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"Wir müssen das Thema Trauma enttabuisieren"

Interview mit Dr. Udo Baer über Pflege bei Demenz

Udo Baer referierte beim Fachtag Palliative Care und Ethik im November zum Thema „Das Herz wird nicht dement“. Im Interview erklärt er, warum es in der Pflege heute wichtig ist, sich der traumatischen Folgen des Zweiten Weltkriegs bewusst zu sein.

Der Zweite Weltkrieg liegt inzwischen mehr als 70 Jahre zurück. Warum spielt er in der Pflege heute dennoch eine Rolle?

Es ist wichtig zu wissen, dass zwei von drei Menschen, die den Krieg erlebt haben, traumatisiert sind, also auch zwei Drittel der Demenzkranken. Das geht aber noch weiter und betrifft nicht nur die Menschen, die älter als 90 Jahre sind, sondern auch diejenigen, die kurz vor Kriegsende oder in den ers ten Nachkriegsjahren geboren worden sind. 1946 und 1947 gab es noch sehr viel Hunger, viele mussten fliehen.

Wie äußern sich diese Kriegstraumata?

Wenn ich zum Beispiel eine demenziell erkrankte Frau frage, die auf dem Flur des Pflegeheims hin- und herläuft: ‚Wo wollen Sie hin?‘ Dann antwortet sie vielleicht: ‚Zu meinen Kindern‘ oder ‚Zu meinem Mann‘ – auch wenn der schon zehn Jahre tot ist. Manchmal bekomme ich bei traumatisierten Menschen keine Antwort auf diese Frage. Dann brauche ich einen Perspektivwechsel und frage: ‚Wovor laufen Sie weg?‘ Dann kommen Antworten wie: ‚Vor den Bomben oder der Artillerie‘.

Welche Anzeichen für ein Kriegstrauma gibt es noch?

Das Traumagedächtnis arbeitet mit Ähnlichkeiten: Jemand erschrickt, weil eine Tür knallt und sich das fast so anhört wie ein Gewehrschuss. Ich erinnere mich auch an eine Situation in einer Altenpflegeeinrichtung: Da liefen Leute mit harten Schuhsohlen über den Flur und einige der älteren Leute gerieten in Panik. Es hörte sich an wie Soldatenstiefel. Ein anderes Beispiel ist, wenn Essen weggeworfen wird, weil die Teller nicht leer gegessen wurden. Das ist für Menschen, die den Hungerwinter 1946/47 erlebt haben, wie Folter. Wer einmal so gehungert hat, der hebt auch ein angebissenes Brötchen auf – und vergisst es aufgrund seines Krankheitsbildes. Dann liegt irgendwo imSchrank ein schimmliges Brötchen unterm Nachthemd.

Was raten Sie Angehörigen in so einer Situation?

Es hilft gar nicht, an den Verstand zu appellieren: ‚Du weißt doch, dass du hier etwas zu essen kriegst.‘ Es hilft dann eher, die Mutter oder den Vater in den Arm zu nehmen und zu sagen: ‚Gell, du wolltest es nicht wegwerfen.‘ Vielleicht kann man zeigen, wo man das Essen das nächste Mal hintun kann, zum Beispiel in eine Büchse oder in einen Kühlschrank in der Nähe, damit es nicht wieder im Wäscheschrank landet. Das Zweitwichtigste ist: Damals im Krieg waren die Menschen allein. Das war für viele das Schlimmste, wie wir aus Studien wissen. Dann passt der Satz: ‚Du bist nicht allein, ich passe jetzt so gut ich kann auf dich auf.‘ Der hilft unglaublich. Und das Dritte ist: Trösten. Man kann ein tröstendes Lied singen oder einfach nur die Hand halten.

Gibt es unterschiedliche Traumata, wenn man den Krieg als Kind oder Erwachsener erlebt hat?

Eins ist wichtig zu wissen: Man muss ein Trauma nicht selbst erlebt haben, es reicht, wenn man Zeuge war. Wenn ein Kind – egal ob in München oder Aleppo – mitbekommen hat, dass das Nachbarhaus bombardiert worden ist. Wenn Nachbarn und Freunde sterben, dann ist das genau so, als wäre der Mensch selbst in diesem Haus. Auch Kleinkinder bekommen die Angst schon mit.

Unterscheiden sich denn Opfer und Täter in der Art, wie sie das Erlebte verarbeiten?

Wir haben es schon erlebt, dass KZ-Überlebende und Täter im gleichen Altenheim waren. Die überlebenden Opfer verstummen eher, während die Täter oft eine große Klappe haben. Man muss auch sagen, dass viele KZ-Überlebende nicht alt geworden sind. Ich erinnere mich an einen älteren Mann in Frankfurt. Er wollte partout nicht duschen, außerdem hat er Büchsen mit Ölsardinen gesammelt. Die Mitarbeiterinnen im Pflegeheim und wir haben dann herausgefunden, dass er als Jugendlicher im KZ war. Duschen war dort tödlich und Ölsardinen waren das Überlebensmittel an sich. Da war Fett drin und Energie.

Auch heute gibt es wieder traumatisierte Geflüchtete, Menschen, die zum Beispiel den Bosnienkrieg miterlebt haben. Auch sie leben in Deutschland und werden älter. Wie sollen wir als Gesellschaft mit ihnen umgehen?

Wir müssen das Thema Trauma enttabuisieren. Das Wissen um Traumafolgen und einem richtigen Umgang damit gehört in jede Erzieher-, Lehrer- und Pflegeausbildung. Und diejenigen, die jetzt schon in Pflegeeinrichtungen, Schulen oder Kindertagesstätten arbeiten, müssen weitergebildet werden. In Deutschland gibt es immer noch das Ideal, keinen Schmerz zu zeigen. Das gilt besonders für alte Menschen, aber auch für viele andere. Dieses ‚Du musst stark sein‘ ist letztlich auch ein Erbe der Nazi-Erziehung. Wir brauchen in unserer Gesellschaft andere Paradigmen, andere Werte, andere Vorbilder. Es ist eine große Stärke, Schwäche zu zeigen.

Interview: Christine Richter

Udo Baer
Udo Baer ist Diplom-Pädagoge, Therapeut und Autor zahlreicher Bücher. Foto: Privat
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