Innere Mission München

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Vertrauen first!

Was das Fortbildungsangebot der Hilfe im Alter so außergewöhnlich macht

Der Fachkräftemangel ist die große Sorge in der Altenpflege. Doch möglicherweise hat diese Krise auch ihre positiven Seiten – sofern man denn die richtigen Schlüsse aus ihr zieht. Möglich ist das. Bei der Hilfe im Alter hat das Ringen um die passenden Köpfe, Herzen und Hände in der Altenpflege eine durchaus bemerkenswerte Philosophie mitgeprägt, wie Siegfried Bader erzählt.

Bader ist Bildungsreferent bei der Evangelischen PflegeAkademie. Die nicht ganz alltägliche Fortbildungsstrategie für die Altenpflege beschreibt er so: „Im Kern von Trainings geht es darum, sich im Wesentlichen auf den Wert und die Kompetenzen der Teilnehmer zu konzentrieren.“ Denn das fehle leider oft: „Um wirklich Verbesserungen und Qualität zu erreichen, muss man erstmal den Fähigkeiten der Menschen vertrauen.“ Das bedeutet natürlich, Fortbildung auf Augenhöhe. Aus diesem Grunde hat der Bereich Personalentwicklung der Evangelischen PflegeAkademie seinen Ansatz in einem knackigen Slogan zusammengefasst: „Vertrauen in Ihre Kompetenz.“

Erst vertrauen, dann fortbilden? Was gewagt erscheinen mag, hat laut Bader mehrere positive Effekte. Zum einen auf den Alltag in der Pflege. Denn nur mit dem Pauken von Fachkompetenz und Qualitätskontrollen komme man nicht weiter, meint der Bildungsreferent: „Wir haben mitbekommen, dass in einigen Einrichtungen kontrolliert und nochmals kontrolliert wird – aber dass es dadurch nicht zwangsläufig besser wird“. Stattdessen setzt die PflegeAkademie auf Persönlichkeitsbildung und Stärkung der Sozialkompetenz, zum Beispiel durch Angebote wie Coachings vor Ort.

Zugleich sei es erklärtes Ziel, über wertschätzende Weiterbildung, Mitarbeitende auch bei der Hilfe im Alter zu halten. „Persönliche Bildung ist wichtig, damit Menschen fähig sind, im Beruf zu bleiben, aber auch, um ihnen eine Karriere zu bieten“, sagt Bader. Aus seiner Sicht ist die Hilfe im Alter mit diesem Konzept auf einem guten Weg in die Zukunft – auch, was die kommenden Umbrüche in der Altenpflege angeht. Denn seiner Einschätzung nach müssen Fachkräfte künftig sowohl vermehrt administrative Vorgänge steuern als auch strategische Aufgaben übernehmen. Eben dafür seien persönliche Kompetenzen, wie etwa in Sachen Kommunikation, von Nutzen.

Auf Basis ihrer Strategie hat die PflegeAkademie auch eine Art Leuchtturmprojekt auf die Beine gestellt: Zusammen mit dem Evangelischen Pflegezentrum Sendling hat das Team 2016 unter dem Titel „Stärken stärken“ ein spezielles Programm erarbeitet. Gefördert wurde es vom Sozialreferat der Stadt München. Florian Walter, Leiter des Pflegezentrums Sendling, schwärmt von dem Programm. „Supervisionen und den kritischen Blick zurück gibt’s schon länger“, sagt er. „Unser Ansatz war, einen konstruktiven Blick nach vorne zu werfen und zu sehen, was uns stark macht“, berichtet er. Etwa mit Teamkompetenz- oder Kommunikationstraining – und das teils interdisziplinär, also quer durch die Berufsgruppen.

„Das hat einen enormen Qualitätsschub für das Haus gebracht“, berichtet Walter. „Die Mitarbeiter haben angefangen, das große Ganze zu sehen, und mehr Verständnis für andere Arbeitsbereiche zu bekommen.“ Er will das Programm deshalb auch fortführen. Die Ergebnisse wurden auch an die Stadt München zurückgemeldet. Durchaus denkbar, dass die Idee zum Vorbild für andere Heimträger wird.

Die Fortbildungen mit ihrer eigenen Philosophie kommen gut an. „Wer einmal hier war, kommt wieder und macht Werbung für uns“, sagt Bader. Einige Träger hätten sogar Pauschalverträge abgeschlossen, um beliebig viele Mitarbeitende zu den Fortbildungen schicken zu können. Insgesamt 4.300 Seminartage verzeichne man im Jahr, weiß Bader. Eine stolze Zahl.

Einen anderen verbreiteten Glauben sieht Bader eher kritisch: Jenen, dass Roboter künftig eine allzu zentrale Rolle in der Altenpflege spielen werden. „Die Digitalisierung wird vor der Pflege nicht Halt machen“, sagt er. „Aber in Kontakt sein wird weiter auf der menschlichen Ebene stattfinden.“ Letztlich sei Pflege Beziehung zwischen Menschen – nur auf diesem Wege gebe es „Orientierung und Heilung“. Auch das: Ein wichtiger Teil der Philosophie bei der Hilfe im Alter.

Florian Naumann

Wertschätzung, interdisziplinäre Trainings und Kommunikation – darauf legt das Fortbildungs-Team besonderen Wert. Foto: Michaela Handrek-Rehle
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