Innere Mission München

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Von Mogadischu nach München

"Erfahrungen, die einem weiterhelfen"

Drei Jahre dauerte seine Odyssee von Mogadischu in Somalia bis zur Ankunft in München: Als 13- Jähriger machte sich Mohamed Ahmed Ali auf die Flucht.

In Afrika durchquerte er Äthiopien, den Sudan und die Sahara. Von Libyen brachten ihn Schleuser mit einem Boot übers Mittelmeer nach Italien. Als Fluchtgrund nennt er eine lebensbedrohliche Situation. Mehr will er dazu nicht sagen. Das bringt er höflich, aber bestimmt zum Ausdruck.

Ali will etwas zurückgeben

Dass ihn sein Weg ausgerechnet nach Deutschland führte, bezeichnet Ali als Zufall. Als sich der 13-Jährige 2007 mit unbekanntem Ziel auf den Weg machte, konnte er sich das nicht vorstellen. Noch weniger, hier eine Ausbildung zum Sozialbetreuer und Pflegehelfer zu absolvieren und danach bei der Inneren Mission in München eine Anstellung zu finden.

Seit Juni hilft der 26-Jährige als Assistenzkraft von Sozialpädagogen anderen Flüchtlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Dies tun zu dürfen, mache ihn glücklich, stellt Ali zufrieden mit einem Lächeln fest: "Ich kann nun etwas von dem zurückgeben, was ich in den vergangenen Jahren bekommen habe." Ali weiß, dass er Glück hatte – und den richtigen Menschen begegnete.

Zu diesen Menschen gehörten die Sozialarbeiter der Inneren Mission. Unmittelbar nach seiner Ankunft in München beeindruckten diese den Jugendlichen mit ihrer Bereitschaft, ihm und "anderen bedingungslos zu helfen". Seither ist die Innere Mission so etwas wie ein Anker in seinem Leben geworden. Wegen der Vorbilder, denen er dort und auch anderswo begegnete, beschloss er, selbst mit Menschen zu arbeiten. Er will helfen. Diese Menschen müssen nicht unbedingt Flüchtlinge sein. Ali kann sich vorstellen, auch einmal in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim tätig zu sein.

Somali, Arabisch, Englisch, Deutsch

Er bewarb sich um eine Stelle in der Erstaufnahmeeinrichtung Am Moosfeld. "Ich weiß, wie es für mich war, als ich ganz neu hier ankam. Da braucht man Hilfe", begründet er seine Entscheidung. Nun unterstützt er Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. Dabei geht es um Alltägliches wie die Begleitung bei Behördengängen oder Arztbesuchen. Da er neben seiner Muttersprache Somali auch Arabisch, Englisch und vor allem sehr gut Deutsch spricht, dolmetscht er zudem.

In Mogadischu und in den Jahren als meist obdachloser Flüchtling erlebte er immer wieder mit, wie Menschen Schutzlose erniedrigten und ihnen Gewalt antaten. Mehrmals musste er mitansehen, wie Menschen erschossen wurden. Aber er erfuhr auch viel Positives, also Menschen, die Flüchtlingen wie ihm hilfsbereit und vorbehaltlos begegneten. Das motivierte ihn.

Traumatische Erlebnisse

Als er von seinem schlimmsten Erlebnis spricht, ist ihm anzumerken, wie belastend es noch immer für ihn ist. Er berichtet von der Vergewaltigung einer Gruppe von Frauen, die er mitansehen musste, ohne helfen zu können. Das geschah, als er in Begleitung der Frauen die Sahara durchquerte. Schwer bewaffnete Rebellen stoppten die Flüchtlinge. Zuerst forderten sie Geld, dann vergingen sie sich an den wehrlosen Frauen.

Ali spricht selbst an, dass man an solchen traumatischen Erlebnissen zerbrechen kann. Er sagt aber auch: "Man macht auf der Flucht auch Erfahrungen, die einem im Leben weiterhelfen." Wer wie er mit unterschiedlichen Kulturen und Menschen konfrontiert ist, muss lernen, "dass die Menschen nicht so sind, wie du bist".

Was dem einen gefalle, störe den anderen. Sei man aber bereit, Kompromisse einzugehen, lasse sich immer ein Weg finden. Er selbst besitze die Fähigkeit, sich an neue Situationen anzupassen. Schließlich könne man von allen Kulturen etwas lernen. In seiner Freizeit interessiert er sich für Geschichte. Zurzeit beschäftigt er sich mit den Wikingern.

Heimweh nach Somalia

Seine positive Lebenseinstellung will er anderen Geflüchteten in der Erstaufnahme vermitteln. Worum es geht, erläutert der Mittzwanziger anhand von Beispielen. So sei es in Somalia ein Zeichen von Respektlosigkeit, dem Gegenüber beim Reden direkt in die Augen zu schauen. In Deutschland ist es dagegen respektlos, dies nicht zu tun. Solche Angewohnheiten lassen sich nicht einfach ablegen, das erfordere einen langen Lernprozess und Aufmerksamkeit.

Will in Deutschland jemand etwas von einem anderen, fragt er ihn direkt, ohne Umschweife. Wo er herkommt, umschreibe man jedoch umständlich, worum es geht. Den Somalier stört es nicht, wenn jemand über seine Herkunft spricht. "Ich bin Schwarzer, Flüchtling, stamme aus Afrika." Spreche das jemand an, sind das für ihn keine Beleidigungen, sondern Tatsachen. "Man ist, was man ist", sagt er.

Das Eigene bewahren und sich gleichzeitig an die Gegebenheiten des Ortes anpassen, an dem man lebt: So umschreibt Ali seinen Weg der Integration. Dass er Heimweh hat, leugnet er nicht. In solchen Momenten hilft es ihm, noch Kontakt zu seiner Familie zu haben. Eine Rückkehr schließt er zurzeit zwar kategorisch aus, aber nicht für immer: "Das geht erst, wenn sich die Verhältnisse in Somalia grundlegend ändern", erklärt er.

Gerhard Eisenkolb

Mohamed Ahmed Ali
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