Innere Mission München

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"Wer wissen nie, wer als nächstes zu uns kommt"

Die Münchner Bahnhofsmission hat zwei neue Ehrenamtskoordinatorinnen

Sie ist mehr als 100 Jahre alt, liegt etwas versteckt an Gleis 11 des Hauptbahnhofs - und ist rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr offen: die Münchner Bahnhofsmission. "Wir wissen nie, wer als nächstes mit welchem Anliegen zu uns kommt", sagt Laura Schurkus. Denn: In die Bahnhofsmission kann jeder kommen, der Hilfe braucht. Möglich machen das - neben 19 hauptamtlichen Mitarbeitenden - auch mehr als 200 Ehrenamtliche.

Sie schenken Tee aus, helfen beim Umsteigen, begleiten allein reisende Kinder oder sind einfach mal für ein Gespräch da. Weil Ehrenamtliche ein so wichtiger Pfeiler für die Arbeit der Bahnhofsmission sind, gibt es seit Mitte Januar in der ökumenischen Einrichtung eine Stelle für die Ehrenamtskoordination: Laura Schurkus von der Evangelischen Bahnhofsmission und Julia Ermili von der Katholischen Bahnhofsmission teilen sie sich.

"Mit der neuen Stelle können wir die vorhandenen Strukturen für die Ehrenamtlichen ausbauen und professionalisieren", sagt Barbara Thoma, Leiterin der Evangelischen Bahnhofsmission. Für die beiden Koordinatorinnen ist die Einrichtung an Gleis 11 kein ganz neuer Einsatzort: Laura Schurkus (23) hat dort Bundesfreiwilligendienst gemacht und während ihres Studiums der Sozialen Arbeit gejobbt. 

Sozialpädagogin Julia Ermili (36) hat fast zehn Jahre lang in der Bahnhofsmission gearbeitet und kehrt nach einen Zwischenstopp bei einem anderen Träger wieder zurück. Weil die Arbeit der Ehrenamtlichen herausfordernd und manchmal unerwartet ist, unterstützen Ermili und Schurkus diese mit einem engmaschigen Einführungsprogramm und vielen weiteren Veranstaltungen.

Neue Ehrenamtliche können sich - nach einem Kennenlerngespräch und einem Schnupperdienst - in einer gut dreimonatigen Einarbeitungszeit ein genaueres Bild machen: Fünf Dienste stehen auf dem Programm - mit enger Begleitung durch Kollegen. In drei Einführungstreffen gibt es neben einem Bahnhofsrundgang mehr Infos über die Abläufe in der Bahnhofsmission, die Umsteigehilfen sowie über das Leitbild und die Kooperationseinrichtungen. Und auch diejenigen, die schon länger dabei sind, bekommen regelmäßig Unterstützung - und sind fest in die Abläufe integriert: "Wir möchten die Ehrenamtlichen davor schützen, dass sie sich nicht mehr zumuten als ihnen gut tut", erklärt Julia Ermili.

Einmal im Montag tauschen sich Haupt- und Ehrenamtliche beim sogenannten Gleis 11-Plenum aus; oft kommen Referenten zu Themen wie Krisenintervention dazu. Außerdem stehen Besuche von Kooperationseinrichtungen auf dem Programm. Dazu gibt es externe und interne Schulungen, zum Beispiel ein Rolli- Training und einen Polizeikurs für Zivilcourage. Wichtig dabei: Haupt und Ehrenamtliche arbeiten sehr eng zusammen und begegnen sich auf Augenhöhe. Deshalb sind zum Betriebsausflug und zur Adventsfeier alle eingeladen. Die Atmosphäre und der Zusammenhalt im Team seien so schön - dieses Feedback kommt oft von den Ehrenamtlichen. Diese sind zwischen 18 und 80 Jahre alt und aus mehr als 15 Nationen. Schüler und Studenten sind unter ihnen, Rentner, Vollzeitberufstätige und auch Flüchtlinge im Anerkennungsverfahren.

Manche Ehrenamtliche arbeiten schon seit 35 Jahren in der Bahnhofsmission, andere haben gerade erst während ihres Studiums angeheuert: "Da kommen frischer Wind mit sehr viel Erfahrung zusammen, da kann man wirklich viel lernen", sagt Laura Schurkus. Da die Bahnhofsmission 24 Stunden am Tag offen hat, finde jeder seine geeignete Einsatzzeit. Und auch die passende Aufgabe. Rund 140 Ehrenamtliche sind direkt in der Bahnhofsmission aktiv: Sie schmieren zum Bespiel Brote oder geben Kleiderspenden aus. Wer mehr Verantwortung tragen möchte, kann sich fürs Büro einarbeiten lassen, leichte Beratungstätigkeiten oder Nachtschichten übernehmen. Dazu kommen 60 Telefondolmetscher, die die Mitarbeitenden bei Beratungen anrufen können, wenn es Sprachprobleme gibt. Rund 20 Ehrenamtliche begleiten im "Kids in tour"-Projekt außerdem freitags und sonntags allein reisende Kinder im Zug auf den Strecken nach Berlin oder Köln.

Als Ehrenamtlicher erfahre man viel Dankbarkeit, hat Julia Ermili festgestellt. "Und man sieht einen Ausschnitt der Gesellschaft, den man sonst nicht sehen würde." Wohnungslose, die sich aufwärmen wollen und Hunger haben, kommen in die Bahnhofsmission, ältere Menschen, deren Rente nicht reicht, Frauen, die sich gerade von ihrem gewalttätigen Partner getrennt haben, Menschen, die Hilfe beim Umsteigen brauchen, oder auch manchmal Betrunkene, die in Flip-Flops auf der Wiesn waren und ein Pflaster brauchen. Offenheit und Toleranz, das seien die Grundvoraussetzungen für ein Ehrenamt bei der Bahnhofsmission, da sind sich Laura Schurkus und Julia Ermili einig. Denn keiner weiß, wer mit welchem Anliegen als nächstes durch die Tür der Bahnhofsmission kommt.

Die Bahnhofsmission ist immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen, unter anderem für das "Kids on tour"- Programm und Nachtdienste. Sprachkenntnisse in Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Arabisch, osteuropäischen und afrikanischen Sprachen sind willkommen. Beim Tag der Offenen Tür am 27. April können Interessenten die Arbeit der Bahnhofsmission näher kennenlernen. Weitere Infos unter: www.bahnhofsmission-muenchen.de

Isabel Hartmann

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