Innere Mission München

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Station D ist etwas ganz Besonderes

Besuch bei Auszubildenden im evangelischen Alten- und Pflegeheim in Ebenhausen

Pflegenotstand. Dieses Wort hängt seit einiger Zeit wie ein Damoklesschwert über Politik und Gesellschaft. Das evangelische Alten- und Pflegeheim Ebenhausen der „Hilfe im Alter“ tritt diesem Notstand aktiv entgegen: mit einer eigenen Schüler-Station – die ein Gewinn ist für Auszubildende und Bewohner.

Äußerlich sieht es so aus, wie es eben auf einer Pflegestation in einem Altenheim aussieht: ein langer Flur, von dem die Türen zu den Zimmern der Bewohner abgehen. Selbstgebastelte Papierblumen stecken an Zweigen und verschönern den Gang. In einem Bereich steht eine Sitzgruppe mit Brettspielen. Und doch ist die Station D im 3. Stock etwas, was es nur ganz selten gibt in deutschen Altenheimen. „Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Pflegedienstleiterin Barbara Sauer.

Denn hier, in der Schülerstation, arbeiten die Auszubildenden unter ihresgleichen. Hier wenden sie ihr in der Schule theoretisch erlerntes Wissen praktisch an: zum Beispiel Spritzen setzen, Medikamente zuteilen oder die Leitung einer Schicht übernehmen – je nach Ausbildungsstand versteht sich. Selber machen, heißt die Devise für die derzeit elf Auszubildenden, die im 1. bis 3. Lehrjahr stehen. Auf ihrer Station D sind sie für insgesamt 23 Bewohner verantwortlich, die die verschiedensten Pflegegrade haben.

Eine von ihnen ist Anni Kern. Seit beinahe einem Jahr lebt die alte Dame hier im Heim und schätzt es, wie die Altenpflegeschülerinnen und -schüler sie versorgen: „Ich bin sehr zufrieden“, sagt sie – und lächelt Lisa Becking an, die ihr gerade den Rollator hinschiebt. Lisa Becking ist beinahe fertig mit ihrer Ausbildung. Die 26-Jährige wurde von ihren Kollegen aus anderen Einrichtungen oft dafür beneidet, dass sie ihre dreijährige Ausbildungszeitzeit auf einer eigenen Azubistation absolvieren kann. „Die anderen hatten oft keinen Praxisbegleiter“; für sie ist das ein großer Vorteil von Station D.

Praxisbegleiter sind laut Pflegedienstleiterin Barbara Sauer speziell geschulte Fachkräfte, die die Schüler während ihrer Ausbildung intensiv betreuen. Sie in der Praxis begleiten und darauf achten, dass nichts schief läuft in der alltäglichen Pflege alter Menschen. Insgesamt drei dieser Ausbilder arbeiten laut Barbara Sauer auf Station D, die selbstverständlich von einer erfahrenen Fachkraft geleitet wird.

Lisa Becking jedenfalls fühlte sich dank der Praxisbegleiter bei ihrem Tun immer sicher, sagt sie. Und dieses „Ich kann das!“-Gefühl nimmt die Wahl-Münchnerin jetzt mit in ihre berufliche Zukunft. Außer ihr werden drei weitere Azubis in Kürze ihren Abschluss machen, weiß Barbara Sauer. Bis zu sechs neue Auszubildende möchte das Haus von September an einstellen, um damit dem Fachkräftemangel in der Pflege zu begegnen.

Einrichtungsleiter Wilfried Bogner will das Konzept der Schülerstation außerdem weiterentwickeln. Als erster Schritt wurde auf Station D gerade das Stationszimmer vergrößert: Dadurch entstand ein Bereich, in dem die jungen Mitarbeiter auch mal ungestört und damit konzentrierter arbeiten können – sei es während der Praxisanleitung oder beim Vorbereiten der Medikamente. „Wir versuchen, die Ausbildung stark zu qualifizieren“, sagt Wilfried Bogner. Ein Zeichen dafür sind unter anderem die regelmäßigen Azubigespräche, die er mit den Schülerinnen und Schülern führt. Ziel dieser Gespräche ist es unter anderem, herauszufinden, was in der Ausbildung noch verbessert werden könnte.

„Früher waren die Schüler eher unzufrieden“, erinnert sich Barbara Sauer. Denn damals, vor der Einrichtung der Station D im September 2015, war die praktische Anleitung der Schüler nur schlecht sichergestellt. „Früher sind die Auszubildenden im Alltag oft untergegangen.“ Und dadurch, dass sie zudem über das ganze Haus verteilt waren, war ihr Ausbildungsstand auch recht unterschiedlich. Die Schülerstation stellt nun sicher, dass jeder Azubi im gleichen Lehrjahr auch das Gleiche kann. „Am Ende ihrer Ausbildungszeit sind sie jetzt viel sicherer“, sagt Barbara Sauer.

Davon profitieren nicht zuletzt auch die Bewohner des Pflegezentrums: Auf Station D gibt es jetzt seltener Personalmangel. Außerdem arbeiten die jungen Menschen dank der größeren Eigenverantwortung auf „ihrer“ Station hoch motiviert. Zugleich werden neue Erkenntnisse, die die Schüler in der theoretischen Ausbildung an der PflegeAkademie lernen, sogleich in der Praxis umgesetzt: „Davon profitieren auch die erfahrenen Kollegen.“

Binita Khadka hat ihre Ausbildung auf Station D erst vor wenigen Monaten begonnen – und ist sehr zufrieden. „Hier ist genug Zeit für die Fragen von uns Schülern. Wir bekommen alles gut erklärt“, sagt die 21-Jährige, die erst vor wenigen Jahren aus Nepal nach Deutschland gekommen ist. Sie lebt in einer der Mitarbeiterwohnungen, die die Einrichtung für ihre Auszubildenden bereithält – nur wenige Meter von der Arbeitsstelle entfernt.

Das Problem Zeitmangel, unter dem die Altenpflege allgemein leidet, gibt es natürlich auch auf Station D, räumt Lisa Becking ein. Und natürlich bleiben Acht-Stunden-Schichten anstrengend. Wie die Nachtschichten. Und die Feiertagsdienste. Altenpflege ist meistens anstrengend. Aber dank ihrer Ausbildung fühlen sich Lisa Becking und die anderen auf Station D nun wirklich fit für ihr richtiges Berufsleben. Weil sie hier nicht bloß bettlägerige Menschen umlagern durften, sondern auch alles andere selber machen konnten: Den Alltag auf einer Pflegestation in allen Details zu organisieren. Und auch, weil sie sich hier getraut haben, ohne Scheu zu fragen, wenn sie etwas Mal nicht wussten. „Hier arbeitet man unter Seinesgleichen auf Augenhöhe; das ist einfach ein gutes Gefühl.“

Franziska Seliger

„Ich bin sehr zufrieden“, sagt Bewohnerin Anni Kern, um die sich Lisa Becking, Pflegeschülerin im 3. Ausbildungsjahr, liebevoll kümmert auf Station D. Foto: Franziska Seliger
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