Innere Mission München

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26. März 2018

Täglicher Kampf um Demut und Würde

Themenpreis geht an eine „Notizbuch“-Reportage / Nachwuchspreis für Pia Ratzesberger

Der Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission geht in diesem Jahr zu gleichen Teilen an zwei Preisträger: Ausgezeichnet wurden Christina Berndt für ihr in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichtes Porträt "Paul sieht Rot" über einen an Schizophrenie erkrankten 34-Jährigen sowie HFF-Absolvent Till Cöster für seine vom ZDF gezeigte Langzeit-Dokumentation "Super Friede Liebe Love".

Der sonst mit 5.000 Euro dotierte Preis wurde in diesem Jahr um 2.000 Euro aufgestockt, so dass beide Preisträger je 3.500 Euro erhalten.

Die promovierte Biochemikerin Christina Berndt (48) beschreibt in ihrem Porträt "sehr sensibel die Grenze zwischen Normalsein und Verrücktheit, zwischen Krankheit und Kreativität", so die Meinung der Jury. Als Leser lerne man "immer enger einen Menschen und Künstler kennen, seine verstörende Erlebniswelt, seinen Kampf gegen die Krankheit und dafür, dass mehr Menschen ihn und seine Leidensgenossen akzeptieren und verstehen". Laudator Ulrich Brenner hob hervor, dass es Christina Berndt gelungen sei, ihre Leserschaft ganz nah heranzuführen an Paul van Rood und hinein in seine "ebenso wahnhafte wie fantastische Welt". Das geschehe aber "nicht mit einem voyeuristischen, Sensationen witternden Blick, sondern mit der Distanz der fragenden, beobachtenden, beschreibenden Journalistin." Dabei gelinge es ihr, sich einer zugleich klaren und verständlichen wie lebendigen und spannenden Sprache zu bedienen: "Hohe Erzählkunst und Qualitätsjournalismus auf sehr hohem Niveau."

Der zweite Preisträger, Till Cöster, der an der renommierten Münchner Hochschule für Fernsehen und Film Spielfilm-Regie studiert hat, beobachtete in seinem Film fast drei Jahre lang die ehemals obdachlosen Bewohner des vom Katholischen Männerfürsorgevereins betriebenen Hauses an der Kyreinstraße. Die Jury lobte den Mut und die Geduld des 35-Jährigen, sich auf das schwierige Thema Obdachlosigkeit einzulassen. Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik und Jury-Mitglied, betonte in ihrer Laudatio, der Film stelle im wahrsten Sinne des Wortes "eine Zumutung" dar: "Es ist ein Film über das Leben von Männern, die keinen Platz mehr im Leben der Anderen haben." Darüber hinaus zeige er einen Lebensraum, der ganz selten im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit steht.

Zudem habe es Cöster geschafft, alle seine Protagonisten im Film zum Sprechen zu bringen.. Haberer wörtlich: "Und so entsteht eine poetische Filmerzählung von der Weisheit mitten im Abseits, von nüchterner Selbsterkenntnis, von Demut und Würde - und vom täglichen Kampf darum." Außergewöhnlich gut sei auch die Kameraführung mit ihrer regelrechten Detailverliebtheit - im Vergleich zu vielen anderen Dokumentarfilmen.

Themenpreis für Hörfunkbeitrag

Den Themenpreis erhielt die 37-jährige Hörfunkreporterin Katharina Hübel für ihre im "Notizbuch" auf Bayern 2 ausgestrahlte "Nah dran"-Reportage "Eltern ohne Rechte - Das extreme Leben als Pflegefamilie". Hübel, die beim Bayerischen Rundfunk volontiert hat, schildert in ihrem Feature das fragile Verhältnis zwischen Pflegekindern und -eltern - nach Ansicht der Jury "ein Thema, das viel Freud und Leid enthält und oft vergessen wird" - sozusagen "Elternschaft Hardcore".

