Innere Mission München

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13. August 2018

"Schutzsuchende Menschen brauchen unsere Solidarität"

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit und Humanität

Andrea Betz von der Inneren Mission in München ist Abteilungsleiterin der Hilfen für Flüchtlinge, Migration und Integration. Ihr Träger lehnt die bundesweit geplanten Ankerzentren ab. Warum, das erklärt sie in ihrem Gastbeitrag für epd sozial. Ein Plädoyer.

München (epd). Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will bundesweit sogenannte Ankerzentren einrichten lassen. Großeinrichtungen, in denen geflüchtete Menschen so lange bleiben sollen, bis über ihre Asylanträge entschieden ist. Bei Ablehnung erfolgt die Abschiebung direkt von dort aus. So der Plan. Doch flächendeckend wird es diese Zentren nicht geben, denn mehrere Bundesländer wollen sie nicht.

Anders ist die Situation in Bayern. Dort gibt es sie seit dem 1. August. Die Innere Mission als Mitglied im Diakonischen Werk Bayern, ist in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv - und lehnt die Ankerzentren ab. Warum, das will dieser Text deutlich machen. Und er soll klarmachen, wie wir geflüchteten Menschen begegnen und von welchen Leitgedanken wir ausgehen.

Denn: Wir haben keine Angst vor Zuwanderung und wir lassen uns auch keine Angst machen. Unsere Grundhaltung ist, dass wir Menschen in Not unterstützen und ihnen mit Respekt und Nächstenliebe begegnen.

Aufbegehren gegen Ausgrenzung

Wir stehen geflüchteten Menschen zur Seite und schweigen nicht, wenn sie ausgegrenzt werden oder wenn politisch oder gesellschaftlich Stimmung gegen sie gemacht wird. Für uns steht Menschlichkeit an erster Stelle.

Wir nehmen aber auch kritische Stimmen ernst und gehen mit Menschen, die Sorgen und Ängste vor Zuwanderung haben, in den Dialog. Oft hilft eigenes Erleben und Begegnung mit Geflüchteten, um bestehende Vorurteile abzubauen.

Demnach sind auch "unsere" Ehrenamtlichen sehr wichtige Multiplikatorinnnen und Multiplikatoren für Solidarität und Menschlichkeit in die Gesellschaft hinein.

Rund 250 Hauptamtliche und 750 Ehrenamtliche sind in meiner Abteilung in der Flüchtlings- und Migrationsarbeit engagiert. Was heißt es für uns, geflüchteten Menschen zur Seite zu stehen?

Für uns heißt das zunächst, jeden einzelnen Menschen in seiner individuellen Lebenssituation und in seiner Würde ernst zu nehmen. Es heißt, jedem Menschen Vertrauen zu schenken und ihm das Gefühl zu geben, dass er von uns Unterstützung und Hilfe erhält und er bei uns zunächst in Sicherheit ist.

Unsere Fachkräfte bieten professionelle Beratung an. Hier geht es um existenzielle Probleme, um Fragen zum Ablauf des Asylverfahrens, um gesundheitliche, erzieherische und persönliche Fragestellungen. Je nach Fall auch um die Auslegung einer rechtsstaatlichen Entscheidung. Hier gilt es auch klar und entschieden Grenzen aufzuzeigen, wenn ein Gericht entschieden hat.

Strukturelle Defizite nicht verschweigen

Als Rechtsträger der freien Wohlfahrtspflege ist eine anwaltliche und öffentliche Stellungnahme geboten, wenn uns Tatsachen bekanntwerden über strukturelle Defizite.

Wir zeigen auf, wie sich unserem Erleben nach politische Entscheidungen auf das Wohl der davon betroffenen Menschen auswirken. Wir pflegen dazu auch den regelmäßigen aktiven Austausch mit politisch Verantwortlichen und den zuständigen Behörden.

Wir schweigen nicht, wenn Flüchtlinge zu Sündenböcken gemacht werden. Und wir wehren uns gegen Vorurteile, wenn es dafür in der Praxis keinerlei Grundlage gibt. Wenn Behauptungen an den Haaren herbeigezogen sind, aufgebauscht werden oder wenn Flüchtlinge für politische Machtspiele instrumentalisiert werden.

In unseren Beratungsgesprächen hören wir oft, wie dramatisch und lebensgefährlich der Fluchtweg von Menschen war, die aus blanker Not und Todesangst aus ihren Heimatländern flohen. Sie haben schlimme Schicksale in ihren Heimatländern und auf der Flucht erlebt, haben Familienmitglieder auf der Flucht sterben sehen, sind oft traumatisiert. Wenn man diese Geschichten hört, ist es unerträglich, wenn über diese schutzsuchenden Menschen unwürdig und barbarisch gesprochen wird.

