Innere Mission München

  • A
  • A
  • A

"Wichtig war, dass ich die Tür hinter mir zusperren konnte"

Das Hilfswerk macht Obdachlose fit für die eigene Wohnung

Robert K. ist 64. Viele Jahre seines Lebens verbrachte er auf der Straße und schlief im Freien – auch im Winter. „Das geht, wenn man einen guten Schlafsack hat“, sagt er. Und er hatte einen ruhigen, trockenen Schlafplatz gefunden, im Vorbau einer kleinen Kapelle in München-Haidhausen. Er durfte bleiben, weil er still war und keinen Dreck hinterließ.

Dort hat ihn Felicitas Sailer vom Evangelischen Hilfswerk (EHW) eines Tages aufgespürt. Die 27-jährige Streetworkerin war damals noch als Aushilfe beschäftigt. Er war aber nicht dazu zu bewegen, Hilfe anzunehmen. "Wir haben dann einen Deal gemacht", sagt Felicitas Sailer: "Wenn ich nach dem Studium fest beim EHW arbeite, kommt Robert K. zu mir in die Beratung."

Als Felicitas Sailer ihr Studium erfolgreich beendet hatte, machte Robert K. sein Versprechen wahr. Fast täglich erschien er in der Teestube "komm" – dem Tagestreff und der Beratungsstelle des EHW für Obdachlose. Mittlerweile ist er Teilnehmer am Kompetenztraining Wohnen (KTW).

Kompetenztraining Wohnen mit hoher Erfolgsquote

Das KTW ist ein Angebot der Teestube, eine Art Probewohnen mit sozialpädago gischer Betreuung: Das EHW arbeitet hier eng mit der Stadt München und den beiden städtischen Wohnungsbaugesellschaften GWG und GEWOFAG zusammen, die Wohnungen zur Verfügung stellen. Die Vereinbarung sieht vor, dass das EHW 18 Wohnungen anmietet und für ein Jahr an Obdachlose untervermietet. Nach diesem Zeitraum, der um ein halbes Jahr verlängert werden kann, sollen die Betroffenen die Wohnung als Hauptmieter übernehmen. In den allermeisten Fällen gelingt das auch, sagt Kristin Lerch von der Teestube "komm": "Die Erfolgsquote ist ziemlich hoch. Nur wenige mussten wieder ausziehen."

Mit Hilfe des KTW hat Robert K. nach langer Obdachlosigkeit wieder eine Bleibe. Vor einem Jahr ist er eingezogen. Er braucht noch ein bisschen, bis er alleine zurechtkommt. Deshalb hat das EHW beim Sozialreferat als Kostenträger der Maßnahme sechs zusätzliche Monate beantragt – mit Erfolg. "Nach dieser Zeit werde ich so weit sein, dass ich den Mietvertrag übernehmen kann. Davon bin ich überzeugt", sagt er. Knapp 40 Quadratmeter zählt sein "kleines Reich": eine geräumige Wohnküche, Schlafzimmer und Bad.

"Als ich hier eingezogen bin, hatte ich noch gar nichts. Ich habe im Schlafsack auf dem Boden genächtig", erzählt Robert K. "Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich das Geld für die Wohnungserstausstattung vom Jobcenter bekommen habe. Davon habe ich mir erst einmal ein Bett gekauft." Robert K. bezog damals noch Hartz IV. Inzwischen erhält er Grund sicherung, weil er nach zwei Herzinfarkten nicht mehr arbeiten kann.

Nach einer Haftstrafe obdachlos

"Wichtig war, dass ich meine eigenen vier Wände hatte, die Tür hinter mir zusperren konnte." Nach vielen Jahren der Unsicherheit auf der Straße war das ein völlig neues Gefühl.
Nach einer Haftstrafe wegen Drogenhandels kam Robert K. 1980 mit Rucksack, Schlafsack und ein paar Mark Entlassungsgeld nach München. In der Fußgängerzone bekam er Kontakt mit Obdachlosen: "Es gab verschiedene Gruppen: die Alkoholiker am Stachusbrunnen, die Musiker vor dem Kaufhaus Hettlage und dann noch eine Gruppe am Marienplatz. Ich war bei den Musikern. Alkohol war nie mein Ding."

Robert K. schlief immer im Freien, auch im Winter. "Mit anderen zusammen in einem Fünf-Bett-Zimmer in einer Pension, das kam für mich nicht in Frage."

14 Jahre lebte er auf der Straße. Dann lernte er bei einem Job im Schlachthof einen Mann kennen, der alleine in einer großen Wohnung in Haidhausen lebte. Die beiden verstanden sich gut, und Robert K. konnte dort einziehen. "Wir haben uns alles geteilt: Miete, Strom, Essen. Die Miete war sehr billig", erzählt er. Dann verstarb die Hauseigentümerin und das Haus wurde an eine Immobilienfirma verkauft. Diese wollte die Wohnungen modernisieren, um sie teuer veräußern zu können. Robert K. und sein Freund mussten umziehen in eine andere Bleibe in München-Pasing.

Allein konnte Robert K. die Miete nicht aufbringen

Dort war die Miete zunächst auch noch relativ günstig. Doch dann kamen immer wieder Erhöhungen. "Mein Freund, der 30 Jahre in Haidhausen gelebt hatte, hat sich in Pasing nicht wohlgefühlt", erzählt Robert K. "Er hat sich physisch und psychisch gehenlassen, ist jeden Tag ein bisschen gestorben." Auch Robert K. ging es gesundheitlich nicht mehr gut. 2014 wurde ihm schließlich gekündigt. Ein Jahr darauf starb sein Freund.

Alleine konnte Robert K. die Miete nicht aufbringen. Nach der Zwangsräumung suchte er sich wieder einen Schlafplatz im Freien. Nach einiger Zeit entdeckte er den Vorbau der kleinen Kapelle in Haidhausen, wo ihn dann Felicitas Sailer vom Evangelischen Hilfswerk aufgespürt hat. So ist Robert K. ins Kompetenztraining Wohnen gekommen.

Robert K. will es schaffen, dass er in ein paar Monaten sein "kleines Reich" als selbständiger Mieter übernimmt. "Ich habe einen Fernseher, ein Sofa und einen Sessel. Jetzt brauche ich noch einen Kleiderschrank und einen Teppich, um die Räume wohnlicher zu machen", meint er zuversichtlich.


Rainer Ulbrich 

Robert K. in seiner Wohnung
Dank des Kompetenztrainings Wohnen hat Robert K. endlich sein eigenes "kleines Reich". Foto: Erol Gurian
Seite drucken