Innere Mission München

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Wenn Ärger aus dem Briefkasten quillt…

Das Projekt „Postpaten“ der Offenen Altenhilfe hilft Senioren

Wer kennt das nicht: Ein Brief mit einer Rechnung bleibt mal länger unerledigt liegen – und schon steht einem Ärger ins Haus. Die Mahngebühr ist da noch das geringste Übel; manchmal kriegt man auch Besuch vom Gerichtsvollzieher. Bei älteren Menschen, die – meist allein – noch daheim leben, kann die tägliche Postflut schon eine regelrechte Angst vor dem Briefkasten auslösen.

Denn im Alter kann man oft noch schlechter voneinander unterscheiden, was wichtig ist und was nicht: Benachrichtigungen über angebliche Gewinne bei dubiosen Spielen – die sich dann als teure Bauernfängerei herausstellen – dazu irreführende Angebote für Nahrungsergänzungsmittel sind oft vermischt mit wichtigen Briefen über seriöse Unterstützungsangebote oder Fragebögen, die fristgerecht ausgefüllt werden müssen. Wird da was übersehen, ist Ärger programmiert.

Diesem Zustand wollen jetzt die sechs Münchner Wohlfahrtsverbände und die von ihnen betriebenen Beratungsstellen für ältere Menschen und Angehörige den Garaus machen: Unterstützt von der Landeshauptstadt soll dabei  das Konzept der „Postpaten“ beitragen, ein neues Hilfeangebot und zugleich ein Betätigungsfeld für Ehrenamtliche. Wer als Postpate aktiv sein will, muss zuerst einen Kurs absolvieren, der über Aufgabe – und deren Grenzen – informiert, wie Angela Danquah berichtet, die bei der Beratungsstelle für ältere Menschen der Hilfe im Alter das Projekt betreut.

Immer wieder tauchen in der Beratungsstelle solche Fälle auf, berichtet die Diplompädagogin: „Wenn da jemand nach einem längeren Krankenhausaufenthalt oder nach der Reha wiederkommt und der Briefkasten überquillt, sind manche schlicht verzweifelt.“ Hier greifen dann künftig die Postpaten ein; sie öffnen, sichten und sortieren die Post, lesen Briefe vor – und schmeißen Unwichtiges weg. Manchmal seien das mehrere Plastiktüten, die sich angehäuft haben, weiß Danquah. „Das dauert dann ewig, bis so ein Wust geordnet ist.“

Fünf Module á drei Stunden muss man absolvieren, bis man an die Post von anderen Menschen ran darf; soeben hat der erste Abend begonnen. Vorreiter war das von den Paritätern gestartete Pilotprojekt im Münchner Norden, das jetzt auf Wunsch des Sozialreferats auf ganz München ausgedehnt wird. Das Münchner Bildungswerk übernimmt die Schulungen, an der derzeit 19 Ehrenamtliche – bis auf drei Männer alles Frauen – teilnehmen.

Eingesetzt werden dürfen sie erst, wenn sie den Kurs absolviert haben und eine Vereinbarung über Verschwiegenheit und Datenschutz unterschrieben haben. Schließlich geht es ja um hochsensible persönliche Daten – und oft auch um Finanzdinge. Beim ersten Besuch begleitet zudem jemand von der Beratungsstelle die Postpaten und stellt so sicher, dass das Vertrauen zwischen den Paten und ihren Schützlingen wächst.

Je tiefer man einsteige, desto mehr Ungerechtigkeiten erlebe man, hat Danquah beobachtet. Bei einer ihrer Klientinnen hatte die Lebensversicherung die Zahlung bereits seit längerer Zeit eingestellt, weil sie annahm, die Dame sei verstorben – weil sie den entsprechenden Fragebogen nicht zurückgeschickt hatte. Manche – beispielweise unseriöse Spendensammler – rechneten mit dem Unwissen der Senioren. Und andere Anträge – etwa für das neue Landespflegegeld – seien gar nicht bekannt. Geld abheben oder Anträge ausfüllen dürfen die Postpaten übrigens nicht: Das müssen nach wie vor die Fachleute in den Beratungsstellen machen. Das Zusammenstellen der Unterlagen für Anträge durch die Postpaten stellt eine enorme Arbeitserleichterung für die Mitarbeiterinnen dar.

Für die Arbeit braucht man Begeisterung, muss Spaß haben, Sachen zu ordnen und Freude, anderen Menschen zu helfen. Denn ein Honorar bekommen die Postpaten nicht; lediglich ihre Auslagen werden ersetzt. Etwa, wenn sie einen Ordner kaufen müssen, einen Locher oder einen Heftapparat, aber auch Fahrtkosten.

Angela Danquah ist derzeit auf der Suche nach weiteren Paten, die dann im Münchner Westen im Einsatz sind. Laut Statistik leben 46 Prozent der über 80-Jährigen Münchner in einem Einpersonenhaushalt, haben also niemanden, der ihnen unterstützend zur Seite stehen könnte. „Unser Angebot ist gut – aber so neu, dass wir das jetzt bei den älteren Menschen bekannt machen müssen.“ Vermutlich nicht mit einem Brief, sondern am besten über persönliche Empfehlung.

Klaus Honigschnabel

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