Jury-Mitglied Till Krause sagte in seiner Laudatio, die Sendung sei deshalb so gut geworden, "weil sie den Spagat hinbekommt zwischen authentischen Einblicken und reflektiertem Einordnen". Katharina Hübel zeige auf, welche Sorgen Pflegeeltern haben, sie erkläre, was besser sein müsste, aber sie skandalisiere nicht: "Stattdessen zeigt sie etwas, bei dem sich Journalisten oft schwer tun: Gute Nachrichten." Zudem habe sie auch mit Pflegekindern gesprochen, die heute fast erwachsen sind und voll im Leben stehen. Und weil sie von ihren Pflegeeltern so viel Liebe bekommen haben, hätten sie beim Amt einen Antrag gestellt, dass sie anstelle ihres alten Nachnamens den Namen ihrer Pflegefamilie annehmen können. "Sie sind damit also dort angelangt, wo man es sich wünscht: Mitten in einer liebevollen Familie."

Nachwuchspreis für Pia Ratzesberger

Der Nachwuchspreis ging an die 27-jährige Journalistin Pia Ratzesberger für ihren in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Text "Lieber Gott, gib uns Platz", in dem sie die bedrückende Enge einer dreiköpfigen Familie schildert, die auf 25 Quadratmetern lebt. Laudatorin Marion Glück-Levi würdigte den Text als "sehr eindringlich und lebendig, genau beobachtend und empathisch". Die Autorin verstehe es "meisterlich, in knappen Sätzen ein ganzes Panorama zu skizzieren: die desolate Wohnungssituation in dieser reichen Stadt, oder auch, dass Wohnungsnot nicht gleich Wohnungsnot ist". Hinter dem sprachlich hervorragend geschriebene Stück stünden zudem profund recherchierte harte Fakten. Glück-Levi wörtlich: "Ohne Beschuldigung zeigt sie die fatalen Mechanismen eines aus den Fugen geratenen, weil nahezu gänzlich dem Markt überlassenen Wohnungsbaus." Themenpreis und Nachwuchspreis sind mit jeweils 3.000 Euro dotiert.

Für den Bayerischen Rundfunk sagte Hörfunkdirektor Martin Wagner, es sei gut, dass es gerade im reichen München auch Reporterinnen und Reporter gibt, die auch in nicht so gut situierten Stadtteilen unterwegs sind: "Gerade in München lässt sich sehr schön beobachten, wie groß die Kluft zwischen arm und reich in unserem Land inzwischen geworden ist." Auftrag der Medien - und insbesondere einer öffentlich-rechtlichen Anstalt - sei es, "hinzuschauen, genau und unvoreingenommen, den Menschen zuzuhören und sie ihre Geschichten erzählen zu lassen". Wer aus sozialen oder finanziellen Gründen ausgegrenzt sei, dürfe nicht auch noch medial ausgeblendet werden: "Wir müssen auch die dunklen Ecken der Gesellschaft ausleuchten; nicht in erster Linie, um anzuklagen, sondern um aufzuklären, also um Klarheit zu schaffen."

Günther Bauer, Vorstand Innere Mission, wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass das christliche Abendland angesichts von menschlichem Leid und Not immer auf Barmherzigkeit, Menschlichkeit, Gastfreundschaft und Vergebung gesetzt habe. Unverständlich sei deshalb, dass der neue bayerische Ministerpräsident jetzt gesetzliche Strenge postuliere: "Mit 'law and order' allein wird man weder in der Flüchtlingspolitik noch in der gesamten Sozial-, Pflege- und Arbeitsmarktpolitik erfolgreich sein." Für den Aufsichtsrat der Inneren Mission warnte Peter Gleue vor konjunkturellen Rückschlägen durch neue Handelsbeschränkungen und Zölle.

Diese könnten auch die wirtschaftliche Basis sozialer und pflegerischer Dienste schmälern. Insgesamt gingen bei der Inneren Mission dieses Jahr 64 Bewerbungen aus den Bereichen Hörfunk, Fernsehen und Print ein. Das Preisgeld in Höhe von 13.000 Euro stiften auch in diesem Jahr wieder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon, die Bruderhilfe - Pax - Familienfürsorge, der Versicherer im Raum der Kirchen, sowie die Evangelische Bank. Der Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission erinnert an den Gründer des kirchlichen Sozialunternehmens und wurde in diesem Jahr zum achtzehnten Mal vergeben. Ziel des Preises ist es, durch die Auszeichnung von Beiträgen, die sich in herausragender Weise mit diakonischen oder sozialen Themen befassen, den Stellenwert diakonischer Arbeit in der Öffentlichkeit zu fördern. Schirmherr des Preises war bis zu seinem Tod Bundespräsident a.D. Prof. Dr. Roman Herzog.

Klaus Honigschnabel

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