Innere Mission München

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19. Januar 2019

Von Verspätung genervt gestrickt - Schal supergut vertickt

Die Münchner Bahnhofsmission freut sich über die Spende von 7.550 Euro für ihre Arbeit

Die Mutter hat ihn gestrickt, die Tochter hat ihn vertickt, die Bahnhofsmission ist verzückt. Auf diese Kurzformel lässt sich die Geschichte des "Bahn-Verspätungsschals" bringen, den eine 55-jährige Moosburgerin während des vergangenen Jahres gestrickt hat - und der bei einer Versteigerung im Internet jetzt 7.550 Euro erbrachte.

Der Erlös kommt der Arbeit der Münchner Bahnhofsmission zugute, hat Claudia Weber angekündigt, "weil sich die so toll um Gestrandete und Hilfesuchende kümmert". Übrigens in voller Höhe, weil auch das Versteigerungsportal auf die sonst üblichen Gebühren verzichtet hat.

Claudia Weber pendelt seit mehr als 25 Jahren mit dem Regionalzug von Moosburg nach Moosach im Münchner Norden. Laut Fahrplan soll das pro Fahrt 40 Minuten dauern. Tut es aber nicht. Und da kam die Sachbearbeiterin, die auch eine begeisterte Strickerin ist, auf die Idee mit dem Verspätungsschal. Jeden Tag zwei Reihen, immer abends auf dem Sofa: Graue Wolle für Verspätungen unter fünf Minuten, rosa bei fünf bis 30 Minuten und rot bei Verspätung auf beiden Fahrten oder einmal über 30 Minuten. Im Sommer war sie aufgrund von Bauarbeiten teilweise vier bis fünf Stunden unterwegs.

Herausgekommen ist bei dieser kreativen Tätigkeit eine anderthalb Meter lange Statistik der DB-Unpünktlichkeit, die man sich um den Hals wickeln kann, wenn man frierend am Bahnsteig steht, weil der Zug mal wieder auf sich warten lässt. Nur rund 74 Prozent aller Züge waren im vergangenen Jahr pünktlich - das sagt selbst die eigene Statistik der Bahn; in diesem Jahr will man sich auf etwas mehr als 75 Prozent steigern. In Japan würden Bahnverantwortliche bei ähnlichen Werten wohl an Harakiri denken.

Doch der Schal ist nicht nur ein Hingucker - er wurde binnen kurzem auch im Internet ein Hit. Claudia Webers Tochter Sara postete die Versteigerung auf Twitter und die Zahlen gingen durch die Decke: 4.500 Mal wurde der Post geteilt, mehr als 16.000 Mal geteilt. Auch medial ging die Post ab: In den "Tagesthemen" war er zu sehen, der englische Guardian schrieb einen Artikel über "The German train-delay scarf" und selbst das argentinische Frühstücksfernsehen berichtete. Am Ende stand dann das Ergebnis fest: 7.550 Euro für einen guten Zweck. Claudia Weber war sprachlos und hat sich einfach nur "sehr gefreut".

Heute kam dann ihre Tochter mit dem Schal bei der Münchner Bahnhofsmission an Gleis 11 für ein Foto vorbei, bevor das gute Stück nächste Woche an den neuen Besitzer geht. Barbara Thoma (im Foto rechts), Leiterin der Evangelischen Bahnhofsmission, ist sehr erfreut über die Spende, mit der die Einrichtung ihre bislang langsame Datenleitung auf Glasfaser umstellen will. Die Beraterinnen seien viel im Internet unterwegs, um sich oder den Klienten Informationen zu beschaffen, Reisedaten abzurufen, Tickets zu buchen und auszudrucken: "Leider haben wir noch eine alte Leitung, was uns sehr blockiert; manchmal braucht es lange Zeit, um die Seiten aufzubauen."

Zudem soll es im Aufenthaltsraum künftig WLAN geben. "Dann können auch unsere Gäste selber Informationen von Behörden abrufen, sich Wegbeschreibungen holen oder den Kontakt zu ihren Angehörigen suchen." Vom Rest des Geldes würden dann Babynahrung, Hygieneartikel sowie Lebensmittel für die Hilfebedürftigen angeschafft, ergänzt Bettina Spahn (links im Bild), Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission. Auch sie freut sich, "dass wir durch die Verspätung der Bahn jetzt digital endlich schneller werden können".

Die Bahnhofsmission ist so etwas wie der soziale Seismograph der Großstadt: 2018 gab es in den Räumen an Gleis 11 rund 112.000 Besuche, im Schnitt entstanden daraus 77 Beratungen pro Tag. "Das ist eine Steigerung von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr und spiegelt die soziale Situation in München wider." Die ökumenisch arbeitende Einrichtung hat an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geöffnet und dient als Anlaufstation, wenn alle Behörden und sozialen Einrichtungen geschlossen haben.

Die Bahn nimmt den ganzen Hype um den Schal übrigens mit Humor - "eine bezaubernde Idee" - und würde Frau Weber sogar gerne mehr Wolle spendieren, wie ein Bahnsprecher betont. Natürlich am liebsten nur graue für ihre Strick-Statistik in 2019, die sie bereits begonnen hat. Das dicke rote Feld im Sommer 2018 will der Sprecher aber nicht gelten lassen: Das sei dem Schienenersatzverkehr geschuldet, der nötig war, weil im Zuge der Flughafenanbindung 60 Kilometer Schienen ausgetauscht werden und zwei Bahnhöfe barrierefrei umgebaut werden mussten.

Interesse an dem Schal hat unter anderem das Bahnmuseum in Nürnberg bekundet und das Verkehrsmuseum in Leipzig. Ersteigert hat den Schal übrigens auch jemand von der Bahn: Das Team um Managing Director Manuel Gerres von Digital Ventures, einer DB-Tochter, die mit Risikokapital Startups und neue digitale Geschäftsmodelle unterstützt. Somit ziert das gute Stück aus Moosburg demnächst sogar die Konzernzentrale in Berlin. Als dezente Mahnung, was man noch alles tun könnte, um endlich zufriedene Kunden zu haben...

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