Sichere Fluchtwege müssen her

Wir fordern sichere und legale Fluchtwege für Menschen nach Europa und offene Grenzen. Offene Grenzen, wie sie einst eine der größten Errungenschaften Europas waren. Solange es keine sicheren und legalen Fluchtwege gibt, muss es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Menschen in Seenot aus dem Meer gerettet werden.

In den von uns betreuten Einrichtungen leben rund 1.500 Kinder und Jugendliche. Sie leiden besonders unter Vertreibung, Verfolgung und Flucht. Sie sind besonders schutzbedürftig und ihr Wohl liegt uns besonders am Herzen. Sie sollen keine Benachteiligung erfahren. Für sie gilt die UN-Kinderrechtskonvention wie für alle Kinder.

Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass die Unterbringungsstandards in den Ankerzentren im Sinne der Kinder und Jugendlichen deutlich verbessert werden. So sind oft mehrere Familien für bis zu 24 Monate in einem Zimmer untergebracht. Das stellt kein Mindestmaß an Privatsphäre dar.

In den Ankerzentren gilt zudem das Sachleistungsprinzip für Essen und für Hygieneartikel. Auch das lässt keine ausgewogene und kindgerechte Versorgung zu. Zudem sind der Zugang zu Bildung und die Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe dort enorm erschwert. Unserer Ansicht nach handelt es sich hier um eine strukturelle Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen.

Menschenwürdige Unterbringung ist entscheidend

Selbstverständlich sind menschwürdige Rahmenbedingungen in allen Unterkunftsformen im Bereich der Flüchtlingsunterbringung wichtig. Schlechte Rahmenbedingungen, beispielsweise zu wenig Privat- oder Intimsphäre, keine Möglichkeit selbst zu kochen und zu waschen, für seine Familie zu sorgen und eine eigene Tagesstruktur zu führen, stresst die Menschen. Wir wissen aus Erfahrung: Je besser und menschenwürdiger die Rahmenbedingungen sind, umso entspannter sind Menschen und die Atmosphäre des Miteinanders.

Unserer Beobachtung nach sind es gerade die von politischer Seite bestimmten Rahmenbedingungen, die Menschen stressen, frustrieren und dann manchmal auch aggressiv machen.

Stellen wir uns vor, dass wir mit unseren zwei Kindern zusammen mit einer anderen Familie aus einem anderen Kulturkreis in einem 50 Quadratmeter großen Zimmer leben müssen.

Und stellen wir uns vor, dass wir uns in Deutschland integrieren möchten, weiterkommen möchten, auf eigenen Beinen stehen möchten und dann aber keine Ausbildungs- und Arbeitserlaubnis bekommen, weil wir aus Afghanistan sind, einem von politischer Seite deklarierten sicheren Herkunftsland. Aus einem vermeintlich sicheren Herkunftsland, aus dem wir gerade in Todesangst geflohen sind.

Ausbildungs- und Arbeitsverbote zwingen die Menschen zur Untätigkeit. Das erzeugt Frust und Stress. Gerade junge Flüchtlinge wollen arbeiten, suchen Ausbildungsplätze. Wir fordern die Umsetzung der 3+2 Regelung zum Abschiebeschutz in Bayern und keine Abschiebung von Menschen, die gut integriert wertvolle Arbeit in unserer Gesellschaft leisten.

Lebensbedingungen machen krank

In unserem Refugee Stairway Center, einem speziellen Angebot für traumatisierte Menschen und Menschen mit mehrfachen psychischen Beeinträchtigungen, stehen wir ihnen bei ihren Integrationsbemühungen zur Seite, vor allem im Hinblick auf die berufliche Integration. Der Bedarf ist immens. Leider kommen dort oft Problematiken zum Vorschein, die durch eine frühzeitige gute und menschenwürdige Unterbringung, Versorgung und ausreichend soziale Betreuung hätten verhindert werden können.

Es geht im Grunde darum, von politischer Seite Bedingungen zu schaffen, die Menschen nicht krank machen. Bedingungen, in denen ihre Privat- und Intimsphäre gewahrt ist. Bedingungen, in denen sie sich altersgerecht, individuell und eigenständig versorgen können und Bedingungen, in denen sie sich entwickeln können und unter denen ihre physische und psychische Gesundheit nicht leidet.

Es braucht politische Entscheidungen, die zum Schutz und zur Integration Geflüchteter getroffen werden. Schutzsuchende Menschen brauchen unsere Solidarität, unsere Hilfe und unsere Mitmenschlichkeit. Flüchtlinge sind zuerst und zuletzt Menschen wie Sie und ich.

Andrea Betz/epd

Kontakt

  • Andrea Betz
    Leiterin der Abteilung Hilfen für Flüchtlinge, Migration und Integration

    Landshuter Allee 40
    80637 München
    Tel.: 089/12 69 91-5101
    abetz(at)im-muenchen.de

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