollte er etwas Anderes tun: "Ich bin gerne draußen an der Luft, ich arbeite gerne körperlich. Also dachte ich: Warum nicht Garten- und Landschaftsbau?" Er fand einen Ausbildungsplatz in Kirchseeon bei München.

Im August 2016 war die Zeit in Parsdorf zu Ende. Es folgte die "dritte Stufe": In Feldkirchen bei München lebte Ramy K. in einer WG der Kinder- und Jugendhilfe. Nun ohne Betreuer im Haus, aber mit zwei täglichen Besuchen von Pädagogen.

"Das war etwas ganz anderes!", sagt Ramy K. Der Schritt sei schmerzhaft gewesen, habe aber auch Freiheiten gebracht. Knapp zwei Jahre lebte er in Feldkirchen. Der nächste persönliche Durchbruch kam, nachdem er sich durch die Azubi-Zeit gekämpft hatte: Der Chef eines Rosenheimer Gartenbau- Unternehmens bot ihm einen Job an – aufgrund eines Praktikums, das er dort absolviert hatte.

Bayerischer Zungenschlag

Heute arbeitet der 21-Jährige rund 50 Kilometer südöstlich von Parsdorf und Feldkirchen – und wohnt seit August noch einige Kilometer weiter entfernt in der Kleinstadt Raubling. Die Wohnung hat Ramy K. nach einjähriger erfolgloser Suche durch die Vermittlung seines Chefs erhalten. Auf dem Land ist er glücklich: "Die Luft ist besser und die bayerische Lebensart einmalig." Tatsächlich hört man ihm, dem gebürtigen Ägypter, mittlerweile einen bayerischen Zungenschlag an.

Zur Kinder- und Jugendhilfe hat Ramy K. der größeren räumlichen Entfernung zum Trotz noch immer Kontakt. Sie ist bis heute für ihn ein weiterer sozialer Anker – neben Trachtenverein, Arbeit und Co. "Wenn etwas los ist, ein Fest zum Beispiel, bin ich dabei. Da nehme ich mir auch extra Urlaub", betont er.

Im Dezember will Ramy zum Winterbasar nach Feldkirchen fahren. Den Termin hat er schon Mitte September im Kopf. Es ist der 1. Dezember 2019 – fast genau sechs Jahre nach seinem Einzug in die WG in Parsdorf. Dass junge Geflüchtete der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe verbunden bleiben, sei kein Einzelfall, berichtet Weiss. Abgesehen von einigen Ausnahmen, Abgängen im Streit, seien sie "sehr dankbar, wenn es ihnen in der Unterbringung gut geht". Zur Zufriedenheit trage auch ein anderer Faktor bei: "Jeder, der geht, geht mit einer Ausbildung oder einem Schulabschluss", sagt Weiss – also mit einem Fundament für ein weiteres Leben in Deutschland.

Wie viele Einzugs-Jahrestage Ramy K. noch in Deutschland verbringen kann, ist derweil unklar: Er ist nach wie vor nicht als Geflüchteter anerkannt. Denn trotz Job, Wohnung und Trachtenverein könnte ihm jederzeit ein Abschiebebescheid ins Haus flattern.

Aber er will die Sache pragmatisch sehen: "Ich habe lange Angst gehabt. Aber es ist ja so: Man bekommt im Leben, was man verdient. Und so, wie es gerade ist, ist es wunderbar. Das will ich genießen."

Florian Naumann

Ramy
Nach seiner Flucht aus Ägypten ist Ramy K. in Oberbayern angekommen. Foto: Erol Gurian
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