Innere Mission München

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Wenn Fürsorge zur Belastung wird

Pflegende Angehörige

Mit der Diagnose kam die Angst. Plötzlich fand sich Monika K. in einem Schwebezustand wieder. Sie wusste nicht, was auf sie zukam: "Ich dachte, dass ich nie wieder lachen könnte."

Die Diagnose traf nicht sie, sondern ihren Mann, einen ehemaligen Ingenieur: Frontotemporale Demenz. Mit einem Mal war alles anders. "Ich habe viel gelesen und die wildesten Sachen erfahren. Das hat mich krankgemacht", sagt Monika K. zurückblickend.

60 Prozent fühlen sich total überlastet

Damit ist sie nicht allein. "60 Prozent der Angehörigen, die Demenzkranke pflegen, fühlen sich total überlastet", sagt Angela Danquah und bezieht sich dabei auf eine Studie der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2018. Insgesamt würden 20 Prozent der pflegenden Angehörigen unter einer Depression leiden.

Danquah ist Diplom-Pädagogin und systemische Familientherapeutin. Für die Hilfe im Alter berät und begleitet sie Angehörige wie Monika K., die ihre an Demenz erkrankten Familienmitglieder zu Hause pflegen. Sie unterstützt sie im Dschungel von Gesetzen, Anträgen und Leistungen, beantwortet Fragen, hört oft einfach nur zu.

"Frau Danquah hat mir sehr mit dem ganzen Behördenwirrwarr geholfen. Das ist für alle Angehörigen ganz, ganz wichtig, weil das neben der Pflege sehr belastend ist", betont Monika K.

Die meisten pflegenden Angehörigen sind Frauen

Die meisten dieser pflegenden Angehörigen sind Frauen, etwa 75 Prozent, schätzt Danquah. "Die kümmern sich erstmal vielleicht um die Kinder, dann um die Eltern oder Schwiegereltern, dann um den Ehepartner. Das ist eine Lebenslinie von Fürsorge, Fürsorge und noch mal Fürsorge. Und am Ende bekommen sie selbst keine oder ganz wenig Rente." Die Empörung ist der Beraterin anzumerken. Sie fordert mehr staatliches Geld für die Pflege, um Angehörige wie Monika K. zu entlasten und finanzielle Nachteile durch die Pflege aufzufangen.

Monika K. ist nach der Diagnose in ein tiefes Loch gefallen. Ihre Nachbarin hat ihr dann die Beratung von Angela Danquah empfohlen. Ihr Mann sei noch nicht so schlimm erkrankt gewesen, aber Angela Danquah habe ihr früh klargemacht: "Sie müssen sich Hilfe holen, sonst können Sie nicht mehr für Ihren Mann da sein, weil Sie eher weggehen als er."

Dass pflegende Angehörige sich völlig auspowern und vor den Pflegebedürftigen sterben, hat Angela Danquah in ihrer Beratungspraxis schon öfter miterlebt. Hilfe anzunehmen, sei eben wahnsinnig schwierig. Das schlechte Gewissen, nicht genug getan zu haben oder auch schon einmal wütend geworden zu sein, ist für viele pflegende Angehörige ein ständiger Begleiter.

Pflegende kurz vorm Burn-out

"Vielleicht hat man dem Partner oder der Mutter mal versprochen, sie nicht ins Heim zu geben", meint die Diplom-Pädagogin. Viele ihrer Klientinnen kommen darum sehr spät zu ihr, stehen oft kurz vor einem Burn-out. Jeder Fall, jede Familie sei individuell, betont Danquah. Eine Patentlösung gebe es nicht. Demenzkranke leben in ihrer eigenen Welt, verlieren den Bezug zum Hier und Jetzt. Wenn Angehörige mit ihnen in Kontakt bleiben wollen, müssen sie sich darauf einlassen.

Monika K. hatte große Angst davor, dass ihr Mann weglaufen könnte. Ein paar Mal hat er das auch gemacht. "Das allergrößte Problem war, dass ich nie Ruhe hatte." Oft habe ihr Mann sie nachts geweckt, weil er mit ihr tanzen wollte. "Dann habe ich mit ihm eine Runde getanzt und habe ihn wieder ins Bett gebracht", erinnert sie sich. Bewundernswert findet sie das nicht. "Das war Selbstschutz", sagt sie heute.

"Wissen Sie, wie peinlich das ist?"

Damals hat sie sich geschämt, wenn er im Biergarten das Bier fremder Leute leer trank oder die Tischnachbarin in der Kur fragte, ob sie eine Perücke trage. Inzwischen kann sie darüber auch lachen, aber die Anspannung aus dieser Zeit ist ihr in Erinnerung geblieben. "Wissen Sie, wie peinlich das ist, wenn Sie den Leuten in die Augen schauen?" Gerade deshalb rät sie Menschen in einer ähnlichen Situation, offen mit der Erkrankung der Familienmitglieder umzugehen.

Und noch etwas war ihr bei der Bewältigung der Situation wichtig: die Gruppe für pflegende Angehörige, die Angela Danquah leitet. "Wir tragen nichts nach außen", sagt Danquah. Aufgrund dieses Vertrauens könne man wirklich seine Probleme besprechen. "Und wenn man nur sagen kann: Der hat mich total genervt", für viele sei das schon der erste Schritt, dass es ihnen selbst besser geht.

Eine weitere Erleichterung für Monika K. war die Betreuung ihres Mannes in einer Tagespflegeeinrichtung für Demenzkranke. Endlich konnte sie ein wenig aufatmen, hatte mehr Zeit für sich.

Den Tag nehmen, wie er kommt

Wenn man Monika K. zuhört, spürt man ihre Dankbarkeit für die Menschen, die sie begleitet haben, manchmal auch für das Schicksal. Ihr Mann sei nie aggressiv geworden, was man ihr anfangs wegen der Diagnose Frontotemporale Demenz vorhergesagt habe. Im September 2017 ist er verstorben – nach 49 Jahren Ehe. Es sei eine gute Ehe gewesen, sagt Monika K.

Sie hat gelernt, den Tag zu nehmen, wie er kommt. Und das Lachen – das merkt man im Gespräch mit ihr und Angela Danquah – hat sie auch nicht verlernt.

Christine Richter

Monika K. und Angela Danquah (von links)
Angela Danquah (r.) hilft pflegenden Angehörigen wie Monika K. (l.). Foto: Erol Gurian
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