Innere Mission München

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Zwischen Coolness und Empathie

Ingenieur Detlef Fuellhaas unterstützt Menschen mit Epilepsie im Arbeitsleben

Bei manchen Geschichten fällt es Detlef Fuellhaas schwer, cool zu bleiben. Bei dem Chirurgen war das zum Beispiel der Fall. "Der Mann war nicht nur Chirurg, sondern auch als Notarzt im Rettungswagen unterwegs. Das konnte er mit Epilepsie nicht mehr machen. Wenn Sie so jemandem sagen müssen, dass er in seinem Beruf nicht mehr arbeiten kann, ist das schon eine schwierige emotionale Sache."

Solche Fälle hat Detlef Fuellhaas zwar nicht jeden Tag auf seinem Schreibtisch, aber immer wieder. Der 55-jährige Ingenieur arbeitet seit 2018 beim Bundesprojekt Teilhabe – Epilepsie – Arbeit (TEA), das vom Bundesarbeitsministeriums der Inneren Mission finanziert wird.

Ermutigung zu einem Plan B

Das fünfköpfige TEA-Team hat seinen Sitz in der Dachauer Straße und unterstützt Menschen mit Epilepsie dabei, ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Wenn das nicht möglich ist, ermutigt es zu einem Plan B. Außerdem geben die Mitarbeitenden Tipps für den Umgang mit epilepsiekranken Angestellten und schulen bundesweit regionale Ansprechpartner des Projekts.

"Wir sind oft die Ersten, die davon erfahren, wenn jemand die Diagnose Epilepsie bekommen hat", erzählt Fuellhaas. Dann stellt sich für die Betroffenen schnell die Frage: Kann ich meinen Beruf weiter ausüben? "In 80 Prozent der Fälle reicht schon eine einmalige Beratung am Telefon", sagt der Ingenieur. Ein Büroarbeitsplatz ist ungefährlich, ein LKW-Fahrer oder Schornsteinfeger muss sich sofort einen neuen Job suchen. Bei weiteren zehn Prozent der Fälle telefoniert Fuellhaas noch einige Male mit den Betroffenen, bei den restlichen zehn Prozent ist eine Betriebsbegehung notwendig.

Viel Beratung, moderieren, pragmatische Lösungen finden

Dann schaut er sich gemeinsam mit dem Arbeitgeber und dem Mitarbeiter dessen Arbeitsplatz und die Abläufe genau an und versucht je nach Tätigkeit und Krankheitsbild eine Lösung zu finden. Epileptische Anfälle – dabei kommt es zur synchronen elektrischen Entladungen ganzer Zellverbände im Gehirn – treten bei den Betroffenen unterschiedlich häufig und in variierender Stärke auf. Circa 70 Prozent der Betroffenen bleiben unter Medikation anfallsfrei. Viele Restriktionen fallen nach einem Jahr Anfallsfreiheit wieder weg.

Manchmal reicht es deshalb, wenn die Maschinen am Arbeitsplatz mit einem Sicherheitsschutz ausgerüstet werden; manchmal kann ein Mitarbeiter innerhalb einer Firma zu einer ungefährlicheren Tätigkeit wechseln.
"Das Gute ist, dass ich mich auch in die Arbeitgeber-Seite hineinversetzen kann", sagt Fuellhaas. Aus seinem früheren Arbeitsleben bringt er ein vielfältiges Know-how mit: Der Berater hat in der Produktion ebenso gearbeitet wie im Management. "Meine Arbeit jetzt ist an sich vergleichbar mit meinen vorherigen Tätigkeiten: viel Beratung, moderieren, pragmatische Lösungen finden. Nur bin ich heute viel näher am Menschen." Um damit umgehen zu können, musste er "einen Mittelweg zwischen Coolness und Empathie" finden, sagt Fuellhaas.

"Ich muss mich alle paar Jahre neu erfinden"

Im TEA-Team ergänzt sich der Ingenieur gut mit den anderen Mitarbeitenden: "Ich kann gut komplexe Sachverhalte darstellen", erklärt er. "Von den Kolleginnen und Kollegen aus dem sozialen Bereich lerne ich dafür eine neue Diskussionskultur und soziale Kompetenz." Nach Ablauf des Projekts Anfang 2021 könnte Fuellhaas sich vorstellen, weiter bei der Inneren Mission zu arbeiten – vielleicht auch verstärkt im Themenbereich seiner Masterarbeit, die sich mit der Anwendung neuer Technologien zur Unterstützung älterer Menschen beschäftigt. "Ich muss mich alle paar Jahre neu erfinden", sagt der 55-Jährige. So könne er auch ein positives Beispiel für manche Klienten sein. Sein Motto: "Wenn eine Tür zugeht, gehen drei auf."

Imke Plesch

TEA-Team: Peter Brodisch, René Wencelides, Detlef Fuellhaas, Simone C. Nicklas, Uta Böhme
Das fünfköpfige TEA-Team ergänzt sich (v.l.n.r.): Peter Brodisch, René Wencelides, Detlef Fuellhaas, Simone C. Nicklas, Uta Böhme. Foto: Oliver Bodmer
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